Wissen Investmentbanker nicht selbst, was richtig und falsch ist?
Wolfgang Fabisch: Die Zehn Gebote gibt es auch schon seit Längerem, und es wird auch tagtäglich gegen sie verstoßen. Es wird immer einen Gordon Gekko geben (von Michael Douglas verkörperter Protagonist aus dem Hollywood-Klassiker „Wallstreet“, Anm.), der gegen Regeln verstößt. Jeder hat einmal einen schwachen Tag.
An einem schwachen Tag kann man aber nicht zwei Milliarden Dollar verzocken.
Es soll nicht passieren, es darf nicht passieren, aber es passiert trotzdem. 99 Prozent der Auffälligkeiten, die unsere Systeme orten, sind schlicht und ergreifend nicht kriminell. Es sind Fehler. Je schneller man die entdeckt, umso eher verhindert man, dass es zwei Milliarden werden– wie zuletzt beim UBS-Händler Kweku Adoboli. Und es ist unser Job, dafür zu sorgen, solche Fehlentwicklungen früh zu entdecken.
Wenn man sich jetzt Leute wie Adoboli ansieht: Männer um die 30 jonglieren mit gigantischen Beträgen und können bald nicht mehr zwischen Million und Milliarde unterscheiden.
Ich kenne ehemalige Händler, die sagen, dass das Gefühl für das Geld schon abhandenkommt.
Und gewisse Branchen ziehen gewisse Charaktere an. Psychologen sagen, dass unter Investmentbankern der Narzissmus stärker verbreitet ist als in anderen Branchen.
Na ja, das mag schon stimmen, aber die sind auch in der Softwarebranche und im Journalismus überproportional vertreten. Andererseits: Gewisse Charaktereigenschaften prädestinieren natürlich dazu, so einen Job gut zu machen.
Mann muss vor allem bereit sein, Risiko einzugehen. Manchmal zu viel Risiko.
Im Fall des Jérôme Kerviel (verzockte bei der Société Générale 4,8 Mrd. Euro, Anm.) hätte man mit einfachen Mitteln eine Akkumulation von Risiko feststellen können. Unsere Systeme registrieren etwa, wie viele Änderungen von Geschäften von einem Händler vorgenommen werden. Monsieur Kerviel hat viele Geschäfte verändert, gelöscht und neu abgeschlossen, um Termine rauszuzögern.
Aber jedes Kontrollsystem hat doch Lücken. Wenn man weiß, wo die Radarbox steht, geht man kurz vom Gas, und steigt danach wieder drauf.
Deshalb setzt unser System beim Tachometer an. Und wir waren mit unseren System lange, lange Zeit der einsame Rufer im Wald. Es hat ja auch keiner damit gerechnet, dass ein Haus wie Lehman aus den Pantinen kippt. Mit ziemlich einfachen Methoden hätte man auch dort erkennen können, dass sich da Sachen außerhalb des Trends entwickeln, dass sich Risiko akkumuliert. Genauso wie man Gewitterwolken sieht.
Aber diese Gewitterwolken wurden offensichtlich jahrelang ignoriert.
Kurz nachdem Nick Leeson mit seinen Fehlspekulationen die 400 Jahre alte Barings Bank ins Verderben riss, wollte ich der Compliance-Officerin einer Londoner Bank unser System verkaufen. „Erinnern Sie sich an Nick Leeson und Barings?“, habe ich gefragt. Darauf antwortete sie ganz cool: „Das passierte einmal in 400 Jahren.“
Und?
Wir kamen nicht ins Geschäft, und heute hat diese Bank ebenfalls tausende Millionen verloren.
Und heute brauchen wir immer mehr Regeln und Sicherheitssysteme, damit sich diese Dinge nicht alle 400 Tage wiederholen.
Ja natürlich, das ist wie im Straßenverkehr. Da muss man auch immer modernere Kontrollsysteme einführen, damit die Zahl der Toten nicht steigt.
Wir könnten auch die PS drosseln und langsamer fahren, aber das macht nicht so viel Spaß. Das gilt auch für die Finanzbranche. Auch hier könnte man die PS senken, etwa indem man den automatisierten Handel mit Algorithmusmaschinen untersagt.
Es gibt ja diese Diskussion, dass man den sogenannten Algo-Trader bremsen will. Mir hat noch keiner erklären können, warum eine Maschine, die 100.000 Transaktionen pro Sekunden machen kann, Liquidität schafft. Weltweit sind mehr als 2000 solcher Maschinen im Einsatz.
Aber diese Maschinen verselbstständigen sich ja nicht nur, wenn's bergab geht, sondern auch in die andere Richtung. Damit wurde jahrelang auch Geld gemacht.
Die Frage ist, ob es tatsächlich um Geld geht. Was ist denn bei der letzten Finanzkrise wirklich passiert? Mir hat einer aus der Bankbranche gesagt: „Es sind ja nur Sachen verschwunden, die vorher nicht da waren.“
Auch die spanischen Banken haben bis zuletzt Gewinne ausgewiesen.
Es geht um die Frage: Wie weit haben sich die großen Investmenthäuser von der Realwirtschaft entfernt? Auch die Banken müssen sich wieder als Dienstleister der Realwirtschaft verstehen.
Ihre Kunden sind ja nicht nur Banken, sondern auch Börsen.
Ja, und auch Regulatoren. Wir haben das Kernsystem für die deutsche Börsenaufsicht Bafin 1992 hochgezogen und betreuen die auch heute noch.
Da geht es dann aber auch ums Kriminelle, also etwa um Insiderhandel.
Unsere speziellen Softwaresysteme beschäftigen sich generell mit Dingen, die verboten sind.
Welche verbotenen Transaktionen kommen denn am häufigsten vor?
Das ändert sich mit der Zeit, auch hier gibt es Trends. Derzeit spielt das Thema Marktgerechtigkeit wieder eine größere Rolle. Also jemand verkauft einer Bank Aktien, die 100 wert sind, für 110, und der Bankmitarbeiter zahlt den Preis, weil er sich denkt: „Ist doch nicht mein Geld.“ Die Differenz teilen sich die beiden.
Es gibt ja auch den Spruch: Durch Schaden wird man klug. Trifft das auch auf das Finanzsystem zu?
Das glaube ich schon. Das sind alles ganz normale Menschen, die da arbeiten, mit allen Vor- und Nachteilen. Das System hat ja auch viel gelernt in den letzten 20, 30 Jahren. Vor 20 Jahren mussten in Deutschland die Geschäfte noch stichprobenartig überprüft werden. Das waren dann drei Prozent der Geschäfte. Seit ein paar Jahren ist ganz klar: Jedes Geschäft muss überprüft werden. Punkt. Für denjenigen, der etwas anstellen will, ist das schon eine ziemliche Hürde.
Jemand, der die heutigen Sicherheitssysteme umgehen will, muss also schon viel kriminelle Energie aufwenden?
Wir haben in unseren Modellen jetzt viele Szenarien, auf die hin die Geschäfte überprüft werden. Nicht jedes Geschäft ist für jedes Szenario anfällig. Das heißt, wenn Sie 100.000 Geschäfte am Tag haben und jagen die durch 20 Szenarien durch, haben Sie zwei Millionen Vorgänge. Das kriegen Sie mit Bleistift und Papier nicht wirklich hin. Es ist ja auch nicht öffentlich, auf welche Szenarien hin die Geschäfte überprüft werden. Das Risiko ist für einen Kriminellen schon unkalkulierbar geworden.
Und die sich nicht auf die Finger schauen lassen wollen, verabschieden sich in unregulierte Bereiche?
Ja, eindeutig. Das ist eine ganz normale Reaktion, dass man sich dem Druck entzieht, wenn man nach seinen eigenen Regeln spielen will. Aber ich sage immer: Wenn jemand zum „grauen Markt“ geht und sein Geld jemandem gibt, der ihm 25 Prozent Rendite verspricht, ohne dass er einen Finger dafür krumm machen muss, und dessen Geld ist hinterher verloren, da fehlt mir ein bisschen das Mitleid. Das sind betrogene Betrüger, sorry. Wenn sich Handwerker schneiden, sagen sie immer: „Dummes Fleisch muss weg.“ Dummes Geld auch.
Wolfgang Fabisch
gründete vor 23 Jahren das Software-Unternehmen b-next. Die in der Nähe von Bielefeld beheimatete Gesellschaft stattet Banken und Börsen mit Programmen aus, die etwa Kursmanipulationen oder Insiderhandel bei spekulativen Kapitalmarktgeschäften frühzeitig erkennen. b-next
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)
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