Jörg de Vries-Hippen bezeichnet sich selbst als „brennenden Europäer“. Der Fondsmanager, der bei Allianz Global Investors für europäische Aktien zuständig ist, ist überzeugt, dass der Euro die einzige Möglichkeit ist, um den sozialen Frieden in Europa zu erhalten. Das Problem sei die Vertrauenskrise, die sich aber lösen ließe, wenn Verstöße gegen den Maastricht-Vertrag strenger als jetzt sanktioniert würden. „Wenn bestraft würde, dass bestimmte Ausgaben radikal gekürzt werden müssen, würde es einem Finanzminister nur einmal passieren, dass er zu viel ausgibt.“
Anleger sollten sich dennoch auf mehrere Szenarien einstellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Kürze gelingt, eine funktionierende Währungsunion zu schaffen, sieht de Vries-Hippen bei zehn Prozent. Ein totaler Zusammenbruch sei mit 30 Prozent schon wahrscheinlicher. In diesem Fall sei es besser, Aktien aus schwächeren Ländern zu haben, weil diese schlagartig an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen würden. „Das ist aber sehr spekulativ“, schränkt er ein. Das wahrscheinlichste Szenario sei, dass Europa die Probleme erst in fünf bis zehn Jahren in den Griff bekommt. „In dieser Zeit werden Sie mit Bonds kein Geld verdienen.“ Mit Anleihen aus Peripheriestaaten gehe das zwar, aber nur „mit dem richtigen Timing“. Langfristig orientierten Anlegern rät er ab, denn ein Teilkonkurs eines Staates, wie in Griechenland bereits erlebt, sei in den nächsten Jahren nicht ausgeschlossen, so der Experte.
Anleger scheuen Volatilität. Auch Unternehmensanleihen hält er nicht für attraktiv, denn gut aufgestellte Firmen zahlten höchstens drei Prozent Zinsen. Bei Anleihen mit einer Rendite von sechs Prozent müsse man um seinen Einsatz zittern. Dagegen böten Aktien der Münchener Rück und der Österreichischen Post AG eine Dividendenrendite in dieser Höhe. Und vor einem Ausfall brauche man sich kaum zu fürchten: „Das Modell der Österreichischen Post ist genial.“ Es gebe kaum Konkurrenz, die jüngste Portoerhöhung sei durch, und solange die Leute Pakete bei Amazon bestellten, profitiere die Post. Die Münchener Rück sei so stark aufgestellt, dass Versicherungen nicht an ihr vorbeikommen. „Solche Aktien werden aber abgelehnt“, wundert sich der Experte. Anleger scheuen besonders die hohe Volatilität bei Aktien. „Risiko ist ihre persönliche Kraft, Schwankungen zu ertragen“, sagt de Vries-Hippen. „Wenn die gering ist, kaufen sie keine Aktien, aber auch keine Hochrisikobonds. Auch vom Immobilienmarkt müssen sie dann die Finger lassen.“
Bei der Aktienauswahl steht für ihn das Geschäftsmodell im Zentrum. „In einer Phase mit so vielen Unsicherheiten geht es darum, dass Firmen für die Wirtschaft so wichtig sind, dass ohne sie nichts geht.“ Solange man Autos fahre, brauche man Kunststoffhersteller wie BASF. „Wenn der DAX noch einmal kräftig unter 6000 fällt und Sie eine BASF wieder mit fünf Prozent Dividendenrendite kriegen, greifen Sie zu.“
Es gibt jedoch Branchen, von denen der Fondsmanager die Finger lässt, etwa Banken, Fluglinien und Versorger. Die meisten Banken übten das Zinsgeschäft nur mehr am Rande aus und versuchten lieber, mit Service Geld zu machen. Das sei nicht ihr originäres Geschäft. Bei den Airlines stört ihn, dass in kaum einer Industrie so schnell Kapazitäten aufgebaut und wieder vom Markt verschwinden könnten.
Versorger: WenigWachstumschancen. Versorger hätten zu geringe Wachstumschancen. „Die haben nur Probleme – trotz hoher Dividendenrendite.“ Er kaufe Aktien von Firmen, die gut finanziert sind, hohe Wachstumschancen und ein dynamisches Management haben. „Wenn Sie Risiko im Portfolio haben wollen, sind Sie damit gut dran. Wenn Sie kein Risiko haben wollen, kaufen Sie Gold.“ In Krisenszenarien sei man damit aber kaum gut bedient. „Während des Bürgerkriegs im Kosovo haben die Leute auf dem Schwarzmarkt nicht nach Gold gefragt, sondern nach Schokolade, Kaffee, Schnaps und Nylonstrümpfen. Wenn Sie wirklich glauben, dass die Welt zu Ende geht, kaufen Sie das.“
Außerhalb der Eurozone findet de Vries-Hippen etwa türkische Aktien interessant. US-Aktien seien verglichen mit anderen Märkten teuer. Das habe mit der Flucht in Sicherheit zu tun. Wenn diese nachlasse, sollten andere Regionen mehr profitieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)
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