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Zertifikate: Gut gepolstert durch die Krise?

21.06.2012 | 18:13 |  BEATE LAMMER (Die Presse)

Anleger, die an einem etwaigen Börsenanstieg mitnaschen, sich aber zugleich nach unten absichern wollen, setzen oft auf Zertifikate. Doch diese haben auch ihre Tücken.

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Wien. Sieht man von zwischenzeitlichen Schwankungen ab, bewegen sich die Börsen seit einiger Zeit vor allem in eine Richtung: zur Seite. Solange die Eurokrise immer neue Überraschungen für die Märkte bereithält, dürfte das auch noch eine Weile so bleiben. Viele Anleger, die nicht so recht wissen, in welche Richtung es weitergehen wird, setzen daher auf Zertifikate. In Summe haben österreichische Privatanleger 13,6 Mrd. Euro in diese Produkte investiert. Damit kann man sich nach unten absichern, auch in Seitwärtsmärkten Geld verdienen oder seine Gewinne vervielfachen.

 

Bei Bankpleite ist das Geld weg

Dabei sollte man jedoch Folgendes berücksichtigen: Zertifikate sind Schuldverschreibungen von Banken– ähnlich wie Anleihen. Geht die Bank pleite, verliert man sein Kapital. Und die Geschäfte, die die Banken im Hintergrund abwickeln (Optionenhandel, Kredite), sind ebenfalls nicht gratis und schmälern die Rendite.

Dann hat noch jede einzelne Art von Zertifikaten ihre eigenen Vor- und Nachteile. In den vergangenen Monaten erfreuten sich vor allem „Bonus-Zertifikate“ großer Beliebtheit. Dabei spekuliert man auf die Entwicklung eines bestimmten Index oder einer einzelnen Aktie. Diese bleibt im Idealfall innerhalb einer bestimmten Bandbreite, fällt also während der (oft mehrjährigen) Laufzeit nie unter die „Barriere“. Bei einem Zertifikat der Erste Bank auf die Österreichische Post (AT0000A0UNR5) erhält man etwa am Ende der Laufzeit im März 2014 einen Bonus von etwa 15 Prozent, sofern die Aktie nie unter 18 Euro fällt (derzeit kostet sie an der Börse etwa 25,8 Euro, das Zertifikat ist um vier Prozent teurer). Tut sie das, erhält man am Ende der Laufzeit nur den Gegenwert des Kurses, maximal aber 31 Euro. Am besten fährt man, wenn sich der Kurs zwischen 18 und 31 Euro hält. Steigt er höher, wäre man mit einem Investment in die Aktie besser dran gewesen.

Bei Bonuszertifikaten sollte man bei langer Laufzeit solche wählen, bei denen der Abstand zur Barriere groß ist. Auch ein Index als Basiswert bietet bei gleicher Barriere eine höhere Sicherheit als eine einzelne Aktie. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Index wie der Eurostoxx-50 um die Hälfte nachgibt, ist geringer als jene, dass das ein einzelner Aktienwert tut. Auf den Eurostoxx-50 werden häufig Bonuszertifikate aufgelegt. Ursache seien die hohen Dividenden, erklärt André Albrecht, Zertifikatespezialist bei der Erste Bank. Auf diese muss der Anleger verzichten, dafür erhält er eine tiefe Barriere.

Ebenso großer Beliebtheit erfreuen sich Öl-Bonuszertifikate, berichtet Philipp Arnold, Experte bei der Raiffeisen Centrobank. Dabei setze man aber weniger auf tiefe Barrieren (der Risikopuffer beträgt derzeit etwa 30 Prozent) als auf kurze Laufzeiten von etwa einem Jahr. Bleibt der Ölpreis über der Barriere, kann man mit einer Rendite von zwölf Prozent rechnen.

Will man auf Nummer sicher gehen, kann man zu einem Garantiezertifikat greifen, das Kapitalschutz bietet. Dabei sollte man allerdings bedenken, dass die Garantie nicht gratis ist, sondern die Renditechancen schmälert. Und wenn man nach einer mehrjährigen Laufzeit nur das eingesetzte Kapital zurückerhält, bedeutet das einen realen Verlust. Davon abgesehen ähneln die Garantiezertifikate den Bonuszertifikaten. Entwickelt sich der zugrunde liegende Basiswert wunschgemäß, erhält man am Ende der Laufzeit zusätzlich zum eingesetzten Kapital einen Bonus.

Einem im Mai aufgelegten Produkt der Raiffeisen Centrobank (AT0000A0VCQ8) liegen vier Aktien zugrunde: Daimler, ThyssenKrupp, Raiffeisen Bank International und Voestalpine. Fällt keine der Aktien während der fünfjährigen Laufzeit um 45 Prozent oder mehr, erhält man am Ende sein Geld zurück plus einen Bonus von 40 Prozent. Fällt eine Aktie unter die Barriere, erhält man einen Bonus von zehn Prozent. Rutschen zwei oder mehr Aktien so tief ab, erhält man nur sein Kapital– abzüglich Inflation und Spesen. In den vergangenen fünf Jahren mussten diese Aktien zum Teil weitaus stärkere Kursverluste hinnehmen. Die Raiffeisen-Aktie verlor etwa 80 Prozent. ThyssenKrupp war vor fünf Jahren drei Mal so viel wert wie derzeit.

 

Klare Meinung wichtig

Zugreifen sollte also nur, wer erwartet, dass es in den nächsten Jahren seitwärts und nicht mehr bergab geht. Fürchtet man Schlimmeres, sollte das Geld lieber am Sparbuch geparkt werden. Im Fall einer starken Erholung dürften hingegen direkte Aktieninvestments eine bessere Figur machen.

Viele Garantieprodukte sind mit jährlichem Kupon ausgestattet, berichtet Albrecht. Entwickelt sich der Basiswert in einem Jahr nicht wunschgemäß, gibt es keinen Kupon. Im nächsten Jahr ist wieder eine Zahlung möglich.

Als hochriskant gelten „Turbozertifikate“ oder „Hebelzertifikate“. Mit solchen kann man auf steigende oder fallende Kurse setzen. Gewinne, aber auch Verluste werden je nach Hebel vervielfacht. Geht es zu stark in die falsche Richtung, wird man „ausgestoppt“, verliert also sein gesamtes Kapital.

 

Tipp 1

Risiko und Kosten. Zertifikate sind Schuldverschreibungen– ähnlich wie Anleihen. Dabei trägt man das Risiko, dass der Emittent, meist eine Bank, insolvent wird und seine Schulden nicht zurückzahlt. Neben dem „Spread“ (Differenz zwischen Kauf und Verkaufskurs) verursachen auch die Geschäfte im Hintergrund Kosten und schmälern die Rendite.

Tipp 2

Marktmeinung. Zertifikate sind vor allem dann nützlich, wenn man eine klare Marktmeinung hat. Wer also überzeugt ist, dass die Aktienmärkte das Schlimmste hinter sich haben, zugleich aber in den nächsten Jahren keine großen Sprünge machen werden, ist mit einem Bonus- oder Garantiezertifikat gut bedient. Sonst rechnen sie sich weniger.

Tipp 3

Szenarien. Vor dem Erwerb eines Zertifikats sollte man alle möglichen Entwicklungen des Basiswerts, der dem Zertifikat zugrunde liegt, im Kopf durchspielen und überlegen, für wie wahrscheinlich man das jeweilige Szenario hält und ob man das Risiko in Kauf nehmen will. Je mehr Werte einem Zertifikat zugrunde liegen, desto schwieriger wird das.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2012)

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