Die Geschichte eines Ihrer Objekte hat in Wien begonnen . . .
Der „Solar Tree“, genau (Anm.: eine Leuchte für den urbanen Raum, die inzwischen vom Hersteller Artemide produziert wird). Peter Noever vom MAK rief mich damals an und sagte: „He, Ross, die haben so scheußliche Leuchten vor mein Museum gestellt, du musst etwas tun.“ Daraufhin habe ich den Entwurf gemacht. Die letzte Info, die ich habe, ist, dass sie jetzt 30 davon in Peking aufstellen wollen. Aber ich finde, der Entwurf sollte wieder nach Hause kommen, nach Wien. Die Stadt ist ein sehr populärer Ort. Und viele Menschen sind sehr gebildet im Design- und Architekturbereich.
Nicht viele Städte investieren in Design im öffentlichen Raum. Design findet hauptsächlich zu Hause statt.
Das ist insbesondere das Problem von Städten, in denen eine Kluft zwischen reicheren und ärmeren Menschen besteht. Jeder schließt seinen Reichtum, auch seinen ästhetischen, ein. Wir müssen die schönen Dinge des Inneren nach außen bringen. Vandalismus sehe ich dabei nicht als Problem an. Die Menschen stellen auch ihren 100.000-Euro-Mercedes auf der Straße ab und gehen beruhigt schlafen. Wenn die einzigen Dinge, die in der Außenwelt schön und gut designt sind, die Autos sind, dann ist das doch traurig.
Man sagt, dort wo man keine Graffiti an den Wänden findet, kann das „Urban Design“ kein gutes sein . . .
Schauen Sie, die Gesellschaft hat sich verändert. Wie toll wäre es, wenn die Smartphone-User ihre Geräte an diesem „Baum“ aufladen könnten. Am Abend könnten sich rundherum Jugendliche versammeln. Die werden das Ding nicht ruinieren, wenn sie es nutzen können. Man muss einfach eine Synergie finden zwischen Lifestyle und Objekt.
Also soll das Objekt auch soziale Nachhaltigkeit generieren?
Ja, nicht nur die Sonnenenergie nutzen, im Dunkeln leuchten, Handys und Laptops aufladen. Sondern: Machen wir doch den Solar-Tree zum Hub für die Community, die sich da draußen bewegt. Schauen Sie sich um. Es sieht überall so aus, als wären wir in einem Außengefängnis. Wo ist die Schönheit des Draußen?
Finden Sie nicht, dass sich außer Designer und Fotografen generell zu wenige Menschen mit Licht beschäftigen?
Eine der schockierendsten Statistiken, die ich je gehört habe, war, dass New York während des Tages mehr Licht verbraucht als in der Nacht. Wegen der Büros. Sehen Sie, wenn man den Energieverbrauch nur um ein Prozent verringert, hat das schon immense Auswirkungen. Für einen Designer ist Licht natürlich ein wunderbares Mittel des Ausdrucks. Ich bin wahrscheinlich ein profilierter Leuchtendesigner, aber das zu werden, war nicht unbedingt mein Vorhaben. Ich habe das Glück, mit Artemide ein Unternehmen zu haben, das einfach viele Dinge von mir produziert. Ich bin in einer glücklichen Lage.
Sollten sich die Designer nicht mehr mit dem Tageslicht beschäftigen? Schließlich gibt es doch kein besseres Licht . . .
Mit dem „Sun Tunnel“ von Velux habe ich ja experimentiert, welche Möglichkeiten wir mit dem Tageslicht haben. Und ja: Es ist unglaublich, wie viel Energie jede Sekunde auf die Erde herabkommt. Da macht es absolut Sinn, Wege zu finden, das Interesse an Natur und biomimetischen Formen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen in Objekten zusammenzufügen. Auch die Faseroptik, mit der sich etwa die österreichische Firma Zumtobel beschäftigt, interessiert mich sehr. Ich glaube, eine junge, inspirierte, technologieinteressierte Generation könnte die Ästhetik des Lebens verändern. Und daran müssen wir arbeiten.
Wenn man über Sie liest, dann immer auch über Natur, biomimetische und organische Formen. Eine persönliche Frage: Glauben Sie an eine kreative Intelligenz, die all das geschaffen hat?
Ja, das ist in der Tat eine sehr große persönliche Frage. Also: Die Sonne ist Gott. Gehen Sie zurück zu den frühen Zivilisationen – alle haben die Sonne verehrt. Wenn die Sonne nicht aufgeht, endet das Leben. Sie wissen das. Es läuft also folgendermaßen: Die Sonne und die perfekte Position der Erde im Sonnensystem stellen die perfekte Beziehung dar. Natur ist eine Religion. Sie muss es einfach sein. Die Leute sagen, ich sei religiös. Aber ich sage, ich bin spirituell. Das bedeutet, dass ich ein Humanist bin. Und das kann man nur sein, wenn man ein menschenzentriertes Weltbild hat. Und dafür wiederum muss man aber auch ein erd-zentriertes Weltbild haben. Denn ohne Erde gibt es eben keine Menschen.
Die Leute sehen Ihre Entwürfe oft als „futuristisch“. Wie „futuristisch“ sehen Sie sich selbst?
Was wollen Sie machen? Aufwachen und etwas zeichnen, von dem Sie wissen, dass es schon existiert, niemanden stimuliert und nichts auslöst? Nur um Geld zu machen, um ein verdammter berühmter Designer zu sein? Warum sollte man unter dem eigenen Niveau arbeiten? Ich habe einen Geist, der weit, weit da draußen ist. Die Menschheit hat ein Geschenk bekommen, nämlich, sich die Zukunft ausmalen zu können. Alles, was ich zeichne, auch privat und nur für mich selbst, ist immer jenseits von hier und jetzt. Und wenn es Hersteller gibt, die sich mit mir gemeinsam auf die Zukunft vorbereiten wollen, bitte gern.
Ross Lovegrove: Kosmische Kräfte
07.06.2012 | 15:22 | Interview: Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)
Ross Lovegrove verehrt die Sonne, die Erde und die Menschen. Und diese loben seine Designs und Ideen, die weit über das Hier und Heute hinausreichen.
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