Christian Felber: "Ein Zinsverbot fände ich prima"

Der Attac-Mitbegründer erklärt, warum er nie Wirtschaft studieren wollte und sich um seine Altersvorsorge keine Sorgen macht.

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Christian Felber – Die Presse

Wien. Reine Kapitaleinkünfte sind Attac-Mitbegründer Christian Felber ein Dorn im Auge. „Die Presse“ hat ihn befragt, wie er selbst es mit dem Thema Geld hält.

Die Presse: Sie diskutieren gern über Wirtschaft im Allgemeinen. Wie sieht konkret Ihr Kontostand aus?

Christian Felber: Mein Kontostand ist auch mein gesamtes Finanzvermögen, es bewegt sich zwischen 1000 und 50.000 Euro.

Haben Sie anderes Vermögen?

Ich habe ein kleines Immobilienvermögen: Ich bin in einem Wohngemeinschaftsprojekt eingeschrieben und halte dort einen Grundkostenanteil von 8000 Euro.

Wieso schwankt Ihr Kontostand so stark?

Da Honorare und Tantiemen unregelmäßig eintreffen und ich rhythmisch Rechnungen zahle. Ich habe ein Vier-Personen-Unternehmen, dessen Jahresumsatz sich 150.000 Euro nähert. Da sind diese Schwankungen üblich.

Verdienen Ihre Angestellten gut?

Ich habe einen fix Angestellten sowie eine Vortrags- und eine Kommunikationsmanagerin, die für mich selbstständig arbeiten. Sie verdienen ihrer eigenen Einschätzung nach, wie Sie im Gemeinwohlbericht meines Kleinunternehmens nachlesen können, das, was sie sich vorstellen.

Sie üben viele Tätigkeiten aus: Attac, Vortragstätigkeiten, Tanzen.

Ich habe drei Ehrenämter: Attac, das Projekt Demokratische Bank und der Aufbau der Gemeinwohlökonomie-Bewegung. Mein Hauptberuf ist internationaler Publizist und Referent. Der Tanz dient primär der Gesundheit und Freude. Ab und zu kommt Geld herein, aber das war nie das Ziel.

Sie halten ja sehr viele Vorträge. Da legen Sie sich nichts zur Seite?

Derzeit nicht, weil mir der Aufbau der Organisationen für den gesellschaftlichen Wandel wichtiger ist. Ich habe im Vorjahr rund 20.000 Euro meiner Vortragsvergütungen an den Verein kanalisiert.

Sind Sie ein sehr selbstloser Mensch?

Überhaupt nicht, ich kann meine Grundbedürfnisse gut decken. Ich fühle mich wohler und freier, wenn ich kein Auto besitze. Das Einzige, was bei mir finanziell etwas ins Gewicht fällt, ist, dass ich bei der intensiven Reisetätigkeit nicht so genau schaue, wie teuer ich essen gehe, ob das 15 oder 50 Euro kostet.

Haben Sie keine Angst, Sie könnten im Alter zu wenig auf der Seite haben?

Überhaupt nicht, ich bin als Selbstständiger pflichtversichert. Auch ist mein Beruf so, dass ich bis zu meinem Sterbetag arbeiten kann.

Haben Sie eine Erbschaft in Aussicht?

Meine Eltern haben ein Haus gebaut, aber damit rechne ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es meine Brüder bekommen.

Was hat Sie zum Globalisierungskritiker werden lassen?

Ein frühes Wahrnehmen der Einheit mit der Natur und allen anderen Menschen auf der Welt. Daraus ergeben sich Werthaltungen: dass Kooperation mehr Sinn hat als Konkurrenz und Teilen wichtig ist. Ich bin katholisch sozialisiert worden und habe den Widerspruch wahrgenommen zwischen dem Anspruch der Nächstenliebe und des Teilens und dem realen Leben der Menschen, die in die Kirche gehen. Ich habe mich für die Arbeit an der Vision entschieden.

Warum haben Sie nicht Wirtschaft studiert?

Bewusst nicht. Ich wollte Universalwissenschaften studieren und musste zur Kenntnis nehmen, dass das nicht geht. Die Wirtschaftswissenschaften sind ein zu dünner Ast geworden. Der Trend zur Mathematisierung stellt eine weitere Verengung dar. Der Ausdruck dafür in der realen Welt ist die Finanzwirtschaft. Das halte ich für gefährlich, aber auch langweilig. Daher habe ich versucht, mich ganzheitlich, aber autodidaktisch zu diesem Thema zu bilden. Das hat offenbar Sinn: Seit 2008 erfülle ich auf Anfrage der Wirtschaftsuniversität Wien einen kleinen Lehrauftrag.

Denken Ökonomen nicht universell?

Die ökologische, demokratische und ethische Einbettung ist zu schwach. Ich frage die Studenten am Anfang immer, ob sie im Rahmen ihres Studiums schon etwas von der Menschenwürde gehört haben: Das war nie ein Thema.

Zu Menschenwürde gehört Freiheit. Ist nicht die Möglichkeit, Privatvermögen zu haben, Ausdruck dieser Freiheit?

Ja, aber das liberale Denken sagt auch: Alle Freiheiten müssen begrenzt werden, wo ein höheres Maß dieser Freiheit die Freiheit der Nächsten einschränken würde. Die einzige Freiheit, die derzeit unbegrenzt ist, ist die Eigentumsfreiheit. Obwohl durch die schrankenlose Gewährung die gleiche Freiheit anderer gegen null geht. Wir sehen das am Beispiel Frank Stronach. Der kauft sich nicht nur einen Fußballklub, sondern einen Parlamentsklub. Das ist der Beginn vom Ende der Demokratie.

Stronach dementiert freilich, dass er Abgeordnete kauft. Aber grundsätzlich: Warum sollte man nicht einen Unternehmer finanziell unterstützen und später, wenn dessen Idee funktioniert, am hohen Gewinn beteiligt werden?

Ich beschreibe ein neues Paradigma, dass Kapital nicht dort eingesetzt wird, wo die größte Finanzrendite fließt, sondern nach dem Kriterium Sinn, Lebensqualität, Gemeinwohlorientierung. Wenn die, die Kapital haben, nirgends mehr eine Finanzrendite bekommen, werden sie das Geld in das sinnvollste Unternehmen investieren.

Sind Sie für ein Zinsverbot?

Das fände ich prima, würde aber nicht nur vom Zins abgehen, sondern von allen Kapitaleinkommen.

Die Realzinsen sind ohnehin schon negativ. Die Inflation frisst die Sparbuchzinsen auf. Finden Sie das gut?

Je angewiesener die Menschen auf ihr Vermögen sind, desto schmerzhafter ist der Verlust. Ziel sollte sein, dass die große Mehrheit so wenig auf ihr Finanzvermögen angewiesen ist, dass ihnen ein- bis dreiprozentiger Kaufkraftverlust nichts ausmacht. Diejenigen, die kein nennenswertes Vermögen haben, trifft das ohnehin nicht. Sie sollten dank entfallener Kapitaleinkommen höhere Arbeitseinkommen genießen. Diese sollten auch steuerlich entlastet werden.

Zur Person

Christian Felber (40) hat die globalisierungskritische Organisation Attac Österreich mitbegründet und das Modell der „Gemeinwohlökonomie“ entwickelt. Der studierte romanische Philologe und Politologe lebt von Vortragstätigkeiten (unter anderem an der Wirtschaftsuniversität Wien), Schriftstellerei und Tanz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2013)

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