Wien. In unsicheren Zeiten flüchten Anleger in Wohnimmobilien und treiben die Preise nach oben. Immobilienaktien profitieren von dieser Flucht nur eingeschränkt. Am stärksten schnellen seit einem Jahr die Kurse jener deutschen Firmen hoch, die ihr Geld vor allem mit der Vermietung und dem Verkauf von Wohnungen verdienen.
Wer vor einem Jahr etwa Aktien der Deutsche Wohnen (ISIN DE000A0HN5C6) gekauft hat, hat 53 Prozent gewonnen, bei GSW Immobilien (DE000GSW1111) lag das Plus bei 44 Prozent. Einen Höhenflug legte Gagfah (LU0269583422) hin: Das Papier erholte sich um 130 Prozent. Solche Storys gibt es in Österreich kaum. Die stärksten Werte im Immobilien-ATX waren Immofinanz (AT0000809058) und S-Immo (AT0000652250), die sich seit einem Jahr um zwölf Prozent verteuert haben. Mit Conwert (AT0000697750) und Atrium (JE00B3DCF752, sie notiert nicht im Immobilien-ATX) hielt man sein Vermögen konstant, mit CA Immo (AT0000641352) verlor man zehn, mit dem Papier des Hotelentwicklers Warimpex (AT0000827209) 60 Prozent.
Osteuropa-Risiko bremst Kurse
Den Gesamtmarkt schlugen die österreichischen Immobilienaktien damit allemal: Der ATX liegt seit einem Jahr im Minus (siehe Grafik), die Immopapiere warfen immerhin ein kleines Plus ab. Warum sie derzeit mit den deutschen Papieren nicht mithalten können, das erklärt Alfred Reisenberger von der Wiener Privatbank mit der Größe und Liquidität des deutschen Markts: Wer in Immobilien investieren wolle, gehe derzeit lieber in die großen Länder. Auch die Skandale der Vergangenheit in Österreich (etwa die umstrittenen Finanztransaktionen unter dem früheren Immofinanz-Management oder bei Meinl European Land, die heute Atrium heißt) wirkten nach.
Einen Grund für die gute Performance der deutschen Aktien sieht Erste-Analyst Günther Artner auch in deren Konzentration auf Wohnimmobilien: Diese werfen in Deutschland noch höhere Renditen ab als in Österreich. Die heimischen Firmen sind eher im Gewerbegeschäft (Büros, Einkaufszentren, Hotels etc.) aktiv, das stärker mit der Konjunktur schwankt.
Die Conwert sei keine Ausnahme: Der Wohnbauentwickler habe seit der Übernahme der Eco Business viele Gewerbeimmobilien im Portfolio, stellt Artner fest. Zudem sind die Österreicher vielfach stark in Osteuropa tätig, und vor diesem Markt schrecken Investoren derzeit zurück, weil sie dort eine Abschwächung der Kaufkraft der Bevölkerung fürchten.
Immerhin sind österreichische Papiere günstiger als deutsche. Während Letztere häufig so viel kosten wie ihr Nettovermögenswert (also der Wert ihrer Immobilien abzüglich Schulden), erhält man heimische Papiere an der Börse quasi mit Rabatt. Artner findet diesen Rabatt gerechtfertigt. Nicht ganz gerechtfertigt sei die Höhe des Abschlags. Gehe es mit der Konjunktur nach oben, sollten österreichische Papiere mehr Aufwärtspotenzial haben als deutsche.
Fonds als Alternative?
Wer Kursschwankungen nicht so schätzt, aber zu wenig Geld hat, um direkt in Immobilien zu investieren und dabei auch noch breit zu streuen, der kann sein Geld in offene Fonds stecken. In Österreich gibt es sechs davon (zwei von der Bank Austria Real Invest, je einer von Raiffeisen, Erste, Volksbanken und Semper Constantia). Die Performance ist moderat (derzeit etwa drei Prozent), dafür schwankt sie relativ wenig. Einen Nachteil haben Immobilienfonds auch: Wollen zu viele Anleger gleichzeitig Geld abheben, muss der Fonds vorübergehend schließen, um nicht Immobilien zu einem schlechten Preis auf den Markt werfen zu müssen. Dann kommt man länger nicht an sein Geld.
Tipp 1
Bewertung. Gemessen am Wert ihrer Immobilien (abzüglich Schulden) sind heimische Immoaktien deutlich billiger als etwa deutsche. Doch dieses Loch zwischen Kurs und Nettovermögenswert („Net Asset Value“) klafft seit Jahren. Schließen dürfte es sich erst, wenn sich die Konjunktur– auch in Osteuropa– erholt. Ein Grund zu kaufen ist der geringe Preis allein also nicht.
Tipp 2
Geschäft. Vor dem Kauf sollte man überlegen, ob man eher mit Wohn- oder Gewerbeimmobilien Geld verdienen will. Im ersten Fall eignen sich etwa Deutsche Wohnen, GSW oder Conwert, im zweiten Immofinanz, CA Immo oder S-Immo, die sowohl im Wohn- als auch im Gewerbesektor aktiv sind. Momentan geht das Wohngeschäft besser. Erholt sich die Konjunktur, kann sich das ändern.
Tipp 3
Alternativen. Wer Börsenschwankungen meiden will, kann auch in einen offenen Immobilienfonds investieren. Diese werfen etwa drei Prozent Rendite pro Jahr ab. Dabei geht man jedoch das Risiko ein, dass der Fonds vorübergehend schließen muss, wenn in Krisenzeiten zu viele Anleger gleichzeitig Geld abziehen wollen. Dann kommt man länger nicht an sein Geld.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)

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