Wien/Ker. Wer hätte das vor einem Jahr für möglich gehalten? Mit einem derartigen Zinsniveau, wie wir es heute sehen, hat damals wohl keiner gerechnet. Überhaupt sind die Zinsen so niedrig wie noch nie in der Geschichte der Eurozone. Der Leitzinssatz der Europäischen Zentralbank (EZB) liegt auf einem Rekordtief von 0,75 Prozent. Was passiert mit dem billigen Geld? Profitieren die privaten Kunden davon? Oder doch nur die Banken, wie Kritiker monieren?
Fakt ist, die Banken können sich von der EZB Geld zu historisch niedrigen Zinsen borgen. Auch die Zinsen auf dem Geldmarkt sind so niedrig wie noch nie. Hier leihen die Banken einander kurzfristig Geld. Der Drei-Monats-Euribor, einer der wichtigsten Geldmarktzinssätze der Eurozone, notiert aktuell bei nur 0,4 Prozent.
Was heißt das für die Konsumenten? Wie haben sich die Zinssätze für Sparer und Kreditnehmer seit Jahresbeginn entwickelt? „Die Presse“ geht der Sache nach. Die Daten kommen von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Dort speisen die heimischen Kreditinstitute ihre Zinssätze ein. Doch gehen die aktuellsten Daten nur bis Mai. Das reicht jedoch aus, um zu verdeutlichen, dass die Sparzinsen seither dramatisch gefallen sind. Im Jänner gab es im Schnitt der österreichischen Banken für Sparbücher mit einjähriger Bindung 1,89 Prozent Zinsen. Seither sind die Zinsen monatlich kontinuierlich nach unten gepurzelt. Bis auf 1,47 Prozent im Mai. Soll heißen, seit Jahresbeginn sind die Sparzinsen um mehr als 20 Prozent gefallen.
Überziehungszinsen sinken leicht
Und die Kreditzinsen? Die sind sogar gestiegen, etwa für Konsumkredite mit einjähriger Bindung. Im Jänner lag der Zinssatz für solche Darlehen noch bei 4,86 Prozent. Bis Mai stieg er auf 5,10 Prozent an. Also um knapp fünf Prozent. Mit anderen Worten: Wenn man sein Geld ein Jahr lang auf ein Sparbuch legen wollte, bekam man zuletzt um 20 Prozent weniger Zinsen als im Jänner. Wenn man sich dagegen bei der Bank für ein Jahr lang Geld borgen wollte, zahlte man um fünf Prozent mehr Zinsen. Ein heftiges Auseinanderklaffen der Zinsen – zugunsten der Geldhäuser, zuungunsten der Kunden.
Ein anderes Beispiel: Die durchschnittlichen Sparzinsen für täglich fälliges Geld wurden seit Jänner von 0,66 auf 0,54 Prozent reduziert. Das ist ein Rückgang um 18 Prozent.
Zinsen, die beim Überziehen des Kontos anfallen (Überziehungszinsen), sind dagegen seit Jänner nur um drei Prozent zurückgegangen. Auch hier ist die Zinsschere heftig aufgegangen– zugunsten der Banken und zum Nachteil der Konsumenten.
Dementsprechend enttäuscht ist man als Kunde, wenn man Geld auf ein Sparbuch einer „normalen“ Filialbank legt. Bei der UniCredit bekommt man für ein einjähriges Sparbuch gerade einmal 0,75 Prozent. Mit anderen Worten: Wenn die Inflation in den nächsten zwölf Monaten bei moderaten zwei Prozent läge, macht man bei der UniCredit einen realen Kaufkraftverlust von fast 1,5 Prozent (nach Abzug der Steuer).
Bei der Volksbank in Wien gibt es für ein einjähriges Sparbuch 1,125 Prozent. Das reicht freilich auch nicht aus, um das Geld vor der Inflation zu schützen. Das Geld verliert bei einer zweiprozentigen Jahresinflation um über ein Prozent an realem Wert.
Direktbanken zahlen mehr
Um den realen Verlust bei Sparbüchern so gering wie möglich zu halten, bleibt einem nichts anderes übrig, als zu einer Direktbank wie der Denizbank oder Vakifbank zu gehen. Dort bekommt man für einjährige Sparbindungen derzeit noch 2,125 Prozent. Der reale Wertverlust beträgt hier nur 0,5 Prozent (wieder bei einer angenommenen Inflation von zwei Prozent und nach Abzug der Steuer).
Zwar klingen die Namen dieser Banken exotisch. Um kleine Beträge muss sich der Sparer aber ebenso wenig Sorgen machen wie bei den heimischen Großbanken. Direktbanken unterliegen ebenfalls der Einlagensicherung. Daher sind auch hier Geldeinlagen von bis zu 100.000 Euro gesichert.
Tipp 1
Zinsschere. Nur weil die Zinsen allgemein sinken, heißt das nicht, dass die Kreditnehmer in dem Maße profitieren, wie die Sparer „leiden“. Nein, beide Konsumentengruppen leiden in Österreich. Während die Sparzinsen bei den heimischen Banken seit Jänner heftig reduziert wurden, sind die Kreditzinsen dagegen nur leicht gefallen (teilweise sogar gestiegen).
Tipp 2
Spar- versus Kreditzinsen. Die Sparzinsen für einjährige Zinsbindungen fielen seit Jänner um über 20 Prozent. Die Zinsen für Konsumkredite mit einjähriger Bindung stiegen dagegen um fünf Prozent. Anderes Beispiel: Täglich fällige Sparzinsen gingen um ebenfalls 20 Prozent zurück. Die Zinsen für Überziehungskredite wurden hingegen nur um drei Prozent reduziert.
Tipp 3
Verluste eindämmen. Wenn man sein Geld bei der UniCredit auf ein einjähriges Sparbuch legt, macht man einen realen Verlust von fast 1,5Prozent (bei einer Inflation von zwei Prozent). Wenn man das Geld jedoch bei einer Direktbank wie der Vakifbank oder Denizbank anlegt, macht man in den nächsten zwölf Monaten einen realen Verlust von „nur“ 0,5 Prozent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2012)

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