Nichtlustig-Cartoonist: „5000 Euro. Das ist ein Witz"

14.12.2012 | 13:41 |  von Matthias Auer (Die Presse)

Seit zwölf Jahren verschenkt Joscha Sauer seine Comics im Internet auf Nichtlustig.de. Heute ist er einer der bekanntesten Cartoonisten. Dabei zeichnet er nicht gern. Sein Geld steckt er lieber in Trickfilme als in Reihenhäuser.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Die Presse: Herr Sauer, Sie sind einer der wenigen Cartoonisten, die vom Zeichnen leben können. Wenn ich Sie jetzt bitte, mir einen Ihrer Lemminge zu zeichnen, wie viel wäre das wert?

Joscha Sauer: Cartoons von mir gehen schon einmal um 2000 Euro weg. Das mache ich aber sehr selten, weil ich Originalzeichnungen nicht als Einnahmequelle sehe. Persönliche Zeichnungen, die bei Signierstunden entstehen, sollen gar keinen Geldwert haben.


Werden Signierstunden auf Buch- oder Comicmessen eigentlich bezahlt?

Sauer: Ich bekomme 50 Euro in der Stunde. Und ich muss sagen: Wenn man am Ende des Tages ein Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt bekommt, ist das schon ein schönes Gefühl. Sonst liegen Arbeit und Geldverdienen bei mir zeitlich oft weit von einander entfernt.


Ihre Karriere haben Sie vor zwölf Jahren begonnen, indem Sie fast täglich einen Cartoon kostenlos ins Internet gestellt haben. Wie lange hat es gedauert, bis Sie damit erstmals Geld verdient haben?

Sauer: So richtig losgegangen ist es erst nach drei Jahren. Zum Glück habe ich ja die Internetseite nicht gemacht, um davon zu leben, sondern als reinen Zeitvertreib. Anders hätte es für mich nicht funktioniert. Da wäre ich von Beginn an viel zu deprimiert gewesen. Denn nur weil deine Seite im Internet erfolgreich ist, heißt das noch lange nicht, dass sich auch irgendein Verlag für dich interessiert. Wirklich Geld verdient habe ich erst mit meinem ersten Buch nach drei Jahren.


Wie haben Sie die drei Jahre überlebt?

Sauer: Eltern. Ohne meine Eltern hätte ich das nie durchgestanden. Aber auch sie haben mir eine Deadline gegeben. Bis zu der konnte ich alles einmal ausprobieren. Danach hätte ich mir aber schnell einen Job suchen müssen.


Sie sind das Paradebeispiel des Künstlers, der die Internet-Ära richtig nutzt: erst alles gratis ins Netz stellen und den Fans dann Bücher und Merchandise verkaufen. Verstehen Sie, dass sich viele Kollegen gegen die Gratiskultur wehren?

Sauer: Ich verstehe sogar sehr gut, wenn die meisten sagen, dass es so nicht funktionieren kann. Ehrlich gesagt: Wenn ich heute noch einmal anfangen würde, hätte ich auf dem Weg auch keine Chance.


Warum nicht?

Sauer: Weil es schon zu viel kostenlosen Inhalt im Internet gibt. Ich hatte das Glück, im Jahr 2000 zufällig als einer der Ersten im Netz Gratis-Cartoons anzubieten. Und ich habe damals einen Nerv getroffen. So etwas kann niemand steuern. Es ist Unsinn, von allen zu fordern, es genauso zu machen. Ich bin sogar skeptisch, dass es bei mir noch lange so funktioniert. Das Smartphone macht alles jederzeit verfügbar, sodass sich gedruckte Comics vielleicht bald kaum rechtfertigen lassen. Ich suche deswegen ständig nach neuen Wegen, meine Sachen zu vertreiben und damit Geld zu verdienen. Mal klappt's, mal nicht.


Was hat denn nicht funktioniert?

Sauer: Die Smartphone-App zum Beispiel. Das Programm ist kostenlos, dafür sollten Leute, denen es gefällt, eben spenden. Zwei Millionen Mal wurde es heruntergeladen, gespendet wurden 5000 Euro. Das ist ein verdammter Witz. Wäre das mein einziges Standbein, könnte ich nicht überleben.

Sie verkaufen zum Glück ja auch Bücher mit 90.000 Stück Auflage und Fanartikel. Wie reich wird man als Cartoonist?

Sauer: Ich muss mir keine Gedanken machen, wo meine Miete herkommt, aber reich bin ich nicht. Das ist die größte Fehlannahme. Zwar sagen sicher viele, wer - wie ich - 150.000 Euro in einen Trickfilm investiert, ist reich. Aber spätestens jetzt bin ich es nicht mehr. Das Geld ist weg. Andere kaufen sich darum in meinem Alter eine Doppelhaushälfte. Ich wollte lieber den Trickfilm als ein Reihenhaus. Aber es kann natürlich leicht sein, dass in zwei Jahren niemand meine Cartoons lesen will. Deswegen sollte man in erfolgreichen Zeiten etwas zur Seite schaffen. Darauf hab ich halt gepfiffen.

Stattdessen haben Sie das Geld für Ihr neues Trickfilmprojekt ausgegeben. Gereicht hat es nicht. Im Internet bitten Sie Fans, mitzuzahlen. Hatten die Fernsehsender kein Interesse?

Sauer: Interesse gab es schon. Aber bis zur Bereitschaft, auch Geld zu geben, liegen noch Welten. Trickfilm ist relativ teuer. Wenn man da eine Folge machen will, hat man so viel ausgegeben, dass man gleich weitermachen sollte. Ich habe 150.000 Euro von meinem Geld reingesteckt. Die fehlenden 100.000 für die Pilotfolge sollten über Crowdfunding im Netz kommen.


Wieviel haben Sie schon zusammen?

Sauer: Wir haben die 100.000 Euro in vier Wochen geknackt. Jetzt bin ich natürlich scharf drauf, mehr zu bekommen, damit wir mehr Folgen machen können. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch darum, den Sendern zu zeigen, dass Menschen bereit sind, für Inhalte zu bezahlen. Deswegen ist jeder wichtig, auch wenn er nur einen Euro gibt. So kann niemand mehr sagen: Leute konsumieren das nur, weil es im Netz kostenlos ist.


Sie verdienen auch viel mit Merchandise. Stört Sie der Vorwurf, sich dem Kommerz ausgeliefert zu haben?

Sauer: Manchmal. Die Leute übersehen, dass ich Merchandise brauche, um Projekte wie den Trickfilm zu probieren. Dabei verdiene ich mit den Büchern sogar besser. Ich kann trotzdem nicht nur den tollen Krempel machen. Das bringt nicht genug Geld. Ich habe kein Problem damit, T-Shirts und Tassen zu verkaufen, weil ich weiß, dass ich es nicht aus Geldgeilheit mache, sondern weil ich einen Traum habe, der sich nur so verwirklichen lässt.


Der Traum ist der Trickfilm?

Sauer: Das war von Anfang an mein Wunsch. Ich komme ja aus der Ecke, habe 1995 in den Schulferien als Trickfilmzeichner für „Werner 2" und „Das kleine Arschloch" gearbeitet. Cartoons waren der Unfall. Trickfilm ist der Plan. Die Faszination war immer da, ich hatte aber keine Lust auf Auftragsarbeiten. Die Internetseite war eine gute Abwechslung, bei der ich zehn Jahre hängen geblieben bin.


Stimmt es, dass Sie gar nicht gerne zeichnen?

Sauer: Ja, Zeichnen ist langweilig. Ich konnte das immer. Es war für mich der einfachste Weg, um meine Ideen zu transportieren. Sonst wäre ich wohl Stand-Up-Comedian geworden. Es ist mir schon wichtig, dass alles gut aussieht, ich bin ja ein Ästhet. Aber ich verbinde keine Romantik damit. Es passiert nie, dass ich sage: „Yeah, heute darf ich zeichnen." Es ist immer eher: „Hrmpf, heute muss ich zeichnen."


Schlecht, wenn man dann doch täglich zeichnen muss.

Sauer: Es geht. Tatsächlich schreibe ich heute viel öfter, als ich zeichne. Mittlerweile korrigiere ich vor allem die Arbeit anderer Leute.

Auf einen Blick
Joscha Sauer (*1978) ist einer der wenigen deutschen Cartoonisten, die vom Zeichnen leben können. Bekannt wurde er als Schöpfer der Nichtlustig-Comics, die er seit 2000 gratis im Internet veröffentlicht. Seit 2003 sind die todessehnsüchtigen Lemminge und überforderten Yetis auch in Buchform erhältlich. Derzeit sammelt Joscha Sauer online Geld für seine Nichtlustig-Trickfilmserie.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

3 Kommentare

Er ist jedenfalls

ein cooler dude. :)

Re: Er ist jedenfalls

Ich kann Dir nur Recht geben. Ich hab mir ’ne Zeichnung bei der Comic Messe Anfang Dezember geholt.

Wobei ich gestehe, dass ich nur ein Buch habe, aber die Merchandising-Zeug ist echt super und immer ein Hingucker.

Re: Er ist jedenfalls

Wie kann man hier ein "-" geben? Uuuh. Er hat niemanden beleidigt. Verbrennt ihn!

People & Business

CA Immo Logo
AnmeldenAnmelden