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„Das ganze System ist faul“

Bild: GEPA pictures 

Wirtschaftsbuch. Günter Wierichs erklärt Fachbegriffe aus der Finanzwelt, räumt mit Irrtümern auf und spart nicht mit Kritik. Nur schade, dass manches wie Wahlkampfpolemik klingt.

 (Die Presse)

Wien. „Es gibt Leute, die glauben immer noch an den Weihnachtsmann respektive den homo oeconomicus. Sie übersehen dabei schlichtweg, dass es sich um ein Modell handelt. Modelle können nur vor dem Hintergrund der ihnen zugrunde liegenden Annahmen bewertet werden. Es zeugt also von Dummheit oder mangelndem Reflexionsvermögen, wenn man Börsen als effiziente Kapitalmärkte bezeichnet ...“

Sollte es tatsächlich noch jemanden geben, der hinsichtlich der Finanzmärkte Illusionen hat – nach der Lektüre von Günter Wierichs' „kritischem Finanzlexikon“ bleibt davon bestimmt nichts mehr übrig. Wierichs geht mit überkommenen Ansichten ebenso hart ins Gericht wie mit vielen Institutionen der Finanzwelt. Banken werden da schon einmal als „Lotteriegesellschaften“ bezeichnet und das Prinzip des Shareholder Value als „ultimativer Kniefall vor der Börse“.

Solche Positionierungen erwartet man vielleicht nicht von einem Finanzlexikon, nicht einmal dann, wenn es sich kritisch nennt. Gängige Erwartungen erfüllt es aber auch: Begriffe aus dem Branchen-Fachchinesisch werden anhand von nachvollziehbaren Beispielen durchaus verständlich erklärt, das gelingt sogar bei Komplexem wie ABCP (asset backed commercial papers). Speziell bei steuerlichen Rechenexempeln müssen österreichische Leser aber aufpassen: Das Buch ist in Deutschland erschienen und auf deutsche Verhältnisse zugeschnitten.

 

„Lüge von der Geldvernichtung“

Nützlich ist auch, dass gängige und in Medien gern verwendete Begriffe relativiert werden. Etwa „Geldvernichtung“: Von einer solchen ist oft die Rede, wenn eine Aktie zuerst einen Höhenflug, dann aber einen veritablen Flop hinlegt. Tatsächlich muss dieser Kurseinbruch aber nicht wirklich Geld „vernichtet“ haben: Der Autor rechnet ein Szenario vor, in dem derjenige, der das Pech hatte, die Aktie kurz vor dem Absturz teuer zu kaufen, genauso viel verloren hat, wie ihre Vorbesitzer während der Zeit des Kursanstiegs in Summe gewannen. Wer sich rechtzeitig von der heißen Kartoffel trennt, macht Profit, wer unverdrossen an weiter steigende Preise glaubt, verliert. Unter dem Strich sei es ein Nullsummenspiel: Geld wurde nicht vernichtet, es wechselte nur den Eigentümer.

Auch das sei aber nur die halbe Wahrheit, führt Wierichs weiter aus: Die Finanzvermögen seien allen monetären Krisen zum Trotz kontinuierlich angestiegen, in Wahrheit würden also Prozesse der Geldschöpfung nachhaltiger wirken als jene der sogenannten Geldvernichtung. Letztere führe allerdings zu immer mehr Ungleichheit, zu einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Wierichs' Fazit: „Das ganze System ist faul.“

Und ab da wird es politisch. Der Autor macht kein Hehl daraus, dass er mit Neoliberalismus nichts am Hut hat: Den Neoliberalen gehe es lediglich um die Sicherung und Ausweitung von Privilegien für Gut- und Besserverdiener, schreibt er etwa. Egal, ob man diese Meinung nun teilt oder nicht: Die Wortwahl irritiert. Sie erinnert – gerade jetzt – zu sehr an Wahlkampfpolemik, das nervt. Man merkt (oder unterstellt?) die Absicht und man ist verstimmt. Schade.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2013)

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7 Kommentare

Den Hayek wegschmeißen, wo kämen wir denn da hin...

Es ist schon schwer einzugestehen, dass man auf das falsche Pferd gesetzt hat!

In letzter Zeit mögen aber wenige die Neoliberalen,

wobei Neo Neu und liberal freiheitlich bedeutet. In Österreich gilt gesellschaft und wirtschaftsliberal als Pfui Gack und deswegen pendelte früher das LIF und jetzt Neos um die 4%. Schwule und Lesben, die Kinder adoptieren oder Eigenverantwortung wird hier nicht gerne gesehen. Der Österreicher fühlt sich nur in Bünden, Gewerkschaften oder Lobbyistengruppen scheinbar wohl.

Sicher steigen die Geldmengen M3 der meisten großen Notenbanken seit dem Jahr 2001 rasant an und der Finanzkapitalismus hat schon seine Probleme. Aber deswegen realwirtschaftliche Neoliberale auch zu verteufeln, halte ich für schlichtweg grotesk.

Und ab da wird es politisch.

???

Wirtschaft IST politisch. Natürlich ist auch ein Buch über Wirtschaft politisch.

Dass neoliberale Politik von manchen Redakteuren der Presse verharmlost und verteifigt wird, ist bekannt. Auch diese Einstellung ist : politisch.

Re: Und ab da wird es politisch.

Ich denke, hier war gemeint: Ein marktwirtschaftliches System ist in seinen wesentlichen Punkten berechenbar (z.B. Angebot/Nachfrage etc.)
Politik ist das nicht - und genaugenommen Abwesenheit von jeder Realität oder logischer Argumentation.

8

INDEX

Dieses Buch würden Franz Schellhorn und die Sponsoren seiner liberalen Denkfabrik der Millionäre "Agenda Austria" wahrscheinlich gerne auf den Index setzen. ;-)

Da wird einfach nur die Wahrheit gesagt.


Re: Da wird einfach nur die Wahrheit gesagt.

Wessen Wahrheit? Ihre?

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