Die Realzinsen sind negativ– das bedeutet, dass die Zinsen von Sparbüchern und Anleihen derzeit nicht mit der Teuerung mithalten können. Viele Anleger greifen daher zu realen Werten, also Unternehmensanteilen (Aktien), Immobilien oder Gold. Die Idee dahinter ist, dass diese sich mit der Inflation verteuern sollten und das darin geparkte Kapital zumindest seinen Wert behält.
In der Praxis haben alle diese Anlageformen ihre Tücken. Bei einer Veranstaltung des Zertifikateforums legten Experten dar, welche das sein könnten.
•Finger weg von Airlines. Aktien steigen nur dann mit der Inflation oder stärker als diese, wenn die Teuerung den Unternehmen nicht schadet, sie also selbst nicht allzu sehr unter steigenden Preisen leiden und diese an die Kunden weitergeben können. Kapitalintensiven Branchen setze die Teuerung aber zu, meint Erste-Analyst Hans Engel: Fluglinien oder Versorger wiesen in Zeiten steigender Inflation zu hohe Gewinne aus, da ihre Abschreibungen (für die bestehenden Anlagen) zu niedrig seien. Müssen sie die Anlagen erneuern, seien die Kosten für die neuen Investitionen hoch.
Telekomfirmen oder Versorger, die sich zum Teil in öffentlicher Hand befinden, können nicht so rasch und leicht ihre Preise anheben wie etwa Konsumartikelfirmen, um auf steigende Kosten zu reagieren. Somit erweisen sie sich langfristig nicht als Renditebringer.
Wer 40Jahre lang in Air France, Lufthansa, Deutsche Telekom, France Télécom, den Versorger RWE und den Umweltdienstleister Veolia investiert hätte, hätte Jahr für Jahr Erträge von durchschnittlich 2,9Prozent (inklusive Dividende) erzielt, rechnet Engel vor. Wer hingegen den Nivea-Hersteller Beiersdorf, den Bierkonzern Heineken, das Pharmaunternehmen Novo Nordisk sowie Royal Dutch Shell im Depot hatte, kassierte Jahr für Jahr im Schnitt 11,6Prozent.
Langfristig gut fahren Anleger mit profitablen Markenartiklern wie Nestlé, Kraft Foods oder Johnson& Johnson, die in Zeiten hoher Inflation ihre Preise erhöhen können. Denn auch in Krisenzeiten essen die Leute Frühstücksflocken und putzen sich die Zähne.
Nicht alle kapitalintensiven Firmen seien jedoch unprofitabel, schränkt Engel ein. Hier müsse man auf die Eigenkapitalquote und die Rentabilität schauen. So sind etwa Stahlkonzerne sehr kapitalintensiv. Doch sei die Voestalpine wesentlichprofitabler und daher für Anleger attraktiver als etwa ThyssenKrupp.
•Immobilien sind schon teuer.
Immobilien gelten als guter Inflationsschutz, weil die Mieten laufend an den Verbraucherpreisindex angepasst werden. Dieser spiegelt jedoch nicht die ganze Inflation wider (er enthält etwa nicht die Preisanstiege von Aktien, Rohstoffen oder Immobilien selbst). Hinzu kommt, dass sich Wohnimmobilien in den Ballungszentren bereits in den vergangenen Jahren stark verteuert haben. Zwar droht in Österreich keine kreditgetriebene Blase, wie sie etwa in Spanien geplatzt ist, da die Käufer hierzulande mit hohem Eigenkapitalanteil kaufen. „Ich frage mich aber, wer denen die Immobilien später abkaufen soll“, sagt Engel. Da keine neue Käufergruppe in Sicht sei, würde das irgendwann den Preisanstieg bremsen.
•Niedrige Zinsen treiben Gold. Der Goldpreis steigt vor allem dann, wenn die Realzinsen (Nominalzinsen minus Inflationsrate) unter drei Prozent liegen, wie Berechnungen der Erste Bank zeigen. Gegenwärtig sind sie sogar negativ, was für einen steigenden Goldpreis spricht. Dieser ist jetzt auch etwas höher als zu Jahresbeginn, zwischendurch schwankte er jedoch stark.
Inzwischen habe viel spekulatives Kapital den Edelmetallsektor verlassen, was man sehr positiv werte, stellt Thomas Schaufler, Vorstandsmitglied des Zertifikateforums, fest. Wer gute Nerven hat, kann auch zu Goldminenaktien greifen. Diese haben in den vergangenen zwölf Jahren 18Prozent jährlich abgeworfen– jedoch bei extrem starken Schwankungen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2012)
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