Moderne Villen: Ein Haus wie ein Maßanzug

Ein Spagat zwischen minimalistischem Äußeren und komplexem Inneren, zwischen Offenheit und Intimsphäre. Ein Fall für den Architekten – und den Psychologen in ihm.

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(c) EPA (BERND THISSEN)

Prunk war gestern. Minimalismus ist heute. „Es geht nicht mehr um das Klassenbewusstsein und goldene Armaturen, um Protzen und Repräsentieren“, sagt Architekt Zoran Bodrozic über moderne Villen. Vielmehr drücke die Architektur „den Lebensstil der Bauherren aus, das Haus ist eine Art Maßanzug“. Einzigartigkeit ist Trumpf – und da liegen die Tücken oft im Detail, bauliche Grenzen werden ausgelotet und mehr als einmal wird Neuland betreten. Der Spannungsbogen zeigt sich zudem oft „in einem klaren, minimalistischen Erscheinungsbild und einer überaus komplexen technischen Ausstattung“, so Bodrozic.

Die Großzügigkeit der Wohnfläche, das Hervorheben der Qualitäten des Ortes, die Schaffung von Lebensraum, der sich nicht bloß auf Zimmer beschränkt, sondern auch den Außenraum integriert – darin besteht der Wohnluxus, wie ihn auch Architekt Andreas Schmitzer von „project A01 architects“ vor Augen führt. Dabei spricht er – ganz in der modernen Minimalismusmanier – von der „weißen Box“, die er in Klosterneuburg auf einen Südhang gesetzt hat. Und meint den auf Stahlstützen ruhenden Teil einer weitläufigen Villa mit einer Wohnfläche von 400 Quadratmetern. Während der obere kompaktere Baukörper sich leicht vom Gelände löst, folgt der untere Bereich des Hauses dem Geländeverlauf. In einer Verdichtung von Innen- und Außenbeziehung schließt der Pool direkt an den Wohnraum an. Auch die Möblierung und die Pflanzen folgen diesem Anspruch, der frostbeständige portugiesische Stein Mocca Creme beispielsweise kam dafür im Außen- und Innenbereich zum Einsatz.

 

Freier Blick aus dem Dach

Eine besondere Herausforderung lag nicht nur in der geforderten extrem glatten Oberfläche der Außenhaut, sondern vor allem auch in der „fünften Fassade“: dem Dach. Für das flache, weiße Dach wurden Eternitplatten gänzlich horizontal verlegt. Das ausführende Unternehmen betrat damit Neuland. Denn: „Entwässert wird nur über die Fugen“, erklärt Schmitzer. Extravaganz wurde auch mit einem „Cabrio-Dach“ geschaffen – zehn Quadratmeter groß, aus Glas und flach geneigt findet es sich über dem Spielflur der Kinder und kann vollständig geöffnet werden. Auch hier war die Verbindung von innen und außen dominierendes Thema. „Es sind gerade die vielen Details, die überraschende Ein- und Ausblicke liefern“, sagt Schmitzer. So belichtet etwa ein im Pool befindliches Unterwasserfenster den Fitnessraum.

Was es nach Schmitzers Erfahrung auf jeden Fall braucht, um derartige Projekte abzuwickeln: eine intakte Vertrauensbeziehung zwischen Architekt und Bauherren. Gerade die Umsetzung von Unkonventionellem und von Sonderwünschen „kann nur gelingen, wenn eine schon fast freundschaftliche Kooperation mit dem Bauherrn besteht“. Schließlich seien Rückschläge stets Teil des Prozesses. Wie individuell Villen des 21. Jahrhunderts geplant sind, vergegenwärtigt eine Anekdote: Der Platz für ein Kunstwerk aus Familienbesitz, das einen Urahn zeigt, wurde von Anfang an in die Planung des Baus in Klosterneuburg miteinbezogen.

Diese Vertrauensbeziehung betont auch Bodrozic, der Architekt mutiere mitunter zum Psychologen. Schließlich müssen Wünsche definiert, artikuliert und ausgelotet werden. Im Fall eines Projekts im Burgenland waren die Vorstellungen des Bauherrenpaares anfangs konträr – ihm gefiel ein Schloss, ihr ein modernes Haus. In der intensiven Planungsphase kristallisierte sich dann eine zeitgeistige Landhausstimmung als verbindendes Element heraus. Im Wohnraum wurde ein Deck hin zum Schwimmbiotop geschaffen, das – und über einen Steg – mit den Innenräumen korrespondiert. Alle Zimmer sind zum Steg ausgerichtet, Schiebeelemente innen und Faltelemente außen schaffen Rückzugszonen.

Obwohl offene Raumkonzepte bei den meisten Grundrissen vorherrschen, verlangen die Kunden auch nach Zonen, die flexibel geschlossen werden können. Diesen Bedürfnissen müsse der Architekt Rechnung tragen, „hier kommt der Schutzmechanismus des Menschen zum Tragen, die Notwendigkeit von Intimsphären und Rückzugsorten“, sagt Bodrozic. Im Fall des „Hauses We“, rund hundert Kilometer von Wien entfernt, sorgt die faltbare Außenhaut aus Lärchenholz für Privatheit und Sonnenschutz. An der Nordseite wurden an die Zimmer angedockte Räume wie Garderobe und Bad direkt in den Hang gebaut. Der moderne Luxus drückt sich nicht zuletzt in der Technik aus – als Niedrigenergiehaus mit einer Pelletsheizung ist es energetisch optimiert.

 

Haus mit Charakter

Ein nicht alltägliches Gebäude mit viel Bezug zum Garten und viel Licht. Und im Gegensatz dazu eine fast vollkommene Abschottung zur Straße: Das waren die Wünsche für ein Projekt in Perchtoldsdorf. Demgemäß verschließt sich das Domizil zur Straße hin, öffnet sich aber zum privaten Grünraum, der nach Osten hin ansteigt und terrassenförmig angelegt ist. Geschaffen wurde auch ein Atelierbereich – als Einheit mit dem Baukörper und dennoch mit einer klaren Abgrenzung. In Bezug auf das Materialkonzept „haben wir mit ehrlichen Materialien gearbeitet“, sagt Architekt Christian Formann von „formann2puschmann architekten“. Sichtbeton und Stahlträger sollten die Konstruktion und die tragende Struktur erlebbar machen. „Wir wollten kein steriles Gebäude schaffen, sondern ein Haus mit Charakter.“

Gerade diese Materialien begegnen einem in den Innenräumen wieder – wie das in einem Rotton verwendete Glas als Teil der Fassade, das thematisch auch mit der Küche und dem Badezimmer verknüpft ist. Vom Eingang weg wurde mit den Raumhöhen gespielt, die von 2,5 bis 3,8 Meter reichen. So werden Schwellen erzeugt, die es möglich machen, größtenteils ohne Elemente wie Türen auszukommen und die einen fortwährenden Raumfluss gewährleisten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2010)

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