Heimische Firmen scheuen den Kapitalmarkt

Obwohl das Volumen neuer Unternehmensanleihen in Wien einen Rekord erreicht hat, leiht sich nur ein kleiner Teil der österreichischen Firmen Geld. Anleger sollten genau hinsehen, bevor sie eine Anleihe zeichnen.

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Symbolbild Euromünzen – (c) Bilderbox

Wien. Das Niedrigzinsniveau bietet Unternehmen derzeit gute Chancen, günstig an frisches Kapital zu kommen. Zuletzt hat etwa der deutsche Pharmariese Bayer eine vier Mrd. Euro schwere Wandelanleihe an der Wiener Börse platziert, um den Kauf des US-Saatgutriesen Monsanto zu finanzieren. Das sorgte für einen neuen Emissionsrekord auf dem heimischen Markt.

Entgegen dem internationalen Trend fallen die Emissionen heimischer Unternehmen aber eher bescheiden aus. Von den mehr als sieben Mrd. Euro, die zwischen Jänner und November platziert wurden, entfällt der Großteil, nämlich 5,75 Mrd. Euro, auf ausländische Emittenten. Dass österreichische Firmen so zurückhaltend sind, hat jedoch einen handfesten Grund: die wachsende Konkurrenz durch Kreditprodukte, wie etwa Schuldscheindarlehen (das sind anleiheähnliche Großkredite). „Für die Emittenten bedeuten sie eine erhöhte Flexibilität bei der Ausgestaltung im Vergleich zu eher standardisierten Unternehmensanleihen. Die Firmen haben geringere Publizitätspflichten und niedrigere Kosten“, sagt Erste-Bank-Analyst Peter Kaufmann.

Obendrein werden hierzulande viele Unternehmensanleihen mit hohen Mindeststückelungen begeben und wandern direkt an Großanleger wie Fondsmanager oder Versicherungen. „Für sie ist es aufgrund regulatorischer Vorgaben wichtig, dass die Anleihe eine Börsennotiz hat“, sagt Florian Vanek aus dem Bereich Produktentwicklung und Neuemissionen der Wiener Börse.

Umso bescheidener ist das Angebot für Privatanleger. Sie sollten zudem einige Punkte beachten, um einen Fehlgriff oder Totalverlust zu vermeiden – siehe die Pleiten von A-Tec und Alpine, die vielen noch gut in Erinnerung sind.

 

Auf Liquidität achten

Ein wichtiger Punkt ist die Liquidität einer Anleihe. Denn auch bei kleineren Stückelungen findet nur ein geringer Teil des Anleihenhandels an der Börse statt. Der Großteil geht direkt zwischen Anlegern und Bank über die Bühne. Möchte man zum Beispiel eine Anleihe verkaufen, nimmt die Bank die Anleihe in der Regel auf ihr Handelsbuch und macht sich dann auf die Suche nach Käufern. Der Kurs, der an der Wiener Börse angezeigt wird, ist zwar ein guter Indikator, kann aber von jenem abweichen, den man von der Bank erhält.

Die Bonität muss man ebenso beachten. Sie ist bei heimischen Emittenten grundsätzlich sehr gut, sagt Gottfried Ransmayr, Leiter Kapitalmarkt bei der Bank Austria. Die durchschnittliche Bonität der bewerteten Unternehmen liegt bei BBB und „somit im Investment-Grade-Bereich“. Das trifft auch auf jene Firmen zu, die kein offizielles Rating haben. Sie werden von den Banken selbst eingestuft.

Dabei gilt: je höher die Bonität, desto geringer die Rendite. In Österreich liegt sie bei Firmenanleihen im Schnitt bei rund einem Prozent. Etwas mehr Rendite werfen Anleihen aus der Immobilienbranche ab. Das wird zum Teil darauf zurückgeführt, dass einige Marktteilnehmer eine mögliche Korrektur erwarten, sagt RBI-Analyst Jörg Bayer.

Vorsichtig sollten Anleger werden, wenn die Renditen ein gutes Stück darüber liegen. Das Risiko eines Zahlungsausfalles wird dann vom Markt höher eingeschätzt. Zudem sollten sich Anleger über ein Unternehmen auf dessen Homepage informieren. Werden wichtige Kennzahlen dort nicht veröffentlicht, ist es wohl besser, die Finger davon zu lassen.

Was Sie beachten sollten bei... Unternehmensanleihen

Tipp 1

Liquidität. Weil Kreditprodukte wie Schuldscheindarlehen eine attraktive Finanzierungsalternative darstellen und mit weniger Aufwand verbunden sind, fällt das Emissionsvolumen heimischer Firmen heuer bescheiden aus. Privatanleger sollten bei Anleihen auf deren Liquidität achten. Wird das Papier bis Laufzeitende gehalten, spielt diese aber eine geringere Rolle.

Tipp 2

Umfeld. Zahlreiche österreichische Firmen sind weltweit tätig, ihre Geschäftsmodelle hängen von verschiedenen Zyklen ab. Während die OMV etwa Ölpreisschwankungen spürt, ist die Voest teils von der Entwicklung der Konjunktur abhängig. Derzeit erwarten Experten eine Korrektur in der Immobilienbranche, das könnte auf den Anleihekursen lasten.

Tipp 3

Bonität. Die meisten heimischen Emittenten verfügen über eine gute Bonität. Die Renditen betragen deshalb durchschnittlich rund ein Prozent. Bei riskanteren Schuldnern winken höhere Renditen. Diese können zwischen vier und fünf Prozent ausmachen. Dann ist aber auch die Gefahr eines Zahlungsausfalles höher. Anleger sollten sich dessen bewusst sein.

Tipp 4

Prüfung. Anleger sollten die Bonität eines Unternehmens beachten. Gibt es keine Bewertung durch eine Ratingagentur, übernehmen Banken diese Aufgabe. Zu prüfen sind auch Kennzahlen wie die Eigenkapitalquote und der Cashflow. Zudem kann die Mittelverwendung ein Hinweis dafür sein, ob waghalsige Expansionspläne rein kreditfinanziert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2016)

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