Analysten - und ihre Prognosen

24.03.2013 | 19:44 |   (Die Presse)

Anleger verlassen sich gern auf die Empfehlungen von Analysten. Doch deren Einschätzungen müssen sich nicht immer bewahrheiten. Ihre Daten eignen sich jedoch als Basisinformation.

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Wien/Ker. Analysten sind bemerkenswerte Wesen. Sie haben auf jede Frage die scheinbar richtige Antwort parat. Ob es nun um die Auswirkungen der Zypern-Krise auf den Eurokurs geht, die Anleihekurse in Europa oder um den Stand der Aktienindizes in einem Jahr. Nur, was sind Prognosen wert, die vor allem am Jahresanfang präsentiert und fleißig zitiert werden, weil sie so einfach und klar formuliert sind?

Die Marktbeobachter der Erste Bank etwa sind in den vergangenen Jahren etliche Male für ihre – relativ – akkuraten Prognosen vom Londoner Analysehaus AQ Research gelobt worden. Aber hat auch der Anleger etwas davon? Anfang 2012 haben die Erste-Spezialisten für den heimischen ATX-Leitindex eine „leicht zweistellige Performance“ prognostiziert. Man könne sogar über die Marke von 2100 Punkten im ATX kommen, hieß es.

Das war dann doch ein wenig zu pessimistisch. Der ATX stieg sogar viel deutlicher an, um fast 25 Prozent auf 2400 Punkte. Wie auch immer: Jene Anleger, die damals eingestiegen sind, haben profitiert. Jene, denen eine „leicht zweistellige Performance“ zu unsicher war, haben am Sparbuch verloren.

In den vergangenen Jahren hat sich die heimische Analystenzunft allerdings nicht mit Ruhm – also treffenden Prognosen – bekleckert. Den Crash an den Aktienmärkten 2008 haben sie nämlich alle komplett „verpasst“, egal, um welches Institut – Erste, Raiffeisen oder Bank Austria – es sich dabei gehandelt hat. Staatsanleihen haben sie oftmals zum falschen Zeitpunkt zum Kauf oder Verkauf empfohlen. Oder Anfang 2011, als man das Gefühl hatte, dass sich die heimischen Marktbeobachter mit Jubelszenarien über das laufende Jahr übertreffen wollten: Am Jahresende stand dann aber ein dickes Minus zu Buche.

 

Wertentwicklung sichtbar

Man kann die Genauigkeit der Analystenempfehlungen an einer Kurve ablesen, zumindest bei der Erste Group. Ein Zertifikat (ISIN: AT0000A0H8M5) spiegelt die Wertentwicklung jener Aktien wider, die die Erste-Analysten auf „Buy“ haben. Demnach war 2012 ein gutes Jahr. Zwar gab es zwischendurch einen Einbruch, aber am Ende schaute ein deutliches Plus heraus, die Aktienempfehlungen waren also in Ordnung.

Das erste Quartal 2013 verlief hingegen bisher durchwachsen. Zum Jahresbeginn hatte die Bank etwa Semperit (AT0000785555), Polytec (AT0000A00XX9) und Verbund (AT0000746409) als heimische Top-Empfehlungen präsentiert. Die Rechnung ist bisher noch nicht ganz aufgegangen. Der Semperit-Kurs ist zurückgegangen, Polytec ist leicht gestiegen, die Verbund-Titel sind deutlicher zurückgegangen.

Für den Gesamtindex ATX schrieben die Erste-Experten Ende Dezember von einem Gewinnwachstum von 16 Prozent. Bisher tritt der Leitindex auf der Stelle herum. Im ersten Quartal hinkt er der Prognose also noch deutlich hinterher. Aber gut, es gibt ja noch drei Quartale, in denen er steigen kann. Eine Einschätzung ist bisher mit Sicherheit nicht aufgegangen: und zwar jene, dass die Europäische Zentralbank im ersten Quartal den Leitzins von 0,75 auf 0,5Prozent reduzieren wird.

Soll man Analysten nun trauen? Wer nur nach den Empfehlungen der Analysten handle, werde nicht sehr erfolgreich sein, sagte einst Fondsmanager Roland Neuwirth in einem „Presse“-Interview. Er müsste es wissen, schließlich war er zuvor jahrelang Analyst der Deutschen Bank gewesen. Den Anlegern muss klar sein, dass Prognosen, die am Jahresende getroffen werden, in der schnelllebigen Finanzwelt schon nach kurzer Zeit kaum mehr Bedeutung haben können.

Dennoch ist die Arbeit dieser Experten wertvoll. Sie kennen die heimischen Firmen tiefgründig und schlüsseln Bilanzdaten übersichtlich auf. Ihre Analysen sind Basisinformationen für Anleger. Wer ein Aktieninvestment– das den Mitbesitz an einem realen Unternehmen verbrieft – ernst nimmt, muss sich durch diese Analysen durchackern. Und sich dann eine eigene Meinung bilden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2013)

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21 Kommentare

Zum Lachen

Über die „Empfehlungen“ so mancher Analysten kann ich echt nur lachen.
Wer sich Rat von einer Wirtschaftszeitung erhofft, kann genauso einen verlausten Affen um Rat fragen….

kann jemand...

... mit Aktienanalysen langfristig überdurchschnittliche Renditen erzielen, würde er nicht als Analyst arbeiten. So einfach ist das.

Es ist wie in allen anderen Bereichen des Kapitalismus. Man muss seine Hausaufgaben selbst machen, es findet sich niemand der einem das Nachdenken abnimmt.

Re: kann jemand...

:-):-), pst nicht so laut, sie rütteln ja an den grundfesten des wohlfahrtsstaates, wo an jeder ecke ein aufpasser, fürsorger und berater darauf wartet die leute beim handerl durchs wunderland zu führen ..und sich dafür kräftig entlohnen zu lassen :-)

Aufgabe der Analysten ist, ...

einen Ist-Zustand zusammenzufassen und dabei auch ein wenig auf die Vergangenheit einzugehen. Der beschriebene Ist-Zustand ist aufgrund der benötigten Zeit auch schon der Vergangenheit angehörig. Und dann wollen wir noch an den berühmten Da-die-Satz denken, der in jeder Lebensversicherungspolizze abgedruckt ist: "Da die dargestellten Prognosen auf Gegebenheiten der Vergangenheit beruhen, können sie nicht garantiert werden."
Mit anderen Worten: Auch Analysten sind keine Hellseher (zumindest keine mit Erfolgsgarantie), und wer das anders sieht, ist für sein Tun und Lassen auch selbst verantwortlich.

Re: Aufgabe der Analysten ist, ...

Das Problem der Wirtschaftsanalyse ist, dass eine Prognose überhaupt nicht zulässig ist.
Anders als in den Naturwissenschaften beobachten Sozialwissenschaften (wie die Wirtschaft), ein dynamisches Feld mit wechselnden Randbedingungen ohne kausalen Zusammenhang.
Wer also glaubt von einer, wie auch immer gearteten Theorie auf ein zukünftiges Ereignis deduzieren zu können, betreibt groben Unfug!
(Siehe Karl Popper, Elend des Historizismus)

Re: Re: Aufgabe der Analysten ist, ...

Weise, sehr weise, lieber Konfuzius. "Prognosen sind eine unsichere Sache, besonders dann, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen." (Mark Twain)

Gutmenschen

Statt selbst abzucashen helfen uns die Banker reich zu werden. Nobel, nobel !

die wettervorhersage

fuer ein monat ist treffsicherer als das gerede von analysten.

Re: die wettervorhersage

das sind alles über bezahlte Leute, liegen so oft falsch, wie sonst käme es zu so hohen Verlusten bei Pensionskassen und abfertigungskassen

Der Schärdinger

Wer am meisten bezahlt, für den geht die Prognose gut aus. Die Firmen kontrollieren sich selbst, wie in unerem Parlament, was kommt raus außer ernstlich besorgt oder schiefe Optik!


Analysten sind großteils eine überflüssige Berufsgruppe

Entweder sind die Prognosen trivial, oder sie sind großteils daneben (siehe die Entwicklung bis zum Crash 2008). Meist schwafeln Analysten Plattheiten und erklären bereits eingetretene Ergebnisse.

Deren Einschätzungen müssen sich nicht immer bewahrheiten

Das stimmt wohl!

In den letzten 5-6 Jahren lagen sie aber doch gelegentlich sehr oft daneben....

Kurs und prägnant

Analysten sind für Arsch und Friedrich.

Sie werde auch zurecht Anal(z)ysten genannt.

Re: Kurs und prägnant

...herrlich ihr Sarkasmus Danke !

zum nachdenken :-)

wie viele aktien fallen, wie viele aktien steigen ? .. über das jahr verteilt wird es wohl in etwa gleich oft sein
.. wieviele kaufempfehlungen gibt es ?
...wieviele verkaufsempfehlungen gibt es ?

Re: zum nachdenken :-)

Als Unternehmer kann ich dir versichern: du hast keine Ahnung.

Re: Re: zum nachdenken :-)

ist immer wieder lustig, wenn "unternehmer" ablegen, weil sie glauben, dass die börse wie ein lebensmittelgeschäft oder ein installateur funktioniert :-):-)

Leider falsch!

Die Anzahl der steigenden und fallenden Aktie hält sich nicht die Waage, da die allgemeine Stimmung meist die meisten Aktien mitreißt. Lg

Re: Leider falsch!

im kurzfristigen bereich haben sie recht, wenn sie es über den börsenzyklus sehen sieht es anders aus .

wenn der markt fällt, dann sollten ja die short empfehlungen überwiegen ..

und was sehen sie tatsächlich ?.. nach wie vor kaufempfehlungen und irgendwann in einem länger dauernden bärenmarkt vielleicht ein "halten" :-)

ich habe noch nie in europa aggressive shortempfehlungen gesehen, dabei verdient man im bearmarket am meisten und am schnellsten damit :-)

Re: Re: Leider falsch!

Aber angenommen, es würde sich die Waage halten, dann würden die Indizes wie zB ATX ja immer ziemlich gleich bleiben, dies ist aber nicht der Fall.

Ich lass mich aber gerne belehren! ;-)
Lg

Re: Re: Re: Leider falsch!

sie sehen steigende indizes nicht ?
nur die firmen die in konkurs gegangen sind, sind nicht mehr im index .. der dow jones von 1930 sieht ganz anders aus, wie der von heute, weil der grossteil der firmen aus 1930 irgendwann davor in konkurs gegangen ist .. er müste also eigentlich bei null sein :-) ..somit müste es viel mehr verkaufsempfehlungen geben ..

(wie im krieg eben .. die überlebt haben erwecken den eindruck alles halb so wild, weil sie ja überlebt haben, und die gefallenen werden irgendwann vergessen, weil sie keine interviews mehr geben können .....)

... börsenotierte unternehmen sind halt immer wichtige firmenkunden von banken .. .. und den wickel der bei einer shortempfehlung entstehen würde, tun sich nur ganz wenige analysten, die ja auch bankangestellte sind, einfach nicht an :-):-)

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