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Russland: 'Problem ist Umgang mit Minderheitsaktionären'

Bild: (c) REUTERS (LUCAS JACKSON) 

Der russische Börsenchef Alexander Afanasiev erzählt, wie eine Börsenkultur entsteht, warum Polen ein Vorbild ist und Österreich ihm unabsichtlich ein Geschenk gemacht hat.

 (Die Presse)

Die Presse: Der russische Aktienmarkt schwächelt– obwohl viele die Aktien für unterbewertet halten. Aber sind sie nicht wegen der politischen und rechtsstaatlichen Risiken adäquat bewertet?

Alexander Afanasiev: Eine Ursache ist der geringe Streubesitz. Das Hauptproblem sind aber Bedenken wegen der Corporate Governance (Grundsätze guter Unternehmensführung, etwa Transparenz, Anm.). Der Appetit gegenüber den Schwellenländern ist seit Krisenbeginn nicht wieder erwacht, deshalb haben viele westliche Firmen ihre Einschätzung Russlands noch nicht aktualisiert. Wenn sie es tun, werden sie feststellen, dass es grundlegende Veränderungen bei Investorenschutz oder Infrastruktur gegeben hat. Die politischen Risiken sinken. Nun muss die Corporate Governance auf ein nächsthöheres Niveau gehoben werden.

Ist das der Grund, warum Sie Unternehmen, die bestimmte Auflagen erfüllen, in einen Super-Prime-Market aufnehmen wollen?

Diese Liste hat erzieherische Funktion. Für den Kapitalmarkt müssen Unternehmen die aufwendige Arbeit an einer transparenten Corporate Governance, die bei uns erst etwa zehn Jahre lang angewendet wird, auf sich nehmen. Dafür soll es einen Bonus geben: den Zugang zu längerfristigem und billigem Kapital. Und zum Verkauf neuer Businessideen. Die große Privatisierung in den 90er Jahren war ja nur ein Wechsel der Eigentümerform. Erst später begann man bei uns, Management und Eigentümer zu trennen. Es wurde in kurzer Zeit getan, wofür andere Länder 100 bis 200 Jahre brauchten. Heute haben wir als wichtigstes Problem den Umgang mit den Minderheitsaktionären.

Hat das damit zu tun, dass mehr als die Hälfte auf dem Markt Staatsunternehmen sind?

Nein, sondern dass der Streubesitz nicht groß ist. Die meisten russischen Großunternehmen haben eine Gruppe von Aktionären, die einen entscheidenden Einfluss auf das Management ausüben kann. Bei Staatsunternehmen ist dies der Staat, bei privaten sind es die Unternehmensgründer.

Ist die Londoner Börse ein großer Konkurrent?

Ja, weil sie russische Emittenten wegen des weithin akzeptierten englischen Rechts und der Anwesenheit großer Investmentfonds angezogen hat. Von allen in London gehandelten Titeln kommen zwölf Prozent aus dem Ausland, von denen wiederum 90 Prozent russischer Herkunft sind. Der Grund war die fehlende Infrastruktur in Russland.

Gibt es Anzeichen, dass russische Unternehmen an die Moskauer Börse heimkehren?

Die Tendenz gibt es. Viele Unternehmen reden mit uns über eine mögliche Rückkehr. Dass russische Unternehmen in Moskau gehandelt werden, bringt auch für ausländische Investoren Vorteile, denn man kann das Original handeln und muss nicht auf Hinterlegungsscheine (GDR, ADR) ausweichen, deren Popularität ohnehin abnimmt. Auch können wir dem Investor etwa Möglichkeiten der Absicherung von Währungsrisiken anbieten. Das ist ein Zuckerbrot.

Und der Staat schwingt die Peitsche, um russische Betriebe nach Moskau zu zwingen?

Bislang habe ich solche Klagen noch nicht gehört. Die Peitsche ist in der globalen Finanzwirtschaft kein effizientes Mittel. Generell sind Schwellenländerbörsen erfolgreich, wenn der Staat seine Unterstützung zeigt.

Was unternehmen Sie, um große internationale Emittenten an Land zu ziehen?

Wir sind ein regionaler Markt und interessant in erster Linie für jene rund 40 russischen Unternehmen, die im Ausland gelistet sind. Auch sehen wir Potenzial für Marktteilnehmer aus den GUS-Staaten und aus anderen osteuropäischen Ländern.

Gesetzesinitiativen sollen die Bevölkerung mit Steuererleichterungen an den Kapitalmarkt locken. Im Westen, auch in Österreich, begann man, Wertpapierinvestitionen erst richtig zu besteuern.

Das ist ein großes Geschenk an Moskau. Vielleicht interessieren sich deswegen Investoren aus Deutschland und anderen europäischen Ländern für unseren Markt.

Wie wollen Sie den russischen Pensionsfonds als großen Investor gewinnen?

Der Ball ist bei den Regulatoren. Beschränkungen wie die, dass der Fonds jeweils zum Jahresende Gewinne aufweisen muss, bewirken, dass nur zwei Prozent der Pensionsgelder auf dem Kapitalmarkt investiert sind. In kaum einem anderen Land ist dieser Anteil so niedrig. In Polen hat erst eine Pensionsreform die Entwicklung des Kapitalmarktes befördert. Das steht uns noch bevor.

Auf einen Blick

Alexander Afanasiev (51) ist Chef der fusionierten Börse MICEX-RTS. Von 1998 bis 2005 war er Vizechef der WestLB-Tochter WestLB Vostok. Ab 2005 leitete er die Sektion Devisenmarkt an der russischen Börse MICEX.
Beide Börsen
haben massive Transformationen hinter sich. Mit der Zulassung internationaler Clearingsysteme sind Voraussetzungen geschaffen, um große russische Konzerne, die bislang in London gelistet sind, allmählich nach Moskau zurück zu holen und den Handel internationaler Anleger in Moskau zu erleichtern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2013)

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