Wien/Weber. Beim Thema Altersvorsorge befinden sich vor allem junge Menschen in einer misslichen Lage. Dank der Schuldenkrise dürfte mittlerweile jedem klar sein, dass das gesetzliche Pensionssystem in dieser Form nicht noch viele weitere Jahrzehnte tragbar ist. So zahlen die jungen Menschen ein, können sich aber sicher sein, später einmal wenig zurückzubekommen.
Private Altersvorsorge ist daher wichtiger denn je. Das kann entweder über den Arbeitgeber, also die Pensionskassen geschehen (auch als „Zweite Säule“ bekannt). Die Performance der Pensionskassen ließ in der Vergangenheit jedoch zu wünschen übrig. Auf eigene Faust vorzusorgen („Dritte Säule“) ist also keine dumme Idee. Wichtig ist dabei jedoch, keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen. Denn fast alle Produkte, die auf das Thema Altersvorsorge abzielen, sind langfristig ausgelegt. Wer sich falsch entscheidet, kämpft lange mit hohen Kosten und/oder niedrigen Erträgen.
Der Beratungsbedarf ist also hoch. Gerade hier hapert es aber gewaltig, wie der Verein für Konsumenteninformation (VKI) in einer neuen Erhebung festgestellt hat. Getestet wurde die Beratung zum Thema private Altersvorsorge bei insgesamt 40 Anlageberatern. Aufgesucht wurden jeweils eine Filiale der zehn größten Banken und der zehn größten Versicherer, zehn unabhängige Versicherungsmakler und zehn unabhängige Vermögensberater. Anstelle umfassender Information erwartete die Tester in den allermeisten Fällen eine Verkaufssituation: „Es geht einfach immer mehr in Richtung Verkauf anstatt Beratung“, kritisiert VKI-Finanzexpertin Gabi Kreindl.
Einkommen interessiert nicht
Die grundlegendsten Anforderungen an ein gutes Beratungsgespräch wurden meist nicht erfüllt. Nur in wenigen Fällen seien Grundlagen wie Einkommen, Ausgaben, Laufzeit, Risiko und Lebensplanung thematisiert worden. Auch welche Finanzprodukte bereits vorhanden waren, wurde von den Beratern nicht erfragt. „Fraglich ist, wie man so einschätzen will, welche Sparleistung für den Kunden sinnvoll oder überhaupt möglich ist und ob er sich ein Investment dauerhaft leisten kann“, so Kreindl.
Genauer wurde nach dem Wissensstand bezüglich Finanzprodukten gefragt. „Offenbar haben hier aufsehenerregende Haftungsfälle aus der jüngsten Vergangenheit zu etwas mehr Wachsamkeit in Beraterkreisen geführt“, vermuten die Konsumentenschützer.
Harsche Kritik ernten die Finanzberater auch wegen ihrer Fixierung auf Lebensversicherungen. Nicht weniger als 37 von 40 Beratern empfahlen dieses Produkt, entweder in seiner klassischen Ausformung oder als fondsgebundene Variante. „Hier hätten wir uns mehr Vielfalt erwartet“, so das Fazit des VKI.
Das Problem mit Lebensversicherungen: Es wird stets nur ein Teil der einbezahlten Summe veranlagt, ein großes Stück des Kuchens geht für Steuern und Gebühren drauf. Darüber hinaus sind die Versicherungen im hohen Maße in Staatsanleihen investiert. Das führt einerseits dazu, dass sie kaum noch Rendite abwerfen. Andererseits holen sie sich angesichts der Schuldenkrise damit auch erhebliche Risken ins Depot.
Finanzkrise nicht thematisiert
Dabei gäbe es Alternativen: „Fonds, Fondssparpläne und Sparprodukte wurden nicht thematisiert“, ärgert sich Kreindl. Nur ein einziger Bankberater hatte den Mut, dem Kunden dazu zu raten, das Geld angesichts der Turbulenzen auf den Finanzmärkten erst einmal zu parken. Das Thema Schuldenkrise und was sie für die verschiedenen Anlageformen bedeutet, kam sonst kaum zur Sprache.
Wer sich bei seiner Bank oder seiner Versicherung über Anlageprodukte für die private Altersvorsorge informieren möchte, sollten sich gut auf die Gespräche vorbereiten. „Man kann sich auf gute Beratung nicht verlassen“, mahnt Kreindl. Ohne die richtigen Fragen zu stellen, erfährt man bei seinem Berater nur wenig. Dabei sollte es vor allem um Risken der einzelnen Produkte sowie um die Kosten gehen. Gerade diese werden von Beratern gerne verschwiegen. Bei Anlagen, die wenig abwerfen, haben sie jedoch großen Einfluss auf den Gesamtertrag. [i-Stockphoto]
Tipp1
Fragen stellen. Wer im Beratungsgespräch keine Fragen stellt, erfährt zu wenig über die Finanzprodukte. Besonders heikle Punkte sind die Kosten, die von Beratern gerne verschwiegen werden. Dazu sollte auch das Risiko genau erfragt werden, besonders, wenn hohe Erträge versprochen werden. Wichtig ist auch, wie leicht man aus einem Produkt wieder aussteigen kann.
Tipp2
Situation klären. Grundlegend für jedes Beratungsgespräch sollte die Klärung der eigenen finanziellen Situation sein. Nur wenn der Berater über Einkommen und monatliche Belastung Bescheid weiß, kann er eine seriöse Empfehlung abgeben. Sehr oft wird dieser Schritt in der Beratung aber übersprungen. Notfalls sollte man selbst ausrechnen, wie viel jeden Monat gespart werden kann.
Tipp3
Vergleich anstellen. Vor allem bei Banken und Versicherungen kann die Beratung sehr einseitig ausfallen. Deswegen reicht es nicht, sich nur bei einem einzigen Berater zu informieren. Ein Vergleich kann dabei helfen, eine Übersicht über den Markt zu bekommen. Andererseits können verschiedene Angebote auch als gute Grundlage für Verhandlungen – etwa über Gebühren – dienen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2012)
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