Wien. Mit der Volkszählung 2011 wurde es amtlich. Die Bevölkerung in Wien wächst stark. Von 2001 bis 2011 ist die Einwohnerzahl um 11,2 Prozent gestiegen. Das ist mit Abstand der höchste Wert in Österreich. Auf Platz zwei folgen – mit Respektabstand – Vorarlberg und Tirol mit 5,7 Prozent.
Und Wien wird weiter wachsen. Laut „Kleinräumiger Bevölkerungsprognose Wien“, die von der MA18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung) und der Statistik Austria erstellt wurde, sollen 2035 zwei Millionen Menschen in Wien leben – ausgelöst durch einen deutlichen Zuzug. Damit steht der Wohnbau vor Problemen.
Auf den ersten Blick ist Wien gut gerüstet. Für heuer meldet das Wohnbauressort ein Rekordjahr: Ungefähr 6800 neue Wohnungen wurden fertiggestellt, und damit wird ein Trend fortgeschrieben. Denn vor drei Jahren wurde die jährliche Wohnbauleistung von 5000 auf 6500 Wohnungen erhöht – als Reaktion auf die steigende Bevölkerungszahl.
Kunstgriff gegen hohe Mieten
Nur: 2011 wurde das Budget für den Wohnbau um 90 Millionen Euro gekürzt, und damit die Förderzusagen für neu geplante Wohnungen. Ab 2012 hätte sich diese Kürzung deutlich ausgewirkt. Demnach hätten nur mehr etwa 4500 geförderte Wohnungen gebaut werden können, mit dem Effekt, dass auch die Mieten am freien Markt noch stärker als bisher gestiegen wären. Doch mit einem Kunstgriff wurde das (vorerst) verhindert. Die Stadt Wien hat in Zeiten eines sehr niedrigen Zinsniveaus einen Kredit aufgenommen, und ihn an Konsortien aus Bauträgern und Finanzdienstleistern weitergeben. Für dieses Darlehen der Stadt, das die Bauträger zurückzahlen müssen, wurde ein Wohnbaupaket ausgehandelt: Die Bauträger müssen ab 2012 (einmalig) rund 6250 neue Wohnungen errichten, wobei die Mieten nur unwesentlich höher sein dürfen als im geförderten Wohnbau. Der Vorteil für die Bauträger: Sie zahlen der Stadt deutlich niedrigere Zinsen als auf dem freien Markt.
Baustart in Aspern
Das erste sichtbare Zeichen dieser Kooperation wird Ende 2012 in Aspern entstehen. Dort erfolgt der Baustart für 800 Wohnungen. Aber auch das Gelände des Hauptbahnhofes wird 2012 in Angriff genommen. Nördlich und südlich des Sonnwendviertels wird das Verfahren für 450 geförderte Wohnungen ausgeschrieben. Der Start des Bauträgerwettbewerbs wird im ersten Quartal 2012 erfolgen, die Fertigstellung der Wohnungen ist für 2015 geplant.
Dazu kommt im Sommer der Bauträgerwettbewerb Zippererstraße, südlich der Gasometer. Hier geht es um 400 geförderte Wohnungen, die 2016 fertiggestellt werden sollen. Parallel dazu soll die innerstädtische Sanierung vorangetrieben werden, was auch bedeutet, dass zahlreiche neue Wohnungen in ausgebauten Dachgeschoßen entstehen.
Das Gebot lautet aber: sparen. Wegen der Wirtschaftskrise bzw. wegen der steigenden Bau- bzw. Grundstückspreise. Dieses Ziel soll durch strengere Vorgaben bei Bauträgerwettbewerben erreicht werden. Die Investoren sollen innovativer werden, sowohl im architektonischen, im ökologischen als auch finanztechnischen Bereich, so Wohnbaustadtrat Michael Ludwig – beispielsweise durch energieeffiziente Baukörper und bessere Planung.
Wohnen nach Zielgruppe
Für die Wiener zumindest ebenso wichtig ist ein Trend, der 2012 intensiviert wird: das Errichten von Wohnbauten für spezielle Zielgruppen. Unter dem Motto „Wohnen für Familien“ entstehen in der ehemaligen „Stadt des Kindes“ in Penzing geförderte Mietwohnungen – in einem kinderfreundlichen Areal mit Freizeiteinrichtungen wie Schwimmbad, Sporthalle, Gemeinschaftseinrichtungen und mehreren Spielplätzen. Dieser Gebäudekomplex soll Mitte des Jahres 2012 fertiggestellt sein.
Die Bike&Swim-Wohnungen in der Vorgartenstraße (Leopoldstadt) sollen im Frühjahr 2012 bezogen werden. Dort gibt es einen hauseigenen Wellnessbereich und 800 Fahrradabstellplätze, damit die Bewohner das Auto möglichst oft stehen lassen.
Weiters wird beispielsweise noch das „Wohnen für Generationen“ mit betreuten Wohnungen und einer Art Wohngemeinschaft für Senioren in der Ameisgasse in Penzing errichtet.
Gemeinsame Gärten für Singles
Auch entstehen – der gesellschaftlichen Entwicklung folgend – immer mehr Singlewohnungen. Gleichzeitig soll eine neue Gestaltung der Wohnanlagen dafür sorgen, dass das Zusammenleben verbessert wird. In den Bauprojekten werden Gemeinschaftsräume oder gemeinsame Gärten geplant, in denen sich Mieter treffen und kennenlernen können. Der intensivere Kontakt soll für bessere Beziehungen der Nachbarn sorgen.
Apropos „gutes Zusammenleben“. Dafür ist den Mietern im Gemeindebau vor allem die Einhaltung der Hausordnung wichtig. Und die wird ab 2012 immer stärker überprüft. Zum einen gibt es Planquadrate der sogenannten „Ordnungsberater“ und ähnlicher Einsatzgruppen.
95 Betreuer im Gemeindebau
Zudem wird die Zahl der neuen Hausbesorger („Hausbetreuer“) 2012 deutlich steigen. Seit dem 1. Jänner sind 95 der neuen Betreuer in den Wiener Gemeindebauten im Dienst.
Bisher erschienen: Hauptstadt-Tourismus (2. 1.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2012)
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