Energieaktien: Neue Energie für das Depot

27.11.2012 | 18:20 |  JOSEF URSCHITZ (Die Presse)

Der Energiesektor bietet beste Anlagechance - wenn man "glamouröse" Sektoren wie Solar- und Windkraft meidet und stattdessen auf Netzausbau setzt.

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Wien. Energie und deren Verfügbarkeit ist international zweifellos ein großes Thema. Aber nicht unbedingt für Anleger: Seit 2008 hinkt der MSCI World Energy Index, der vorher praktisch immer besser als der allgemeine MSCI World Index performt hat, der allgemeinen Aktienkursentwicklung hinterher. Nicht nur das: Viele, die auf Zukunftstechnologien wie Solarstrom, Windenergie oder Elektromobilität gesetzt haben, stehen vor den Trümmern ihres Investments.

Das wird sich aber bald ändern, meinen die Schweizer Anlageexperten Roger R. Müller und Evelyne Pflugi von Swiss & Global Asset Management im „Presse“-Gespräch: Die Zeit, in den derzeit unterbewerteten Energiesektor zu investieren, sei gekommen, der Tiefpunkt erreicht.

Das gelte nicht für die glamourösen Sektoren Alternativenergie und Elektromobilität, aber für weniger im Rampenlicht stehende Gebiete wie Netzausbau oder Erdgasverflüssigung, meint Pflugi, die den Julius Baer Multistock Energy Transition Fund (ISIN LU0363641811) managt.

Wobei die Schweizer Spezialisten im Netzausbau das kurzfristig größte Wachstumspotenzial sehen. In den USA laufe die Sanierung des veralteten Stromnetzes schon an, im ersten Halbjahr haben die einschlägigen Investitionen um 30 Prozent zugenommen. In den kommenden drei bis vier Jahren seien hier jeweils zweistellige Zuwachsraten zu erwarten. In Europa werden die Investitionen in Stromnetze wahrscheinlich mit ein paar Jahren Verspätung anspringen. Der Bedarf ist aber da: Der rasante Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen hat ja das deutsche Stromnetz schon mehrfach an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Profitieren werden vor allem spezialisierte Baufirmen, die Stromnetze planen, bauen und unterhalten. Pflugi hat aus diesem Bereich etwa MasTec (ISIN US5763231090), MYR Group (ISIN US55405W1045), ABB (ISIN CH0012221716) und Quanta Services (ISIN US 74762E1029) ins Portfolio genommen.

Als weiteren Energiewachstumsmarkt orten die Schweizer flüssiges Erdgas (LNG). Hier steige die Nachfrage angesichts anhaltend hoher Ölpreise kontinuierlich. Weil das verflüssigte Erdgas in Schiffen transportiert werden kann, wird damit auch die Gasförderung in entlegenen Gebieten ohne den Bau gigantischer Pipelines möglich.

Aus Anlegersicht liegt das LNG-Epizentrum derzeit in Asien, wo China gerade unter gewaltigen Anstrengungen beginnt, seine LNG-Infrastruktur auszubauen. Die größten LNG-Positionen im Fonds sind die chinesische Kunlun Energy (ISIN BMG5320C1082) und die japanische JGC Corporation (ISIN JP3667600005).

Angetan sind die Schweizer auch vom Sektor Öl- und Gastechnologie. Der wird stark gepusht von der relativ schnell abnehmenden Förderung in den existierenden Ölfeldern.

Der Markt für Bohrausrüstungen und einschlägige Engineering Services sowie das Geschäft von Bohrunternehmen sei schon heuer zweistellig gewachsen und werde das auch im kommenden Jahr tun. Profiteure dieser Entwicklung seien unter anderem Schlumberger(ISIN AN8068571086), Ensco(ISIN GB00B4VLR192) und Halliburton(ISIN US4062161017).

Eher weniger zu erwarten ist in unmittelbarer Zukunft von erneuerbaren Energien. Das gilt auch für die „alte“ Wasserkraft. Der Grund: Die Strompreise hätten sowohl in Europa als auch in den USA nur noch ein begrenztes Aufwärtspotenzial.

Wer hier investiert, sollte sich auf Unternehmen beschränken, die trotz schwierigen Marktumfelds noch Wachstumschancen haben– und aktuell niedrig bewertet sind. Pflugi zählt dazu etwa die italienische Enel Green Power(ISIN IT0004618465) und Algonquin Power(ISIN CA0158571053).

Eher die Finger lassen sollte man– so weit man sich diese damit nicht ohnehin schon verbrannt hat– von Solar- und Windaktien. Nicht, dass diese Sektoren keine Zukunft hätten. Aber derzeit gibt es in beiden Bereichen global enorme Überkapazitäten. Und viele Unternehmen werden den dadurch ausgelösten Ausleseprozess nicht überleben.

Hier kommen nur Kostenführer in Betracht. Vor allem aber Zulieferer, die technisch weit voraus sind und an denen auch die „Überlebenden“ des Ausleseprozesses nicht vorbeikommen. Etwa das Schweizer Unternehmen Meyer Burger(ISIN CH0108503795), dessen Aktie an der Börse zuletzt aber stark nachgab.

Nicht übersehen sollte man, so Pflugi, den Bereich „Clean Coal“: Kohlekraftwerke müssen vor allem in den USA und China enorme Investitionen zur Emissionsreduktion tätigen. Davon profitieren Aktien wie jene von Alstom (ISIN CH0108503795), Calgon Carbon(ISIN US1296031065) oder Foster Wheeler(ISIN CH0018666781).

Was Sie beachten sollten bei... Energie-Investments

Tipp 1

Leitungsbau. Die USA und Westeuropa haben gigantische Ausbaupläne bei ihren teils veralteten, teils unterdimensionierten Stromnetzen. Ein Milliardengeschäft mit zweistelligen Zuwachsraten in den kommenden Jahren, an dem auch Aktionäre mitnaschen können. Die besten Chancen bieten Unternehmen, die sich bei Planung und Bau der Netze engagieren.

Tipp 2

Gasverflüssigung. Flüssiges Erdgas (LNG) ist ein Sektor mit global hohen Zuwachsraten. Anhaltend hohe Ölpreise sorgen dafür, dass das in absehbarer Zukunft auch so bleiben wird. In diesem Sektor tätige Unternehmen (beispielsweise Betreiber von LNG-Transportschiffen) haben beste Zukunftsaussichten. Anleger sollten ihr Radar vor allem auf China und Japan richten.

Tipp 3

Wind- und Sonnenstrom. Der Solar- und Windenergie gehört zweifellos die Zukunft. Derzeit ist der Weltmarkt aber von gigantischen Überkapazitäten und Preisverfall geprägt. Zumindest für die nächsten Monate heißt das: Finger weg von diesen Aktien! Dasselbe gilt für die viel gepriesene Elektromobilität, die Aktionären bisher nur herbe Verluste beschert hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2012)

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