Marktausblick

Optimistische Märkte, skeptische Ökonomen

Die Aktienmärkte haben ein riesiges Wachstumsplus eingepreist. Dieses muss erst noch kommen.

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Wien. Um 2,7 Prozent dürfte die Weltwirtschaft heuer wachsen, erwartet die Weltbank. Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist optimistischer und rechnet mit 3,4 Prozent. Noch zuversichtlicher ist der Markt: Dieser erwarte vier bis fünf Prozent globales Konjunkturwachstum. Das legten zumindest die Aktienpreise nahe, stellte Witold Bahrke von Nordea Asset Management kürzlich auf dem Fondskongress in Wien fest. Er selbst ist eher skeptisch. „Wir glauben, dass der Konjunkturzyklus in einer späteren Phase ist, als die meisten denken“, sagte der Experte. Er sieht mehrere Anzeichen, die darauf hindeuteten: So würden die Lohnstückkosten in den USA stärker in die Höhe klettern als die Einnahmen, was schon bald die Profite der Unternehmen nach unten drücken werde. Auch steigen die Zinsen bei gleichzeitig hoher Verschuldung, was ebenfalls keinen Rückenwind für die Konjunktur bringe.

Starker Dollar wäre ein Problem

Dass der Markt mit seinem Optimismus recht habe, sei dennoch nicht komplett unrealistisch. US-Präsident Donald Trump müsste aber dann schon alle in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen und das Wirtschaftswachstum in den USA ankurbeln, ohne dass das auf Kosten anderer Regionen gehe. Der Dollar sollte zudem den anderen Währungen nicht davonziehen. Denn das würde Unternehmen mit Dollarkrediten – vor allem in den Schwellenländern – schaden. Gerade in China dürfte der Anteil notleidender Kredite weit höher sein als die offiziellen zwei Prozent. Fitch zufolge sollen es mindestens 15 Prozent sein. Was der Markt zudem gar nicht einpreise, sei der wachsende Populismus, der im Gegensatz zu 2008/2009 eine Krisenbewältigung stark erschweren würde.
Haben also doch die Ökonomen recht, womöglich gar die skeptischeren unter ihnen? In den vergangenen Jahren sind die Wissenschaftler oft falsch gelegen. „Auch von der Richtung her wurde oft das Falsche gesagt“, räumte der deutsche Ökonom und DIW-Chef Marcel Fratzscher ein. Der Grund: Politische Unsicherheiten ließen sich nicht beziffern. Und solche gibt es derzeit viele, vom Brexit über Donald Trump bis hin zum noch immer schwelenden Russland-Ukraine-Konflikt.

Dieser ist in der öffentlichen Wahrnehmung zuletzt ein wenig in den Hintergrund getreten, hat laut Fratzscher aber das Potenzial, jederzeit das Wirtschaftswachstum negativ zu beeinflussen. Man weiß aber nicht, ob er das tut, wann und in welchem Ausmaß. Eines lasse sich jedoch sagen: Zwischen politischen Ereignissen, den Finanzmärkten und der Wirtschaft bestehe ein stärkerer Zusammenhang als früher. Eine Ansicht, die auch Bahrke von Nordea Asset Management teilt. Es sei zu einer Politisierung der Märkte gekommen. Vor der Lehman-Pleite 2008 hätten die Marktteilnehmer – außerhalb der Schwellenländer – nicht einmal auf das, was sich politisch in den Staaten abspielte, hingesehen. Doch jetzt gebe es eine starke Korrelation zwischen politischer Sicherheit bzw. Unsicherheit auf der einen Seite und den Aktienkursen auf der anderen.

Unternehmen wollen nicht investieren

Käme es zu einer Wiederholung der Bärenmärkte wie zur Zeit der Finanzkrise, wäre die Ausgangssituation wesentlich schlimmer als vor zehn Jahren, glaubt der Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister, der auf Einladung der BNP Paribas auf dem Fondskongress auftrat. Prognosen wollte er dazu aber keine abgeben. Als Ökonom des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo habe er lange Zeit Prognosen erstellt, nun sei er skeptisch. Der Bullenmarkt könnte durchaus noch weiter gehen, obwohl sich die Finanzwirtschaft längst von der Realwirtschaft abgekoppelt habe. Ein Problem sieht er darin, dass viele Unternehmen aufgrund der schwankenden Rohstoffpreise und Wechselkurse lieber nicht investierten und sich verschuldeten, sondern lieber selbst Geld horteten. Das erschwere eine Erholung der Wirtschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 6.3.2017)

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