Wendy & Jim: "Wir waren von seltener Naivität"

12.05.2013 | 18:39 |  von Jeannine Hierländer und Nicole Stern (Die Presse)

Wendy & Jim sind das internationale Aushängeschild der heimischen Modebranche. Mit der „Presse“ sprachen sie über das Fremdwort Businessplan und ihr Durchhaltevermögen.

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Die Presse: Im Internet findet man zwar viele Berichte über Ihre Mode, aber keinen Webshop, in dem man die Sachen kaufen kann...

Helga Ruthner: Uns geht es um die Kontrolle unserer Produkte. Wir haben gelernt, dass man sich den Markt ruiniert, wenn man ein Produkt einmal woanders günstiger kaufen kann als in einem Geschäft. Dann ist nämlich niemand mehr da, der über diesem Preis kauft. Die Masse ist schwer zu kontrollieren.

 

Was ist denn der angemessene Preis für ein Kleidungsstück?

Ruthner: Bei uns: Rohstoffe plus Herstellungskosten zuzüglich Gewinnanteil. Und diese Summe multipliziert mit einem Bruchteil bis einem Vielfachen– je nachdem, wie viele Zwischenhändler, Agenten dazwischen sind– ergibt dann den endgültigen Verkaufspreis.

 

Und was kostet ein Anzug bei Ihnen?

Hermann Fankhauser: Das fängt bei 1300 Euro an, wenn man normale Wolle nimmt. Wenn man zu Seiden- oder Kaschmirgemischen greift, ist man bei höheren Preisen.

 

Und wo lassen Sie produzieren?

Fankhauser: Alles in Europa, je nach Produkt in verschiedenen Ländern, zum Beispiel Strickwaren in Italien.

 

Auch in Österreich?

Fankhauser: Wir haben zuerst versucht, in Österreich zu produzieren. Aber das geht nicht.

Ruthner: Hier haben wir nur für das Nähen eines T-Shirts zwanzig Euro gezahlt. Am Ende des Tages hat ein T-Shirt im Einkauf dann rund hundert Euro gekostet. Und dann haben wir uns gezwungen gefühlt, noch etwas Zusätzliches auf das T-Shirt draufzumachen, damit wir den Preis auch argumentieren konnten. Im Geschäft hat das Shirt viel mehr gekostet.

 

Die Karriere von Wendy&Jim hat in Paris begonnen. Woher kam das Geld für die erste Modeschau?

Ruthner: Unser Investor hieß Naivität. Wir waren von seltener Naivität.

Fankhauser: 20.000 Schilling haben wir von meiner damaligen Schwiegermutter geschenkt bekommen. Damit haben wir das Atelier eingerichtet und die erste Show in Paris bestritten.

Und wie ist es gelaufen?

Ruthner: Unser erstes Pressebüro in Paris hat uns immer gefragt, wie groß unser Budget wäre. Weil sie davon ausgegangen sind, dass unserem Handeln eine Rechnung vorangegangen ist. Aber in Wirklichkeit haben wir das Flugticket gezahlt und die Kollektion im Koffer gehabt. Dann sind wir davon ausgegangen, dass wir auf der Straße Leute anreden, damit sie unsere Models sind. Und dass uns irgendjemand Make-up und Haare macht.

Fankhauser: Und genauso war es dann auch. Dann hat uns Castelbajac (Jean-Charles, Modedesigner, Anm.) sein Atelier für unsere Show zur Verfügung gestellt.

Ruthner: Und die Hütte war gerammelt voll. Vor der Show haben wir noch Helmut Lang (österr. Designer, Anm.) angerufen und ihn darum gebeten, uns zu erklären, was alle meinen, wenn sie uns nach unserem Budget fragen. Die müssen doch sehen, dass wir kein Geld haben. Und er hat gesagt, er erklärt uns gern alles, aber bitte morgen, weil er hat in zwei Stunden Show. Von einem Businessplan habe ich erst Jahre später zum ersten Mal gehört. Und wenn wir den gehabt hätten, hätten wir nie begonnen.

 

Und was haben Sie mit dem Geld aus dem Verkauf der ersten Kollektion gemacht?

Ruthner: Für die nächste Show ausgegeben.

Fankhauser: Wir waren total überfordert damit, dass da überhaupt jemand etwas bestellt hat. Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. Dann haben wir uns gefragt: Was machen wir jetzt?

Und was haben Sie gemacht?

Fankhauser: Wir haben das Ganze in Wien nähen lassen. Das hat dann eh irgendwie funktioniert.

Ruthner: Bei der dritten Kollektion hat man dann schon gemerkt, dass sich das Rad zu drehen anfängt.

Würden Sie es heute anders machen?

Fankhauser: Nein. Ich glaube es war richtig, dass wir so unwissend an die Sache herangegangen sind.

Ruthner: Aber das Wichtigste ist: Es gibt keine Ausreden. Wir haben das alles mit null Euro gemacht und den Mut nie verloren. Und jetzt sind wir da, wo wir sind. Uns sind schon Schneidereien abgebrannt, bevor wir ausgeliefert haben, es sind Produktionsfirmen in Konkurs gegangen, wir haben Ware um Monate zu spät und dann noch falsch genäht bekommen. Wir haben zigtausend Euro Verluste schlucken müssen durch die Fehler anderer. Und es hat uns nie davon abgehalten, die nächste Kollektion zu machen. Wir waren nie demotiviert.

 

Standen Sie selbst einmal vor dem Konkurs?

Ruthner: Wir nicht, aber andere.

Fankhauser: Aber wir haben immer vorsichtig agiert. In der Modebranche gehen auch große Häuser in Konkurs und machen normal weiter. So ist das halt.

 

Und wie läuft das Geschäft heute?

Fankhauser: Gut.

Ruthner: Super.

 

Und seit wann können Sie von Ihrer Firma leben?

Ruthner: Kommt darauf an, wie. In Wirklichkeit hat uns unsere Firma immer so viel Arbeit gemacht, dass wir immer gezwungen waren, davon zu leben. Aber ich habe ziemlich lange Zeit in einer Einzimmerwohnung mit Klo auf dem Gang gewohnt. Und wir haben ziemlich lang keinen einzigen freien Tag, keine Ferien gehabt.

Fankhauser: Das hat sich geändert.

Ruthner: Aber es ist uns damals nicht einmal aufgefallen. Ich habe mir nie gedacht, die anderen dürfen ins Schwimmbad und ich nicht.

 

Ihren Job haben Sie nie als Selbstausbeutung empfunden?

Fankhauser: Überhaupt nicht. Und es war uns auch egal, wenn wir bis vier in der Früh in der Firma waren, um acht waren wir wieder da. Es war uns wurscht.

 

Stecken Sie Ihr ganzes Geld in Ihre Firma?

Ruthner: Wir leben natürlich von unserer Firma, und wir investieren.

Fankhauser: Wir leisten es uns, immer wieder neue Schienen aufzumachen. Kürzlich haben wir ein Parfum auf den Markt gebracht.

 

Was geben Sie monatlich selbst für Bekleidung aus?

Ruthner: Das will ich nicht wissen.

Fankhauser: So viel ist das nicht. Bei mir zumindest. Hundert Euro maximal. Das teuerste Stück, das ich mir jemals von einem Designer gekauft habe, das war in den 1980er-Jahren, um 6000 Schilling.

Ruthner: Aber er darf die Frage gar nicht beantworten, weil wir machen gerade Männerkollektionen. Das ist so, als würdest du einen Selbstversorgerbauern fragen, wie viel Geld er für Essen ausgibt. Wir sind modische Selbstversorger.

 

Gehen Sie eigentlich auch zu H&M?

Ruthner: Na sicher.

Fankhauser: Ich finde ja, die Mischung macht's. Sich von einem Designer zu kleiden, ist komisch.

 

Sie zählen zu den bekanntesten Modedesignern Österreichs. Verkaufen Sie hierzulande eigentlich viel?

Fankhauser: Die Österreicher haben ein Identifikationsproblem. Während in Kopenhagen eigene Designer beispielsweise super konsumiert werden, ist es in Österreich genau umgekehrt. Das Bewusstsein für die eigenen Marken fehlt. Und auch das Vertrauen.

Zur Person

Wendy&Jim, das sind Helga Ruthner und Hermann Fankhauser. Im Jahr 1997 haben die beiden zum ersten Mal Mode unter dem Namen Wendy&Jim zur Schau gestellt, 1999 folgte dann die Gründung der eigenen Firma. Die Designer schafften mit ihren avantgardistischen Kreationen binnen weniger Jahre den internationalen Durchbruch. 2008 wurden sie „Österreicher des Jahres“, kürzlich haben sie ein Parfum auf den Markt gebracht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2013)

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5 Kommentare

Sympathisches Interview

Ich kann mich der Meinung von zerocool nur anschließen und hoffe, noch viel von Wendy&Jim zu sehen, hören und zu lesen!!


Gratulation

alao ICH wünsche den beiden unternehmern weiterhin viel Glück und Erfolg , was ein paar lachhafte neidhammeln hier von sich geben wird die beiden ohnehin nicht stören :-)

departure

wäre nett gewesen, wenn sie sich auch bei departure bedankt hätten, die ihnen viel viel Geld gegeben haben.

Selten?

Ich denke, SO selten ist diese Art von Naivität gar nicht - und Sitte ist auch gar nicht so schlecht.

Wendy & Jim sind das internationale Aushängeschild der Modebranche

Und eine Frage fehlt hier noch: Wieviel öffentliches Geld wurde zugunsten diese beiden Newcomer verbraten? 100.000€, 200.000€ oder vielleicht mehr? Nicht verzagen - "departure" fragen ...

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