Wien/Ker. Die Ausgangslage für vorsichtige Anleger ist alles andere als gut. Für sichere Sparprodukte gibt es kaum Zinsen. Einige Banken wollen Kunden daher mit kombinierten Zinsprodukten locken. „Die Presse“ analysiert, was Berater in den Filialbanken ihren (potenziellen) Kunden empfehlen und was tatsächlich hinter diesen Produkten steckt:
Die Volksbank macht Werbung mit Ex-Skispringer Andreas Goldberger. Dementsprechend heißt es auch: „Goldenes Sprung-Sparbuch“ – mit bis zu vier Prozent p. a. Das funktioniert folgendermaßen: Man legt einen Geldbetrag einmalig auf dieses Sparbuch. Für das erste Jahr bekommt der Kunde 1,75 Prozent, für das zweite Jahr zwei Prozent, dann 2,25 Prozent und im vierten Jahr die versprochenen vier Prozent.
Was schaut dabei am Ende heraus? Die Beraterin der Filiale im sechsten Wiener Bezirk erklärt das auf Nachfrage so: Man legt das Geld auf das Sparkonto. Im ersten Jahr wird es mit 1,75 Prozent verzinst. Die gesamten Zinsen werden für das nächste Jahr mitgenommen (die Steuer werde noch nicht abgezogen). Dieser Betrag wird dann mit dem nächsthöheren Zinssatz verzinst. So geht das vier Jahre lang. Zum Schluss wird die Steuer auf den gesamten Zinsertrag abgezogen.
Ein Beispiel: Wenn der Kunde 10.000 Euro auf das Sparbuch legt und es vier Jahre lang liegen lässt, würde er (nach Steuern) einen Zinsertrag von rund 780 Euro erzielen. Der jährliche Nettozins liegt dann in den vier Jahren bei knapp 1,9 Prozent. Ist das gut?
Zum Vergleich: Wenn man das Geld auf ein vierjähriges Kapitalsparbuch einer Direktbank legt, bekommt man 3,4 Prozent jährlich. Nach Steuern liegt der Nettozinssatz bei jährlich über 2,5 Prozent. Also um über 0,6 Prozentpunkte höher als beim Sprung-Sparbuch der Volksbank.
Ist ein Bausparer besser?
Bei der Bawag kann man sogar bis zu fünf Prozent Zinsen bekommen. Und zwar mit dem sogenannten „Kletterzins-Sparbuch“, das im Grunde wie das Volksbank-Produkt funktioniert. Die Laufzeit beträgt hier sechs Jahre.
Im ersten Jahr bekommt man einen Zinssatz von einem Prozent; dann 1,25 Prozent; dann 2,5 Prozent; im vierten Jahr 3,25 Prozent; im fünften 3,5 Prozent und im sechsten Jahr die besagten fünf Prozent. Die Zinsen würden (im Gegensatz zum Volksbank-Produkt) jährlich abgezogen, erklärt die Beraterin in der Bawag-Filiale.
Ein Beispiel: Man legt 10.000 Euro auf das Kletterzins-Sparbuch und lässt es sechs Jahre lang liegen. Der Kunde erzielt damit einen Zinsertrag nach Steuern von knapp 1300 Euro. Das macht einen durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von rund 2,1 Prozent. Das ist auch nicht besonders viel. Die Beraterin in der Bank sagt daher, dass ein Wüstenrot-Bausparer mit fixer Verzinsung besser sei.
Was in der Praxis aber nicht stimmt, zumindest dann, wenn man 10.000 Euro als Einmalerlag auf einen Wüstenrot-Bausparer legt. Denn man bekommt jedes Jahr fix zwei Prozent auf nur 9000 Euro. Alle Beträge über 9000 Euro werden nur mit einem Prozent verzinst. Das heißt somit, dass der Zinseszinseffekt bei diesem Bausparer stark eingeschränkt ist.
In Zahlen: Wenn man 10.000 Euro in den Bausparer steckt, hat man (nach Abzug der Kosten und Steuern sowie mit einer jährlichen staatlichen Prämie von 18 Euro) nach sechs Jahren einen Ertrag von nur rund 950 Euro.
Fazit: Ein Bausparer mit einem Einmalerlag über 7200 Euro und fixer Verzinsung ist nicht sehr sinnvoll.
Zum Vergleich: Ein sechsjähriges Sparbuch bei einer Direktbank bringt 3,75 Prozent jährlich. Nach sechs Jahren bleiben netto mehr als 2,8 Prozent jährlich übrig. Das bringt also mehr als das Kletterzins-Sparbuch der Bawag oder der berechnete Fixzins-Bausparer der Wüstenrot.
Wer sein Geld auf einem Sparbuch für längere Zeit binden will, sollte das eher jetzt als in einigen Wochen bzw. Monaten tun. Die Zinsen sind im Fallen begriffen. Die Raiffeisen in Wien hat am Donnerstag ihre Zinsen bereits gesenkt. Für ein einjähriges Kapitalsparbuch gibt es nicht mehr 1,75 Prozent, sondern nur noch 1,25 Prozent. Bei zweijährigen Sparbüchern werden die Zinsen von 2,25 auf zwei Prozent gesenkt.
Tipp 1
„Springende“ Zinsen. Die Volksbank bietet das „Goldene Sprung-Sparbuch“ an– mit bis zu vier Prozent Zinsen jährlich. Die Zinsen gibt es aber nur im letzten Jahr der Laufzeit. Davor sind die Zinssätze geringer. Schlussendlich beträgt die jährliche Nettoverzinsung knapp 1,9 Prozent.
Tipp 2
„Kletternde“ Zinsen. Bei der Bawag gibt es das „Kletterzins-Sparbuch“ – mit bis zu fünf Prozent Zinsen jährlich. Die gibt es aber auch nur im sechsten und letzten Jahr. Die durchschnittliche Verzinsung (nach Abzug der Steuer) macht in den sechs Jahren jährlich rund 2,1 Prozent aus.
Tipp 3
Fallende Zinsen. In nächster Zeit sollten sich Sparer auf fallende Zinsen einstellen. Die Raiffeisen in Wien hat diese Woche ihre Zinssätze reduziert. Für ein einjähriges Sparbuch gibt es nicht mehr 1,75 Prozent, sondern nur noch 1,25 Prozent – also gleich um einen halben Prozentpunkt weniger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2012)
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