Wien. Die gute Nachricht zuerst: Wir werden immer älter. Das durchschnittliche Sterbealter beträgt laut Statistik Austria bei Männern derzeit 78 Jahre und bei Frauen 83 Jahre. Nun die noch bessere Nachricht: Das gilt nur für Neugeborene unter der Voraussetzung, dass die Lebenserwartung nicht weiter steigt. Laut Statistik Austria ist sie aber, wie berichtet, seit den Siebzigerjahren von Dekade zu Dekade um zwei bis drei Jahre gestiegen.
Wenn die heuer Geborenen 80 Jahre alt sind, dürfte die Lebenserwartung längst weit höher sein. Demografen halten es nicht für unwahrscheinlich, dass jedes zweite Neugeborene in den Industrieländern seinen 100. Geburtstag erlebt.
Versicherte leben länger
Doch auch Ältere dürfen damit rechnen, die durchschnittliche Lebenserwartung der Österreicher zu übertreffen. Wer bereits 60 Jahre alt ist, kann laut Statistik mit weiteren 22 (Männer) bzw. 25 Jahren (Frauen) rechnen. Wer Angestellter ist oder über eine höhere Ausbildung verfügt, wird im Schnitt noch ein wenig älter.
Ein höheres Alter als der Durchschnitt erreichen auch Menschen, die sich eine lebenslange Rente von einer Rentenversicherung auszahlen lassen. Das kommt daher, dass sich zu einem solchen Schritt primär jene Personen entschließen, die sich beim Pensionsantritt bester Gesundheit erfreuen und damit rechnen, sehr alt zu werden. Häufig erfüllt sich diese Erwartung.
Nun die schlechte Nachricht: Je höher die durchschnittliche Lebenserwartung, desto länger muss das Geld, das Versicherungen und Pensionskassen für die lebenslange Pension bereithalten, reichen. Anders gesagt: Umso niedriger fällt die Zusatzpension aus. Die Sterbetafeln der Versicherungen gehen davon aus, dass eine heute 60-jährige Frau im Schnitt nicht nur 25 Jahre vor sich hat, sondern 32 Jahre. Bei gleichaltrigen Männern kalkuliert man, dass sie noch 29 Jahre leben. Für die Differenz zu den Sterbetafeln der Statistik Austria seien drei Faktoren verantwortlich, erklärt Andreas Mehl, Bereichsleiter Versicherungstechnik Leben bei der Allianz Elementar Lebensversicherungs AG:
• Erstens nehme man an, dass die Lebenserwartung in den nächsten Dekaden weiter steigt.
• Zweitens tragen die Rentenversicherungen ein „Selektionsrisiko“: Ihre Kunden werden signifikant älter als die Durchschnittsbevölkerung– das müsse man bei der Berechnung berücksichtigen. Gruppentarife (etwa für alle Mitarbeiter eines Unternehmens) sind etwas günstiger, da das Selektionsrisiko geringer ist: Die angenommene Restlebenserwartung beträgt dann bei 60-jährigen Frauen 31,69 und bei Männern 28,2 Jahre.
Bei neugeborenen Mädchen kalkulieren die Versicherungen mit einer Lebenserwartung von 96 Jahren, bei Buben mit 93 Jahren. Auch hier müsse man sich gegen das Selektionsrisiko absichern, sagt Mehl: Denn die Kinder können einmal bei Pensionsantritt wählen, ob sie ihr Geld als Einmal- oder als Rentenzahlung wollen.
• Hinzu kommt, dass die Versicherungen eine bestimmte Pensionshöhe garantieren. Wer schon eine Versicherung abgeschlossen hat, für den spielt es keine Rolle mehr, wenn die Lebenserwartung danach steigt, er erhält auf jeden Fall seine garantierte Pension.
Hohes Alter als Sicherheitspolster
Das bedeutet jedoch ein weiteres Risiko für die Assekuranzen, gegen das sie sich ebenfalls absichern: Bei einem Teil der angenommenen Lebenserwartung handle es sich um einen „Sicherheitszuschlag“, sagt Mehl: Sollten die Versicherten allesamt noch älter werden als kalkuliert, kann die Versicherung auf diesen Polster zurückgreifen. Steigt die durchschnittliche Lebenserwartung doch nicht so steil an, profitierten die Kunden dafür von einer höheren Gewinnbeteiligung.
Die Pensionskassen kalkulieren mit einer geringeren Lebenserwartung als die Versicherungen. In Pensionskassen zahlt der Arbeitgeber regelmäßig für die Arbeitnehmer ein, später erhalten sie eine Zusatzpension. Da es sich um kollektiv abgeschlossene Produkte handelt und– zumindest derzeit – keine fixe Pensionshöhe garantiert wird, setzen sie die Lebenserwartung geringer an als die Versicherungen, erklärt Sven Jörgen, Geschäftsführer der Valida Consulting. Sollte die Lebenserwartung stärker steigen als angenommen, kann es zu entsprechenden Pensionskürzungen kommen.
Dafür gibt es keinen „Sicherheitszuschlag“, der die Anfangspension drückt. Auch Selektionszuschläge gibt es keine. Die Pensionsberechtigten haben dafür nicht die Möglichkeit, sich ihr Kapital beim Rentenantritt auszahlen zu lassen.
„Sicherheitspension“ kostet
Die Novelle des Pensionskassengesetzes sieht jedoch ab 1. Jänner 2013 die Option einer Sicherheitsvariante vor, bei der die Pension nicht unter die anfängliche Höhe fallen kann. Der Preis ist freilich eine geringere Anfangspension– nicht nur wegen der vorsichtiger (also niedriger) angenommenen Rendite, sondern auch wegen der vorsichtiger (also höher) angesetzten Lebenserwartung.
Derzeit legten die Pensionskassen die Generationensterbetafeln der Angestellten zugrunde, sagt Jörgen: Bei einem heute 60-jährigen Mann kalkuliere man mit einer Restlebenserwartung von 25,67 Jahren, bei einer Frau von 29,67 Jahren. Besteht eine Veranlagungsgemeinschaft nur aus Gruppen mit hohem Einkommen, die über eine noch höhere Lebenserwartung verfügen, kalkuliere man bisweilen mit einem späteren Sterbealter, sagt Jörgen. Sonst werden eventuell häufiger Kürzungen nötig.
Tipp 1
Lebenserwartung. Die Annahme einer höheren Lebenserwartung durch den Anbieter bedeutet für Versicherungskunden entweder geringere Pensionen oder höhere Prämien. Einzelne zahlen demnach mehr als Gruppen, Frauen (noch) mehr als Männer. Ab 21.Dezember darf Letzteres nicht mehr sein: Dann werden Rentenversicherungen für Frauen etwas günstiger, für Männer teurer.
Tipp 2
Sicherheitspension. Pensionskassenberechtigte waren zuletzt oft von Rentenkürzungen betroffen. Künftig haben sie die Möglichkeit, eine „Sicherheitspension“ zu wählen. Dabei wird eine Mindesthöhe garantiert, die Anfangspension ist dafür aber niedriger. Das liegt nicht nur an der geringer angenommenen Rendite, sondern auch an der höher angesetzten Lebenserwartung.
Tipp 3
Streuung. Viele Österreicher erhalten Zusatzrenten aus Pensionskassen, in die der Arbeitgeber einbezahlt hat. Einige schließen selbst Rentenversicherungen ab. Diese sind gut geeignet, um sich gegen Langlebigkeit abzusichern, da sie bis zum Lebensende zahlen. Jedoch sollte man auch einen Teil des Vermögens in Produkte stecken, auf die man jederzeit Zugriff hat, etwa Fonds.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2012)
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