Ist Österreich zu korrupt?

Die Fair Finance hat sich der ethischen Veranlagung verschrieben. Ihr Chef, Markus Zeilinger, erzählt von Tücken im Detail.

Kernkraftwerk Tihange in Huy Wallonien Belgien an der Maas betrieben vom belgischen Konzern Elec
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Kernkraftwerk Tihange in Huy Wallonien Belgien an der Maas betrieben vom belgischen Konzern Elec
Themenbild: Kernkraft – (c) imago/Jochen Tack (imago stock&people)

Wien. „Der Ausschluss von Staaten mit Atomkraft tut am meisten weh“, sagt Fair-Finance-Chef Markus Zeilinger. Die Vorsorgekasse hat sich der Nachhaltigkeit in der Veranlagung verschrieben und legt das sehr streng aus. Sie kauft nicht nur keine Anleihen von Staaten, die die Todesstrafe anwenden, korrupt sind oder die Umwelt zerstören, sondern auch keine von Ländern mit einem gewissen Anteil an Atomenergieerzeugung. In französische oder slowakische Staatsanleihen investiert man daher nicht, in solche aus den USA sowieso nicht.

Österreichische Staatsanleihen kommen infrage. Doch selbst das war nicht sicher. Über die Veranlagungsregeln im Detail entscheidet der Kundenbeirat mit, erklärt Zeilinger. „Die Kunden sind oft strenger als wir.“ Etwa bei der Korruption. In Anleihen von Staaten, die im Korruptionsindex von Transparency International weniger als 70 Punkte erreichen, wollten die Kunden gar nicht investieren. Österreich schaffte 2013 aber nur 69 Punkte. „Auch die baltischen Staaten würden rausfallen“, sagt Zeilinger. Schließlich einigte man sich, dass bei Anleihen, die man bis Laufzeitende hält, ein Wert von 70 Voraussetzung sei, bei anderen Anleihen reiche 50, sofern sich das Land verbessere.

Auch bei Immobilien legt man Wert auf Nachhaltigkeit. Das Problem dabei: Neue Gebäude spielen in Sachen Energieeffizienz oft alle Stückerln, doch wäre es nicht energieeffizient, jedes Altgebäude abzureißen. Also investiert man auch in Altgebäude, die ökologische Mindestkriterien erfüllen. Die Mieter müssen ebenfalls ethischen Standards entsprechen. So habe man ein Haus erworben, in dem eine Tabaktrafik einquartiert sei. Wenn deren Mietvertrag auslaufe, werde er nicht verlängert, berichtet Zeilinger.

Bei Aktien gibt es ebenfalls Negativ- und Positivkriterien für die Unternehmen. Waffen, Alkohol, Glücksspiel und Tabak stehen auf der No-go-Liste, aber auch Unternehmen, die durch unethische Verhaltensweisen wie Bilanzfälschung oder kontroverses Umweltverhalten aufgefallen sind. Die Titelauswahl nimmt die Vorsorgekasse nicht selbst vor, sondern überträgt diese Aufgabe externen Fondsmanagern, die sich an die Vorgaben halten müssen.

12,63 Mrd. Euro werden in Österreich nachhaltig veranlagt, wie aus Daten des Forums Nachhaltige Geldanlagen hervorgeht. Fast die Hälfte davon wird von den Vorsorgekassen verwaltet, die für die Gelder der „Abfertigung neu“ zuständig sind. (b. l.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2017)

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