25.05.2013 03:38 Merkliste 0

Nendo Design: Auf dem Spielplatz der Ideen

21.06.2012 | 18:18 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Oki Sato fabriziert mit Nendo Design weltweit gestalterische Pointen und Erfolge. In Serie wie auch als Einzelstücke.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Auch eine Kletterwand kann mit den Augen zwinkern. Wenn sie ein Designstudio wie Nendo entwirft. In Tokio kraxeln die Japaner entlang an Bilderrahmen, Vasen, Vogelkäfigen und Spiegeln nach oben. Outdoorsport und schicker Mode-District dürfen so endlich zueinanderpassen. Oki Sato gründete Nendo Design vor zehn Jahren. Und seitdem zwinkern die Möbelstücke und Objekte in etlichen Designgalerien und natürlich auf den internationalen Möbelmessen. Allein Mailand war während der Möbelmesse in diesem Jahr ein halbes Nendo-Wunderland. Von den Messehallen und Moroso bis ins Superstudio Piu in der Zona Tortona zu den böhmischen Glasbläsern von Lasvit, die zeigten, was passiert, wenn ein Querdenker wie Sato zu Gast in ihrer Manufaktur ist. Mit dem „Schaufenster“ sprach Sato – für das „Wallpaper“-Magazin ist er „Designer des Jahres“ – über Überraschungen und „Happy Moments“ im Design.

Spielplatz der Ideen: Nendo Design

Alle 15 Bilder der Galerie »


Viele Stücke auf den Möbelmessen sehen so „seriös“ und formell aus. Das scheint gar nicht zu Ihnen zu passen. 

Aber die Dinge, die man etwa bei Moroso sieht, die sind doch gar nicht so „seriös“. Zumindest nicht im Sinn von Anzug und Krawatte.

Aber insgesamt fehlen dem Design doch ein wenig die Selbstironie und das freundliche Lächeln.


Wenn Design minimalistisch ist, wirkt es natürlich schnell auch kühl und distanziert. Ich glaube, dass Design in jedem Fall etwas Freundliches haben sollte. Denn es wird ja schließlich für Menschen zum Benutzen gemacht. Ich würde sagen, dass Humor oder auch kleine Momente der Überraschung und des Glücklichseins unbedingt notwendig sind für das Design.

Denken Sie, dass das ironische Augenzwinkern, das Lustvolle  und Lustige im Design ein japanisches Merkmal ist? 

Ich glaube tatsächlich, dass es Teil der japanischen Kultur ist. Schauen Sie sich zum Beispiel die Objekte von Shiro Kuramata an. Die Art und Weise, wie er Farben einsetzt und mit ihnen spielt, kann man nicht „ernsthaft“ nennen. O. k., die Stücke, die am bekanntesten in Europa sind, wirken natürlich seriös. Aber vieles, was man nicht so gut kennt, zeigt, dass er sehr viel über Humor und diese kleinen „Happy Moments“ im Design nachgedacht hat. Die großen japanischen Designköpfe der Gegenwart wie Tokushin Yoshioka etwa wirken dagegen vielleicht ein wenig stiller. Deshalb ist der Kontrast zu den Dingen, die wir tun, auch etwas größer. Aber grundsätzlich: Ja, Humor und das ironische Augenzwinkern sind Teil der japanischen Kultur.

Man muss ja nicht laut sein oder ein Clown, um lustig zu sein. Sie selbst wirken ja auch recht still.

Ich stehe auch nicht so gern im Mittelpunkt. Und Partys mag ich auch nicht so gern.

Wie wichtig ist die einfache, nachvollziehbare Idee in Ihren Objekten?

Ich glaube, dass Ideen einfach sein sollten. Vor allem auch für die Menschen einfach zu verstehen. Aber auch komplizierte Ideen kann man natürlich einfach umsetzen. Manchmal steckt hinter den simplen Ideen, die sogar lächerlich oder dumm wirken, oft eine Menge Arbeit. 

Die Überraschung oder der inhaltiche „Twist“ ist ja essenzieller Teil eines Witzes. Gilt das auch für Ihre Entwürfe?  

Bei unseren Entwürfen dreht sich alles um die Geschichten und die Emotionen hinter den Dingen. Ich versuche, den Denkprozess nicht vom Material her zu beginnen oder von Formen und  Farben auszugehen. Sondern eine nette Geschichte zu erzählen. Deshalb fühle ich mich sehr wohl bei Herstellern wie Moroso oder Cappellini, weil sie sehr offen sind für das, was ich zu erzählen habe. Wenn wir ein Objekt machen, dann soll es ja etwas Spezielles sein. Das Objekt muss eine Verbindung herstellen können zu demjenigen, der es sieht. Zumindest eine kleine Idee sollte es haben, die nicht jeder im alltäglichen Leben so wahrnehmen würde. Vielleicht sind es auch Ideen, die die Menschen innerhalb von zehn Sekunden wieder vergessen haben, aber zumindest sind sie kurz da.

Wie und wo greifen Sie neue Geschichten auf, die Sie mit ihren Designs erzählen wollen? 

Beobachtung ist eine wichtige Sache. Aber die Ideenfindung funktioniert nicht wie über eine Antenne. Man lässt die Dinge eher durch einen durchgehen und manchmal bleibt etwas hängen. Auf jeden Fall muss man entspannt sein, um eine Idee zu haben. Wenn man anfängt zu suchen, findet man gar nichts. Wenn man etwas wahrnimmt, wenn etwas auf dich zufällt – dann findest du die Idee. 

Manchmal ist ja auch der Entstehungsprozess die Geschichte . . .

Ja, wie bei den Dingen, die ich im Superstudio in Mailand gezeigt haben, die „Still & Sparkling“-Serie, eine Zusammenarbeit mit den tschechischen Glasbläsern vom Hersteller Lasvit. Einmal im Monat bin ich in die Manufaktur bei Prag gefahren. Und dann hab ich den Glasbläsern einfach zugeschaut und Fragen gestellt. Und dadurch sind die Stücke entstanden.

Welche Fragen haben Sie denn gestellt?

Zum Beispiel, was passieren würde, wenn zwei Glasbläser in die gleiche Form hineinblasen. Sie sagten, das hätten sie noch nie gemacht. Und schließlich kam ein Tisch heraus. Ein anderer hat gerade Luft in einen Glasballon geblasen. Ich fragte, was passiert, wenn er aufhört zu blasen. Und stattdessen die Luft wieder heraussaugt. Also saugte er. Und wir bekamen herrliche Falten im Glas, wie man sie jetzt in der Leuchte sieht.

Also die Verspieltheit muss man sich als Designer bewahren? 

Ja, schauen Sie, manche habe mich gefragt, bei der „Still & Sparkling“ Kollektion mit Lasvit, ob es dabei um die Verbindung von traditionellem Handwerk und Innovation geht. Und die Antwort ist: Nein. Es gibt eine große Debatte darüber. Es waren nur diese kleinen, verspielten Ideen, die wir umgesetzt haben.

Wie groß oder klein war etwa die Idee für den neuen „Cloud“-Tisch für Moroso?


Dazu haben wir einfach Wolken fotografiert und sie in Metall gelocht, auf verschiedenen Tischplatten übereinander, so wie Wolken eben. Im Grunde wollten wir einfach etwas entwerfen, das aussieht, als würde es am Sofa vorbeiziehen – Wolken.

Gibt es etwas an Ihrer Arbeit, was man „typisch japanisch“ nennen könnte?

Ich weiß nicht, wie „japanisch“ mein Design tatsächlich ist. Aber es muss einfach Einfluss haben. Meine Basis ist Japan, ich lebe in Japan, ich lebe das Leben eines Japaners. Vielleicht ist auch dieses kurze, prägnante Transportieren einer Idee besonders „japanisch“. Das ist so wie bei der japanischen Poesie, Haiku, ein paar Wörter reichen, um große Phänomene zu erklären, eine ganze Geschichte mit einem einfachen Satz zu erzählen und eine ganze Welt aufzumachen.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com