Die Archivare der Wiener Designmoderne

11.02.2012 | 18:21 |  von Daniel kalt (Die Presse)

Die Zeit drängt, will man sich um die Neuentdeckungvon österreichischen Designern und Architekten der Zwischen- und Nachkriegszeit bemühen. Bislang gibt es kaum systematische Forschung.

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Zwischen der Wertschätzung von Gegenständen und dem Wissen um ihren Hintergrund besteht ein enger Zusammenhang. Und Wissen, das sich aus dem Gedächtnis von Zeitzeugen oder nicht aufgearbeiteten Archiven speist, droht nach ein oder zwei Generationssprüngen unwiederbringlich verloren zu gehen. Wo es um Designobjekte und Gesamtgestaltungskonzepte der Wiener Moderne und der Nachkriegsjahrzehnte geht, drängt nunmehr die Zeit. Noch lassen sich Erinnerungsfragmente kompilieren, die als Grundlage einer systematischen Aufarbeitung dienen können. Der Schlüssel dazu sind die Kinder und Kindeskinder jener Architekten und Designer, deren Schöpfungen vor dem Verschwinden in der Anonymität, und von dort führt der Weg nicht selten schnurstracks auf den Müllplatz, bewahrt werden müssen.

Markt bedingt Interesse. „Vieles aus der Zeit der Wiener Moderne droht, dem Vergessen preisgegeben zu werden“, bestätigt Christian Witt-Dörring, langjähriger Kustos der MAK-Möbelsammlung, und fährt fort: „Es ist bezeichnend, dass oft nicht einmal diejenigen, die etwas schaffen, ihre eigene Arbeit dokumentieren.“ Umso wichtiger sind die Anstrengungen von Nachkommen und ihr Bewusstsein für die Wichtigkeit von firmeneigenen Plänen, Katalogen und Entwurfsbüchern. Der Architekt Carl Auböck ist etwa an dieser Stelle zu nennen: Er leitet seit 1993, in vierter Generation, die bekannte Metallwerkstätte im Wiener Brillantengrund, die von seinem Urgroßvater Karl Ende des 19.Jahrhunderts begründet, später von seinem Großvater Carl und dessen Sohn, Carl, zu Weltruhm geführt wurde. Die Chancen, dass es in dieser Reihe einen weiteren Carl geben wird, stehen übrigens nicht schlecht: Der Sohn des aktuellen Firmenchefs studiert Architektur an der TU Wien und liefere bereits, so sein Vater, Kostproben seines gestalterischen Talents; vielleicht wurde es ihm ja mit dem Vornamen überantwortet. Carl Auböck nun, Jahrgang 1954, hat selbst zwei Bücher herausgegeben, die die Firmengeschichte dokumentieren, und er pflegt das Archiv in bestmöglicher Weise: „Mein Vater hat sich nie für den historischen Aspekt der Firma interessiert; meiner Schwester Maria und mir war aber wichtig, den Umfang der Arbeit zu zeigen und zu dokumentieren.“ So bemüht er sich, von Händlern maßgebliche Objekte zurückzukaufen – viel ist in die USA gewandert, wo es seit den 1950ern Auböck-Sammler gibt –, um selbst den Überblick zu bewahren und die Authentizität von am Markt auftauchenden Figuren, Gebrauchsgegenständen oder Möbeln überprüfen zu können: „Es gibt viele Sachen aus den Fünfzigerjahren, die fälschlich als Auböck-Produkte ausgewiesen werden – das ärgert mich wirklich.“

In einem anderen Traditionsunternehmen, das durch seine Metallarbeiten berühmt wurde, ist die Lage nicht unähnlich: Seit etwa zehn Jahren betreibt Ronald Hagenauer mit seinem Vater Karl eine Verkaufsgalerie am Opernring, der Schwerpunkt liegt auf Objekten seines Großvaters Karl und des Großonkels Franz Hagenauer. Auch hier wird einiges aus dem Ausland zurückgekauft, und es gibt, wie bei Auböck, vereinzelt Neuauflagen alter Entwürfe. Doch selbst eine umfangreiche Hagenauer-Werkschau im Wagner Werk 2011 wog nicht das Fehlen von Archivmaterial auf, das ein komplettes Panorama der Werkstättenerzeugnisse erschließen würde. „Natürlich existierten Entwurfsbücher in der gesamten Firmengeschichte“, meint Ronald Hagenauer. „Leider wurde aber der Bestand nach dem Tod meines Onkels 1986 in alle Richtungen verstreut; die Nachkommen hatten wenig Interesse daran, es gab ja auch keinen Markt für die Objekte.“ Vereinzelt werde er zwar heute zugezogen, um Expertisen über Möbelstücke zu verfassen, die möglicherweise von den Werkstätten angefertigt wurden. In Ermangelung einer genauen Dokumentation ist die sichere Zuordnung aber nicht immer möglich: „Es gab zwar zahlreiche Möbel von Hagenauer, vieles wurde aber in weiterer Folge weggeworfen. Außerdem waren die Stücke nicht gemarkt, was es erschwert, sie als Erzeugnisse der Firma zu identifizieren.“

TV als Museumsersatz. Das Fehlen von Bezugspunkten lässt also Objekte innerhalb weniger Jahre, oft genügt ein Umzug oder eine Wohnungsauflösung, in der Anonymität verschwinden. Die Konsequenzen sind unerquicklich: „In den Achtzigerjahren ist viel an Mobiliar aus der Nachkriegszeit schneller auf einem Platz der MA48 gelandet, als man schauen konnte“, stellt Brigitte Mang fest. Die Leiterin der österreichischen Bundesgärten und Absolventin eines Architekturstudiums ist Tochter von Eva und Karl Mang, ebenfalls Architekten, zu deren Arbeit sie bemerkt: „Die Verbindung zwischen der Architektur und den Möbeln meiner Eltern besteht darin, dass sie einer Tradition architektonischen Denkens angehörten, die alles gestaltete, angefangen bei der Türschnalle. Jeder Schrank, jedes Kästchen, jede Bar war ein maßangefertigtes Einzelstück.“ Genau dieser Aspekt der Gesamtgestaltung bedingte jedoch in weiterer Folge, dass bei Wohnungsumbauten das Inventar oft in Bausch und Bogen zerstört oder veräußert wurde. Die Pläne des Büros ihrer Eltern sind aber großteils erhalten, und der heute 90-jährige Karl Mang hat selbst in seinem 2007 erschienenen Buch „Schriften, Skizzen, Erinnerungen eines Architekten“ (Böhlau) den Weg für eine weitere Aufarbeitung seiner Arbeit geebnet.

Schwieriger dürfte sich diese im Fall des Architekten Walter Gindele gestalten, der 2009 verstorben ist. Er habe es verabsäumt, meint seine Tochter Denise Gould-Salmi, zu Lebzeiten die Nachnutzung seines Firmenarchivs vorzubereiten: „Leider hat mein Vater die meisten Pläne und Skizzenbücher im Keller aufbewahrt, wo sie verschimmelt sind. Nach seinem Tod war ich überfordert von diesen Unmengen an nicht aufgearbeitetem Material in obendrein schlechtem Zustand.“ Bis zum Schluss sei Gindele noch über Plänen für den Umbau seiner Villa am Gallitzinberg gesessen, die er zu verkaufen beabsichtigte. Zu diesem Verkauf und wenigstens einem Teilerhalt des schlichten Gebäudes aus den frühen Sechzigerjahren ist es aber nicht gekommen; Denise Gould-Salmi trennte sich letztes Jahr von dem Haus: „Es wieder bewohnbar zu machen, hätte Unsummen gekostet – die Glasfront hätte ersetzt, alle Wände isoliert werden müssen. Die Käufer werden es abreißen.“ Geblieben sind ihr von der Arbeit des Vaters ein paar Unterlagen aus dem Büro, Möbelstücke und Fotos. Zum Beispiel vom Kurier-Hochhaus, das Gindele plante, wie auch die Villa des Zeitungsmachers Ludwig Polsterer oder das Bally-Schuhgeschäft in der Innenstadt. Dass ein Gindele-Boom ausbrechen könnte, bezweifelt seine Tochter heute, dafür gebe es einfach nicht genug Material.

Über eines ist sie aber froh: Kurz vor dem Verkauf durfte Walter Gindeles Eigenheim noch einmal prominent in Erscheinung treten, als Drehort der Krimiserie „Schnell ermittelt“: „Da wird die Fassade gezeigt, die Garage, man sieht auch den Innenraum. Das hat mich zum Schluss noch ein bisschen beruhigt, zu wissen, dass es noch einmal gezeigt und dokumentiert wurde.“ Beruhigender wäre es für die österreichische Design- und Architekturgeschichte des 20.Jahrhunderts natürlich, wenn künftig nicht kommerzielle Fernsehproduktionen, sondern berufene Kulturinstitutionen auf den Plan träten, um Abrissbirnen und Sperrmüllcontainern Einhalt zu gebieten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)

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