Lotto: Wegen Reichtums geschlossen

Was tun, wenn man über Nacht im Lotto gewinnt? Möglichst lange vom Glücksfall zehren.

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Lotto – (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Die Chancen stehen eins zu acht Millionen. Es ist also wahrlich nicht einfach, mit Lottospielen reich zu werden. Fast genauso schwer ist es aber auch, reich zu bleiben. Was also tun, wenn man vom Glück über Nacht überfallen wird? Wie kann man möglichst lange vom unerwarteten Geldsegen zehren? Das gesamte Geld noch einmal in Lottoscheine investieren? Es gibt Menschen, die genau das probiert haben - ohne Erfolg. Die meisten heimischen Lottogewinner kaufen sich lieber eine Wohnung, ein Auto oder bezahlen den Kredit ab. Glamourös ist das nicht - aber vernünftig. Es gibt aber auch jene, die sich mit dem Geld einen Lebenstraum erfüllen.

Bei der Lektüre der Zeitung dachte er sich noch nichts. Dann verglich er die gezogenen Lottozahlen mit seiner Quittung - „und dann ist mir schlecht geworden", sagte Hubert Scheer einst über seine erste Reaktion. Immerhin: Knapp 56 Millionen Euro gewinnt man nicht jeden Tag, auch wenn man regelmäßig Lotto spielt. Der Steirer erzielte 2008 den höchsten in Österreich bisher erreichten Gewinn bei „Euro-Millionen". Darüber reden will er nicht mehr. Schon gar nicht öffentlich. Wie sehr die richtigen Zahlen sein Leben veränderten, ist allerdings auch so für jeden sichtbar.

Lexikon

Die Chance, im österreichischen Lotto "6 aus 45" einen Sechser zu erzielen, liegt statistisch bei eins zu 8,145 Millionen. In 2100 Ziehungen (Stand Ende April) wurden bisher 2561 Sechser getippt. 658 davon in Millionenhöhe. Der bisher höchste Gewinn betrug 8.905.907,20 Euro und wurde durch einen Solosechser nach einem Vierfachjackpot am 22. 12. 2010 erzielt. 185 Millionen Euro brachte der bisher höchste in Europa erzielte Lottogewinn im Juli 2011 einem britischen Ehepaar, das "Euro-Millionen" gespielt hatte. Der weltweit höchste Jackpot von 640 Millionen Dollar wurde im März 2012 in den USA ausgespielt.

Scheer erfüllte sich nämlich einen Traum, den er eigentlich schon ausgeträumt hatte. Aber von Anfang an: Aus einfachen Verhältnissen stammend engagierte sich Scheer früh in der SPÖ. Trotz mancher Widerstände wurde der Idealist mit 28 Jahren der jüngste Bürgermeister Österreichs. In Maria Lankowitz, nahe Köflach. Ein Freizeitzentrum mit Badesee sollte die verschlafene Region aufwecken - ein Kredit über 24 Millionen Euro sollte das Projekt Piberstein möglich machen.

"Parken Sie das Geld und sondieren Sie in Ruhe Ihre finanzielle Lage"

Als die Haftung schlagend wurde, stürzte die Partei kurzerhand den jungen Ortschef. Der gab aber nicht auf und ließ sich als Manager des Freizeitzentrums einsetzen. Seine Ideen fruchteten aber nur wenig und letztlich hatte die Bank die Hand sogar auf seiner Wohnung.

Und dann flog das Glück, das ja bekanntlich ein Vogerl ist, in die Steiermark. Der Glückspilz fackelte nicht lange, kaufte den Gemeinden Piberstein ab, investierte und expandierte. Und ist als Unternehmer, der bodenständig blieb, in seinem Element.

Was hätte man mit 56 Millionen alles machen können? Eine Insel in der Südsee kaufen? Eine Jacht? Für immer dem Alltag den Rücken kehren? Was macht man überhaupt mit so viel Geld – zumal, wenn es über Nacht und unverhofft kommt? Und man es nicht einmal versteuern muss, weil hierzulande Gewinne aus Glücksspiel steuerfrei sind.

Alltägliche Wünsche. "Die meisten Lottokönige haben eigentlich ganz alltägliche Wünsche", erzählt der Großgewinnbetreuer der Österreichischen Lotterien. Er darf seinen Namen nicht nennen – so wie die meisten Glückspilze das nicht wollen. Denn: "Anonymität ist in diesem Geschäft oberstes Gebot." Nur einmal in seiner zwölfjährigen Karriere in diesem ungewöhnlichen Beruf habe er einen totalen Aussteiger erlebt. Ein junger Mann, der sich mit dem Gewinn ein teures Hobby finanzierte und seinem bisherigen Leben Ade sagte.

Das Gros der rund 660 Lottomillionäre - der bisher höchste Gewinn beim österreichischen Lotto "6 aus 45" wurde 2010 via Solosechser nach einem Vierfachjackpot erzielt und brachte 8,9 Millionen Euro - ist nach der ersten Überraschung recht realistisch, sagt der Betreuer, den wir G. nennen wollen. Ein eigenes Haus, eine größere Wohnung, ein neues Auto, die Ausbildung der Kinder, die Altersvorsorge - und, so vorhanden, die Tilgung von Schulden. Das sind die Wünsche, die Herr G. regelmäßig hört, wenn er zu einem Beratungsgespräch gebeten wird. "99,9 Prozent der Gewinner wollen weiterarbeiten, ihr altes Leben beibehalten, nur halt viel besser." Anlagetipps dürfe er ohnedies nicht geben, geschweige denn Produkte empfehlen.

Geschichte

Als probates Mittel zur Geldbeschaffung wurde das Lotto von den Genuesen im 15. Jahr hundert erfunden. Ursprünglich diente das Los dazu, jährlich die Ratsmitglieder zu bestimmen. Dazu wurden 90 Namen auf einen Zettel geschrieben und daraus fünf gezogen. Es entwickelte sich ein reger Wettbetrieb und bald das Lotto, bei dem die Namen durch Zahlen ersetzt wurden. Da sich bald herausstellte, dass das Spiel dem Veranstalter hohe Gewinne brachte, ging das Recht auf den Herrscher bzw. die Regierung über. In England startete die erste Lotterie 1569 in der St. Paul’s Cathedral. In Deutschland wurde ab 1614 in Hamburg gespielt. In Österreich führte Kaiserin Maria Theresia 1751 eine Lotterie mit 90 Nummern unter dem Namen „Lotto di Genova“ ein. Ihr Sohn Kaiser Joseph II trug sich mit dem Gedanken, das Lottospiel abzuschaffen, die hohen Einnahmen sprachen dagegen. Er stellte die Lotterie unter die Verwaltung des Staates bzw. des Finanzministeriums.

Ratschläge darf er aber sehr wohl erteilen. "Ich sage immer: Parken Sie das Geld zuerst auf einem Sparbuch und sondieren Sie dann in Ruhe Ihre finanzielle Lage - gibt es Kredite, Schulden, laufende Kosten? Erst nach einem Kassasturz sollte man daran gehen zu planen." Bei einem Gewinn von 400000 oder 500.000 Euro brauche man heutzutage ohnedies nicht lange nachdenken, meint G. Die "verschwinden" ganz rasch in einer Wohnung oder einem kleinen Haus. Erst ab einer Million wird es also spannend. "Denken Sie nicht ans Geld, denken Sie zuerst an sich", lautet sein Credo. Der Gewinn soll dazu dienen, das Leben angenehmer zu machen - nicht neue Sorgen bringen.

Selbstständig sein. Ganz vermeiden lassen sich die Sorgen allerdings selten. Diese Erfahrung musste auch Johann Medl machen. Mit den sechs Richtigen gewann der Wiener vor wenigen Jahren zwei Millionen Euro. Ein halbes Jahr lang machte er weiter, als wäre nichts gewesen, behielt seinen Job als Fahrer bei der Wiener Müllabfuhr. Dann erst setzte er seinen Traum vom eigenen Lokal um, wagte den Schritt in die Selbstständigkeit und eröffnete eine Gasthaus-Brauerei im 14. Wiener Gemeindebezirk. Ein unbeschwertes Leben hat sich Medl damit nicht geschaffen. In den vergangenen zehn Jahren ist er nie auf Urlaub gewesen. Aber bereuen will er den Entschluss angeblich nicht. Nur die Publicity am Anfang. Wochenlang waren die Zeitungen voll mit den Bildern. Der Gewinner mit stolz geschwellter Brust neben seiner Brauanlage. Heute will Medl am liebsten gar nicht mehr über seinen Sechser reden. Die Brauerei läuft zwar gut, doch die starke Medienpräsenz habe ihm nicht nur Freunde gebracht, sondern auch viele Neider.

Viele Neider. Kein Wunder also, dass manche Glückspilze nicht einmal die Freunde einweihen. Weniger aus Angst vor Bittstellern als aus Furcht, die Freunde zu verlieren, "weil man ja jetzt in einer anderen Liga spielt", sagt Großgewinnbetreuer G..

Vor allem am Land ist aber auch das mit dem Bankgeheimnis so eine Sache. Denn wenn die Raika im 600-Seelen- Dorf plötzlich 20 Millionen Euro mehr in der Bilanz stehen hat, bleibt das nur selten geheim.

"Das Ziel ist immer, möglichst lange vom Glücksüberfall zu zehren"

Das ist mit ein Grund, warum der Liechtensteiner Privatbankier Andreas Insam die Lottogewinner als Zielgruppe für seine Valartis-Bank entdeckt hat. Jenseits der Grenzen sei das Geld nicht nur vor neidischen Nachbarn, sondern - wenn nötig - auch vor fordernden Familienmitgliedern gut verborgen, sagt Insam. Am besten sei es überhaupt, wenn die schnell errichte Familienstiftung in Vaduz den Lottoschein einlöse. Neben allen steuerlichen Vorteilen hat man auch eine "ideale Ausrede" für die Ehefrau. "Wenn der Stiftungsrat einfach nur 100.000 Euro im Jahr hergibt, dann gibt es eben nicht mehr", sagt Insam.

Rund ein Dutzend glückliche Lottogewinner darf der Bankier, der selbst noch nie Lotto gespielt haben will, mittlerweile zu seinen Kunden zählen. Das Interesse ist groß, schließlich gilt es, das Schicksal vieler Vorgänger zu vermeiden. So wie etwa jenes von Walter Knoblauch, dem ersten deutschen Großgewinner aus den 1950er-Jahren. Seine Geschichte wurde zur Legende: Denn innerhalb weniger Jahre brachte der deutsche Hausierer seinen Gewinn von einer halben Million D-Mark durch. Bis dahin mittellos, zeigte sich Knoblauch großzügig, lud Gott und die Welt ein, legte sich Sportwägen und Immobilien zu. Hundert Tage soll seine opulente Hochzeitsfeier gedauert haben. Seiner Frau Lisbeth erfüllte er den Traum vom eigenen Hotel. Drei Monate später verlor das Ehepaar die Konzession. An der Tür prangte fortan das Schild "Wegen Reichtums geschlossen".

Obdachlosenheim. Knoblauch gewann Jahre später sogar noch einmal 300.000 D-Mark im Lotto. Für seinen freigiebigen Lebenswandel war auch das nicht genug. Wenige Jahre danach stand der Mittfünfziger da, wo er vorher war. Der erste Lottosieger zog wieder als fahrender Bürstenhändler durch das Land - und starb letztlich völlig verarmt in einem Obdachlosenheim.

Aber auch ein weit höherer Gewinn schützt nicht vor dem Absturz - wenn man auf die falschen Berater setzt. Ein Parkettverleger, der 1994 zwei Millionen D-Mark gewonnen hatte, kaufte Immobilien. Sie entpuppten sich bald als wertlos. Doch das war noch nicht genug. Den Rest seines Gewinns steckte der Unglücksrabe nämlich in eine Firma, mit der er schon nach ein paar Wochen pleite ging.

Damit sich solche Geschichten nicht wiederholen, holt Privatbankier Insam seine Kunden sogar persönlich zu Hause ab. Denn ebenso groß wie das Interesse an einer Veranlagung ist auch die Scheu der meisten Lottogewinner, mit der Finanzindustrie in Kontakt zu kommen. Mit seiner üblichen Klientel haben sie außer dem Kontostand nur wenig gemein. Nur in einem Punkt seien sich alle einig: "Das Ziel ist immer, möglichst lange vom Glücksüberfall zu zehren." Mit einer Million Euro lasse sich schon zehn bis 15 Jahre gut leben. Wer fünf bekommt, könne schauen, ob es fürs Leben reicht. Auch der Banker rät vor allem zu Zurückhaltung und Verschwiegenheit: "Der gescheite Lottosieger lebt einfach weiter wie bisher, nur eben besser."

Das Magazin "Benchmark", aus dem dieser Text stammt, ist zum Preis von 3,90 Euro über die "Presse" bzw. in der Trafik erhältlich.

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