Wien. Europäer blicken nicht ganz neidlos über den großen Teich: Auch wenn sich die US-Wirtschaft nicht so schnell erholt wie von vielen erhofft, scheint das Land auf den Wachstumspfad zurückgekehrt zu sein. Im ersten Quartal wuchs die weltgrößte Volkswirtschaft immerhin um 2,2Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Europa scheint wegen der immer noch nicht gelösten Schuldenkrise derweil eine Rezession möglich. Anhaltend schlechte Nachrichten aus den krisengebeutelten Peripherieländern zeigen, wie schwierig die Lage immer noch ist.
Das dürfte auch vielen Anlegern nicht verborgen bleiben. „Die Konjunkturschwäche in Europa und langsames Wachstum in den Schwellenländern werden die Nachfrage nach US-Investmentzielen steigen lassen“, sagte Richard Bernstein, Ex-Investment-Chef der US-Bank Merrill Lynch und jetziger Berater, in einem Interview mit der Webseite „Advisor Perspectives“. Der amerikanische Aktienmarkt sei unterbewertet, glaubt der Experte: „Der Markt sieht im schlechtesten Fall vernünftig bewertet, im besten Fall aber geradezu billig aus.“ Im S&P-500-Index, der Unternehmen aus den verschiedensten Bereichen abdeckt, beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis derzeit 13,8. Das sei „besser als normal“.
Auch bei der Fondsgesellschaft Axa Framlington ist man überzeugt, als Investor in den Vereinigten Staaten gut aufgehoben zu sein. „Die Lage in den USA ist gut, nicht perfekt. Aber im Vergleich zu Europa schaut es ziemlich freundlich aus“, sagte Matthew Lovatt von Axa Framlington am Donnerstag bei einem Pressegespräch in Wien.
Finanzsystem robuster
Dies lasse sich unter anderem daran ablesen, dass die Banken den Unternehmen wieder mehr Kapital zur Verfügung stellen. Im Vergleich zu Europa sei das US-Bankensystem robuster aus der Krise gekommen. Positiv sei auch, dass der private Hausbau nicht mehr so stark rückgängig sei, sondern sich zu stabilisieren scheine.
Lovatt empfiehlt vor allem Unternehmen mit einer überzeugenden „Wachstumsstory“: „Wir mögen keine Firmen, die nur durch Kosteneinsparungen ihre Gewinne steigern.“ Viel mehr sei man auf der Suche nach einem gesunden Geschäftsmodell, einem klugen Management und der Fähigkeit zur Innovation. Wenig überraschend landen die Fondsmanager dabei bei Apple. Trotz der beeindruckenden Performance der vergangenen Jahre sei das Papier noch nicht zu teuer, um einzusteigen.
Währungseffekte nicht vergessen
Eine zweite Aktie, die diesen Anforderungen gerecht wird, sei jene der Restaurantkette „Chipotle Mexican Grill“. Rasantes Gewinnwachstum, ein cleveres Management und vor allem die Aussicht auf weitere Expansion sprächen für das Papier, so Lovatt.
Nicht vergessen sollten Anleger bei aller Euphorie aber das Währungsrisiko. Fällt der US-Dollar gegenüber dem Euro, werden Kursgewinne schnell zunichte gemacht. Zuletzt haben Euro-Anleger aber eher profitiert: Im Jahresvergleich hat der S&P-500 um etwa ein Prozent zugelegt. Auf Eurobasis waren es elf Prozent. Raiffeisen-Analyst Valentin Hofstätter glaubt, dass der Euro heuer „um 1,3Dollar pendeln“ wird. Neue Nachrichten von der Schuldenfront könnten dabei für Schwankungen sorgen. Dadurch könnten sich aber gute Einstiegsmöglichkeiten ergeben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2012)

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