"Smart City": Städte der Zukunft als Problemzone

27.08.2011 | 18:15 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Thema "Smart City" wurde in Alpbach breit diskutiert. Ideen gibt es genug: Moderne Sensoren liefern Daten, um wachsende Städte zu verstehen. Wer gut plant, kann der älter werdenden Bevölkerung Qualität bieten.

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Das beste Beispiel für eine ,Smart City‘ ist Kairo oder das, was derzeit in Libyen passiert“, sagt Carlo Ratti bei den Alpbacher Technologiegesprächen: „Dort nutzen die Menschen neue Technologien und soziale Netzwerke in Echtzeit, um etwas Großes wie die arabische Revolution entstehen zu lassen.“ Dem Thema „Smart City“ wurde in den Tiroler Bergen viel Raum gegeben: Drei Arbeitskreise und ein Plenum diskutierten die Herausforderungen der Städte der Zukunft.

Ein Beispiel, wie Real-Time-Information zur Sicherheit der Bürger genutzt werden kann, schlug auch die Londoner Regierung aktuell nach den Plünderungen vor: Man sollte besser mit den Anbietern von sozialen Netzwerken zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass diese zu ähnlichen kriminellen Zwecken ausgenutzt werden.

Doch im Prinzip kann alles, was derzeit an neuen Technologien wortwörtlich im Raum schwebt, auch sinnvoll eingesetzt werden – etwa zur Wissensgewinnung. Der Italiener Ratti leitet am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das SENSEable City Lab, in dem moderne Sensortechniken entwickelt und genutzt werden, um Städte von heute und morgen besser zu verstehen: Im „Trashtrack“-Projekt wurden 3000 alte Elektronikgeräte in Seattle und New York mit Chips versehen, die die Forscher verfolgen konnten. So wurde erstmals sichtbar gemacht, wie der Elektronikmüll durch die ganze Welt geschickt wird: zum Recycling oder zur Nutzung in ärmeren Ländern, wodurch unter anderem Transportressourcen vergeudet werden.

Oder man macht die Anzahl der Handyanrufe in einer Stadt sichtbar. Dies tat Rattis Labor weltweit erstmals in Graz 2005: Völlig anonymisiert wurde über die Handydaten gemessen, wo sich Menschen in einer Stadt aufhalten, wo sie kommunizieren, und welche Wege sie bevorzugt zurücklegen. Dieses Wissen kann für moderne Infrastrukturplanung genutzt werden. „Derzeit haben wir kein Projekt in Österreich, aber viele Österreicher arbeiten in unserem Labor. Kristian Klöckl leitet z.B. unser Labor in Singapur. Ein Projekt läuft derzeit in Südtirol, nahe an Österreich“, schmunzelt Ratti.

In Bozen wird ein Sensor-und-Feedback-System erprobt, das den traditionellen Markt auf dem Dorfplatz ersetzen könnte: „Statt dass alle, die etwas kaufen und verkaufen wollen, an einem Tag zu einem Ort kommen, könnte jeder über soziale Netzwerke seinen Aufenthaltsort bekannt geben, und das, was er kaufen oder verkaufen möchte. Dann finden Touristen stets den besten Speckverkäufer in ihrer Nähe, oder ein Auto mit Kirschen bleibt bei ihnen stehen, wenn sie danach verlangen.“


Sicherheit der Daten. Bei solchen Zukunftsvisionen drängt sich die Frage nach der Sicherheit der sensiblen Daten auf. Ratti dazu: „Der Trend geht dahin, dass die Menschen alle Daten, die über sie sammelbar sind, selbst besitzen und entscheiden, welche Informationen sie mit wem teilen.“ In seinem Labor wird jedenfalls Informationssicherheit großgeschrieben, es geht hier nicht um den gläsernen Stadtmenschen, sondern um neue Wege der Vernetzung. „Die Angst vor zu wenig Privatsphäre hat in Italien schon zu Unfällen geführt: Ein Mann, der mit seiner heimlichen Freundin auf der Straße war, ist vor einem Google-Street-View-Auto davongelaufen und hat dabei einen Unfall gebaut“, lacht Ratti.

Eine weitere Koryphäe auf dem Gebiet der Smart Cities ist Peter Nijkamp (Universität Amsterdam), er betont auch in Alpbach, dass wir in einem „urbanen Jahrhundert“ leben: Während vor 200 Jahren nur zehn Prozent der Erdbevölkerung in Städten gelebt haben, sind es seit 2007 bereits 50Prozent, und 2050 werden es voraussichtlich 70 Prozent sein: „Wir müssen jetzt forschen und umsetzen, damit die Vorteile, wegen derer die Menschen überhaupt erst in Städte ziehen, in Riesenstädten nicht verloren gehen.“

Technologie sei dabei eine der antreibenden Kräfte: „Am Beispiel der Türkei sehen Sie, dass sich dort die Vernetzung der Städte untereinander sehr nach der Technologie richtet, die bei deren Entstehung vorhanden war: Das waren Kamele. Die laufen nun mal nicht weiter als 30 bis 35 Kilometer.“ Es sei also sinnvoll, heutige Städteplanung an heutige Technologien anzupassen, so Nijkamp, der auch Vordenker des „Urban Europe“-Programms ist. Bei diesem EU-Joint-Programm ist auch Österreich stark eingebunden (BMVIT, AIT, Joanneum Research etc.).

Zum Thema Österreich machte die Demografin Alexia Fürnkranz-Prskawetz von der ÖAW darauf aufmerksam, dass wir bei allen Überlegungen in Richtung „Stadt der Zukunft“ nicht auf die sich ändernde Altersstruktur vergessen dürfen: „Die Bevölkerung Österreichs wird weiterwachsen und wird älter. 2050 werden hier 9,4 Millionen Menschen leben. Heute ist etwa ein Fünftel über 60 Jahre alt, dann wird aber ein Drittel dieser Menschen über 60 sein.“

Je kleinräumiger man das Bevölkerungswachstum analysiert und vorausberechnet, umso besser könne man gegensteuern: „Es werden besonders die Städte stark wachsen: Wien und sein nördliches und südliches Umland, Graz und Innsbruck – aber auch die Rheintal-Bodensee-Region. Die Bevölkerungszahlen der Steiermark werden stark schrumpfen, ebenso Kärnten.“

Wien wird jedenfalls – laut der ÖROK-Studie von Alexander Hanika – zum jüngsten Bundesland werden, sogar im Durchschnitt jünger als heute. „All das muss man als Ökonom beachten“, so Fürnkranz-Prskawetz. Denn die Bevölkerung wird immer heterogener: Das Wachstum wird vor allem durch Migration entstehen (nicht nur aus dem Ausland, auch innerhalb Österreichs), und die Bildungsniveaus der Menschen werden immer unterschiedlicher. Ein Horrorszenario möchte die Forscherin darin aber nicht sehen: „Horror wäre es nur, wenn wir jetzt nichts tun. Zum Beispiel sollte die ökonomische Inaktivität nicht bei 60 Jahren beginnen, wenn die Menschen immer länger gesund leben.“

Dazu warf auch Peter Nijkamp wieder eine Anekdote ein: „Früher brachte man alte Menschen in Heime auf dem Land, wo sie schöne Natur haben. Doch dann sagten sie: ,Hier sind immer nur die gleichen Bäume.‘ Heute wollen auch Senioren lieber in der Stadt leben, wo Abwechslung und Unterhaltung einfach zu erreichen sind.“

Ob man Städte der Zukunft durch die üblichen Lösungsansätze sinnvoll gestalten kann, das bezweifelt zudem der Architekt Wolf D. Prix (Coop Himmelb(l)au): „Der FC Barcelona wurde zum weltbesten Fußballverein, weil die Trainer den Spielern strategische Züge aus dem Eishockey und Basketball beigebracht haben.“ Er meint, dass man nicht „Smart Citys“ braucht, sondern smarte Entscheidungsträger, um völlig neue Lösungen möglich zu machen. Sein Büro schaut sich etwa von der Vernetzung von Gehirnzellen ab, wie man Stadtvernetzung verbessern könne. Oder man sollte Städte nicht mehr nach Baufluchtlinien und herkömmlichen ästhetischen Ansprüchen gestalten, sondern die Gebäude nach „Energielinien von Sonne, Wind und Geothermie ausrichten“. Denn diese Energielieferanten werden auch in Zukunft nicht schwinden.


Heimische Projekte. Auch Tatjana Oppitz (IBM Österreich) brachte beim Plenum neue Lösungskonzepte für die neuen Städte und Megastädte: „Die moderne Kommunikation und Web 2.0 sind nicht nur Spielzeug für Internetfreaks.“ Sondern man könnte sie als Portal zum Gedankenaustausch der Bürger mit ihren Politikern nutzen oder alle Systeme, die im System Stadt vereint sind (Transport, Bürgerservice, Gesundheitsversorgung etc.) vernetzen, um sie „smart“ zu machen.

Welche Städte in Österreich auf dem besten Weg zur „Smart City“ sind, zeigt eine aktuelle Ausschreibung des Klima- und Energiefonds, bei der 20 Projekte ausgesucht wurden, um Konzepte ihrer intelligenten Stadtplanung zu entwickeln. So will Linz etwa alle Initiativen von Energie-Effizienz bündeln, Villach schwebt eine Vernetzung von Gebäudetechnologie, Smart Grids und sanfte Mobilität als „Vision 2050“ vor, oder Bruck an der Mur versucht einen „Green Link“ durch besser abgestimmte Energienetze. Der zweite Call startet nun im September, dabei stehen 13 Millionen Euro zur Verfügung, um ausgesuchte Konzepte bis zur Entwicklung des Demoprojekts zu fördern.

Smart City

Smart City heißt das Schlagwort für Städte der Zukunft: Sie sollen energieeffizient, emissionsreduziert, „benutzerfreundlich“ etc. sein. Der Einsatz neuer Technologien ist dabei wichtig.

Heute nehmen Städte
zwei Prozent der Erdfläche ein, dort leben 50 Prozent der Menschheit. Städte verbrauchen 75Prozent der Energie auf Erden und verpuffen 80 Prozent aller CO2-Emissionen.

Im Jahr 2050 werden 70 Prozent der Bevölkerung in Städten leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2011)

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3 Kommentare

gute

Nun muss man wirklich anfangen, konkret die Städte von Zukunft zu organisieren. Smarter Planet hat IBM ein Projekt genannt, bei dem es um die Vernetzung diverser Prozesse von Großstädten geht.


Gast: Buusch
28.08.2011 21:33
1 0

der Baustein einer "Smart City" ist "die geplante Nachbarschaft"

. . . Wohnsiedlungen sollten für Familien, Kinder und Alte geschaffen werden, Apartments mit 3 oder 4 Etagen, Grünflächen mit Spielplätzen, den Greißler um die Ecke.
An den Verkehrsadern wäre breiter Raum für öffentliche Einrichtungen, die Geschäfts- und Arbeitswelt einzuräumen.

wahrscheinlich ist die ....

häufige verwendung des fahrrades in mittelgroßen städten (wie zb wien) ein guter weg in richung "smart city"; die bewohner rücken zusammen, und man geht miteinander einfach freundlicher und verbindlicher um...

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