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Was sind Analystenprognosen wert?

10.10.2012 | 17:47 |   (Die Presse)

In den vergangenen Jahren sind heimische Analysten mit ihren Einschätzungen oft danebengelegen. Für 2012 kann man das aber nicht behaupten.

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Wien/Ker. Eines muss man Analysten lassen: Sie verstehen es, den komplexen Kapitalmarkt mit einfachen Worten zu erklären. Gerade deswegen sind sie so beliebte Ansprechpartner. Das hat in der Vergangenheit aber oft über ihre Fehleinschätzungen hinweggetäuscht.

Keine Frage, in der schnelllebigen, computergesteuerten Finanzwelt können punktgenaue Prognosen nicht erwartet werden. In den vergangenen Jahren lag die Zunft mit ihren Einschätzungen aber manchmal fundamental daneben. Hier einige Beispiele:

• Im Sommer 2008 empfahlen Analysten fast alles, was mit Aktien zu tun hatte. Der Börsenaufschwung schien kein Ende zu nehmen. Kurze Zeit später brach der heimische Aktienmarkt um 70Prozent ein. Die zuvor hoch gepriesenen Immobilienaktien verzeichneten die kräftigsten Einbußen. Gemessen am Immobilien-ATX verloren sie mehr als 80Prozent. Es sei eine unerwartete Krise gewesen, die in dieser Dimension nicht erkannt wurde, bekannte einst Erste-Chefanalyst Friedrich Mostböck in einem „Presse“-Interview.

• Anfang 2011 gab es fast wieder nur Optimisten. Den Börsen stünden tolle Aktienjahre bevor, hieß es allerorts. Doch wieder einmal scherten sich die Finanzmärkte nichts um die Prognosen der Experten. Die Staatsschuldenkrise schlug zu – und wurde von den Analysten komplett unterschätzt. Die Börsen schlossen 2011 teils tiefrot.

• Im Frühjahr 2011 waren sich viele Analysten einig: Wer langfristige Staatsanleihen von sicheren Ländern wie Österreich oder Deutschland hält, sollte sie lieber verkaufen. Durch den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung würden diese Anleihen an Attraktivität und daher an Wert verlieren, hieß es damals. Es kam aber ganz anders. Mit diesen Anleihen hätte man bisher ein Vermögen gemacht. Die Anleger haben sich in sichere Häfen gestürzt, die Kurse von deutschen und österreichischen Schuldverschreibungen wurden in die Höhe getrieben.

Bei diesen „Böcken“ stellt sich zu Recht die Frage, was Analystenprognosen noch wert sind? Man kann es vereinfacht an einer Kurve erkennen – nämlich an der Wertentwicklung eines Zertifikats (Isin: AT0000A0H8M5), das die Kurse jener Aktien abbildet, die die Erste-Analysten auf „Buy“ haben (siehe Grafik). Auch hier wird sichtbar, dass die Erste-Experten die Schuldenkrise 2011 unterschätzten. Der Wert des Zertifikats ging 2011 deutlich zurück.

(c) DiePresse

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Aber: Seit Jahresbeginn 2012 sind die Einschätzungen der Erste-Experten wieder besser. Das spiegeln auch die stark verbesserten Prognosen für 2012 wider. Die Einschätzungen der Analysten von Erste, Raiffeisen und Bank Austria lieferten diesmal viele brauchbare Tipps. Die Experten haben Schuldenproblematik und Konjunktur relativ gut bewertet.

• Die Erste Group prognostizierte eine leicht zweistellige Performance für den ATX (Isin: AT0000999982). Damit liegt sie bis jetzt vollauf richtig, der ATX stieg bisher tatsächlich um zehn Prozent an. Die Raiffeisen-Marktbeobachter sehen den ATX am Jahresende bei 2200 Punkten. Auch das war bisher eine gute Prognose, weil der ATX derzeit bei 2150 Punkten notiert. Die Bank Austria empfahl US-Aktien, in der Erwartung, dass die US-Notenbank Fed ihre Geldschleusen offenhalten wird. Gut antizipiert; die US-Aktien stiegen seit Jänner (gemessen am breiten S&P-500-Index) um rund 15 Prozent.

• Unter den Analysten zählten die Aktien der heimischen Post, von Semperit und Immofinanz zu den Favoriten. Die Post war ein Volltreffer, der Kursgewinn seit Jahresbeginn betrug rund 20Prozent. Der Semperit-Kurs steht annähernd auf dem Niveau von Jänner. Dafür machte die Dividendenrendite über zwei Prozent aus. Die Immofinanz-Aktie wiederum konnte ihren Wert seit Anfang Jänner um rund 25Prozent steigern.

• Die Erste-Analysten erwarteten zu Jahresbeginn, dass die Europäische Zentralbank den Leitzinssatz auf 0,5Prozent senken wird. Zumindest den Schritt der Zinssenkung haben sie damit richtig vorhergesehen. Die Raiffeisen-Experten lagen hier daneben. Sie rechneten nicht nur mit einem unveränderten Leitzins von einem Prozent, sondern auch damit, dass der Drei-Monats-Euribor, an dem sich viele Spar- und Kreditzinsen orientieren, bei rund einem Prozent notiert und bis Jahresende leicht steigt. Weit daneben, der Euribor steht derzeit bei 0,2 Prozent.

Was Sie beachten sollten bei... Analystenprognosen

Tipp1

Prognosen. Mit ihren Aktienmarkt-Einschätzungen liegen die Analysten heuer ganz gut. Die Raiffeisen-Experten prognostizierten für Jahresende einen ATX-Stand von 2200 Punkten. Derzeit steht er bei 2150 Zählern. Im Gegensatz zu 2011 ist die Prognose das Papier wert, auf dem sie geschrieben ist.

Tipp2

Kaufen? Analysten geben Kaufempfehlungen ab, indem sie eine Aktie mit „Buy“ versehen. Sie orientieren sich dabei an Benchmarks, etwa dem Leitindex ATX. „Buy“ bedeutet oft, dass sich eine Aktie besser als der Markt entwickeln wird. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Aktie Kursgewinn abwirft.

Tipp3

Analysen. Anleger sollten nicht vorrangig auf die Kauf- oder Verkaufsempfehlung der Analysten achten. Viel wichtiger ist die gesamte Analyse im Hintergrund, die oft ein sehr gutes Bild von einzelnen Unternehmen abgibt. Analysten haben einen guten Zugang zu Firmen. Die Analysen sind in der Regel verständlich und umfassend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)

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1 Kommentare

Nix!

So einfach ist das. Auch ein Analyst ist ein ganz normaler Mensch und kann nicht hellsehen, die Zukunft ist IMMER ungewiß. Bestenfalls kann so ein Analyst aus Daten der Vergangenheit Wahrscheinlichkeiten für die Zukunft ausrechnen, und die haben, wie wir nicht nur aus Erfahrung wissen, keinerlei Aussagekraft bezüglich des tatsächlichen Eintritts der Prognose oder ihrer Anwendbarkeit auf den konkreten Einzelfall. In jeder Lebensversicherungspolizze kann man das in dem berühmten "Da-die"-Satz (etwa: Da die hier dargestellten Erträge auf Ergebnissen der Vergangenheit beruhen, kann keinerlei verbindliche Aussage für die Erträge der Zukunft gemacht werden) nachlesen.
Wäre dem nicht so, gäbe es die Märkte nicht mehr, weil ohnehin alles vorhersehbar wäre.

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