Die Ursachen der Aktienrallye

Viel spricht dafür, dass 2013 ein gutes Börsenjahr wird: wachsende Risikofreude, Nachholbedarf. Doch könnten eine schwache Konjunktur und Gewinnmitnahmen einen Strich durch die Rechnung machen.

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Die Ursachen der Aktienrallye – (c) BilderBox (BilderBox com)

Wien/B.l./Es/Nst. Die Börsen befinden sich dieser Tage mitten in einer Jahresendrallye. Der heimische ATX und der deutsche DAX haben neue Jahreshöchststände erklommen. Lediglich dem US-Leitindex Dow Jones macht die Angst vor der drohenden „Fiskalklippe“ in den USA (automatisches Inkrafttreten von Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen zum Jahreswechsel, wenn sich die Parteien auf nichts anderes einigen) zu schaffen. Im Schnitt haben die meisten Aktionäre heuer– trotz Schuldenkrise und Konjunkturschwäche– satte Kursgewinne eingefahren (siehe Grafik).

Die Ursachen sind zahlreich: Die niedrigen Zinsen, die man für Anleihen erhält, machen Aktien mit ihren derzeit hohen Dividendenrenditen relativ attraktiv. Viele Anleger, die sich vor Inflation fürchten, fliehen in „reale Werte“, zu denen neben Immobilien, Gold und Rohstoffen auch Aktien zählen. Ebenfalls eine Rolle spielen könnte eine gewisse Gewöhnung an die Schuldenkrise: „Entweder sind die Anleger krisenmüde geworden, oder es gibt wirklich mehr Zuversicht“, sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Angesichts der schwachen Konjunkturprognosen sei die positive Entwicklung an den Börsen jedenfalls „überraschend“. Doch rechnen die meisten Analysten auch 2013 mit einem positiven Börsenjahr.

Drei Gründe, die dafür sprechen– und zwei dagegen:

Nur Risiko bringt Rendite. Bei Sparbüchern und sicheren Staatsanleihen sind die Zinsen so niedrig, dass man nach Abzug von Steuern und Inflation real Geld verliert. Die Phase negativer Realzinsen dürfte noch jahrelang anhalten, da sich die Staaten so entschulden wollen. Aktien sind dagegen günstig: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (je niedriger, desto besser) liegt in Europa bei 13, in China bei zehn, in Russland bei fünf und in den USA knapp unter 15. Das liegt unter dem historischen Schnitt. Dass die Märkte so billig sind, habe vor allem mit der Risikoaversion der Anleger zu tun, sagt Thomas Steinberger, Geschäftsführer von Spängler Iqam Invest.

Wer höhere Erträge will als mit Anleihen oder Sparbuch, muss aber Risiko eingehen. Eine Strategie, die auch institutionelle Investoren fahren: So hat etwa die Allianz-Versicherung den Staatsanleihenanteil in ihrem Portfolio reduziert, da diese kaum noch Renditen abwerfen. Stattdessen setzt man auf mehr Aktien, Pfandbriefe, Unternehmensanleihen und Schwellenländeranleihen.

Aktien schützen vor Inflation.Die Inflationsrate der Eurozone liegt schon seit gut zwei Jahren deutlich über der von der Europäischen Zentralbank (EZB) angepeilten Marke von zwei Prozent. Der Trend geht aber wegen der schwachen Konjunktur leicht nach unten. Die Allianz-Volkswirte prognostizieren für nächstes Jahr eine Inflationsrate unter zwei Prozent. „Ein anhaltender Schuldenabbau und eine Konsolidierung in der Peripherie wirken deflationär“, analysiert Heise. Insgesamt gebe es in der Eurozone ein „instabiles Gleichgewicht zwischen inflationären und deflationären Kräften“.

Dennoch fürchten viele Investoren eine in den nächsten Jahren starke Inflation wegen der lockeren Geldpolitik der Notenbanken. Sie flüchten in reale Werte. Gold hat sich im Vorjahr stark verteuert, die Immobilienpreise befinden sich seit Jahren auf Höhenflug– bei den Aktien gibt es noch etwas Nachholbedarf. Mathias Bauer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Raiffeisen Capital Management (RCM), sieht in der Flucht in Gold in Immobilien eine „erste Panikreaktion“ auf die Eurokrise, die jedoch langsam abebbe. Die Anleger scheinen dem Euro langsam wieder etwas mehr Vertrauen zu schenken. Das sollte nun den Aktien nützen.

Schuldenkrise hat Schrecken verloren. Griechenland und Spanien sind noch längst nicht gerettet, dennoch reagieren die Börsen auf negative Nachrichten kaum noch. Sollten im nächsten Jahr keine dramatischen neuen Hiobsbotschaften kommen, stünde einem weiteren Börsenanstieg nichts entgegen. Ungeachtet der konjunkturellen Entwicklung gebe es in Europa viele Unternehmen, die günstig bewertet sind, meint Fidelity-Fondsmanager Matt Siddle. Dazu zählten multinationale Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen, die vom Konsumhunger in den Schwellenmärkten profitieren, oder Unternehmen mit so starker Preismacht, dass sie Preiserhöhungen an Kunden weitergeben können. Solche sind etwa Konsumgüterhersteller.

Bei der Konjunktur könnte es negative Überraschungen geben. Die Börsen preisen derzeit vielfach eine leichte Rezession ein. Sollte es schlimmer kommen, kann das den Kursen aber zu schaffen machen. Bei Pioneer Investments sieht man drei Risken: die Eurokrise, den schwierigen Übergang der chinesischen Wirtschaft von der starken Exportabhängigkeit in Richtung Binnenkonsum – und die US-Fiskalklippe. Letztere würde im schlimmsten Fall eine leichte Rezession auslösen, meint John Carey, Fondsmanager bei Pioneer Investments. Ihre Auswirkungen wären weniger dramatisch als eine US-Schuldenkrise ein paar Jahre später.

Anleger könnten Gewinne mitnehmen. Die europäischen Indizes haben in den vergangenen Wochen und Monaten besonders kräftig angezogen. Das könnte einige Anleger veranlassen, auszusteigen und ihre Gewinne mitzunehmen. So könnte es 2013 immer wieder zu kurzfristigen Ausreißern nach unten kommen.

Tipp 1

Auswahl. Wer nächstes Jahr mit Aktien Geld verdienen will, sollte am ehesten zu breit aufgestellten, weltweit agierenden Konzernen greifen. Solche haben ihren Hauptsitz zwar oft in den USA oder in Europa, machen ihr Geschäft in zunehmendem Ausmaß aber in den Schwellenländern. An diesen geht zwar die Konjunkturflaute ebenfalls nicht spurlos vorüber, doch sind sie bestrebt, ihren Binnenkonsum zu stärken. Das sollte etwa den großen Konsumgüterfirmen helfen.

Tipp 2

Inflationsschutz. Aktien sollen als „reale Werte“ (wie Gold und Immobilien) zwar vor der Inflation schützen, das tun sie aber nicht in jedem Fall. Nämlich dann nicht, wenn die Unternehmen selbst unter der Inflation leiden und die höheren Kosten nicht im gleichen Ausmaß an ihre Kunden weitergeben können (etwa Versorger). Oder wenn es sich um anlageintensive Firmen handelt, die tief in die Tasche greifen müssen, wenn sie in neue Anlagen investieren müssen.

Tipp 3

Timing. Auch wenn es nächstes Jahr nach oben gehen sollte, sind zwischenzeitliche Kursrückgänge jederzeit möglich – sei es durch schlechte Nachrichten von der Euro-Schuldenkrise oder der Konjunktur, sei es durch Gewinnmitnahmen. Den idealen Zeitpunkt für den Kauf zu erwischen ist fast unmöglich. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte streuen, einzelne Kursdellen zum Einstieg nützen und nicht alles auf einmal investieren: Es kommen bestimmt noch weitere Dellen.

Tipp 4

Verluste begrenzen. Bei jedem Aktienkauf sollte man überlegen, wie viel Aufwärtspotenzial man der Aktie zutraut und wie hohe Schwankungen man zwischenzeitlich aushält. Dabei gilt: Je höher das Aufwärtspotenzial, desto höher dürfen auch die Schwankungen ausfallen. Dann sollte man überlegen, wie hohe Verluste man insgesamt verkraftet, und das auf die einzelnen Positionen verteilen. Entsprechend sollte man Stop-Loss-Orders setzen. Diese kann man auch nach oben mitziehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

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