Firmenanleihen: Hohe Zinsen, hohes Risiko

Mit dem Baukonzern Alpine wackeln auch drei überwiegend von Privatanlegern gezeichnete Unternehmensanleihen. Das bringt eine boomende und vermeintlich sichere Anlageklasse ins Gerede.

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(c) EPA (Peter Kneffel)

Wien. Für den wankenden Salzburger Baukonzern Alpine schlägt diese Woche die Stunde der Wahrheit: Nachdem der in spanischem Besitz stehende Bauriese zuletzt offiziell eingestanden hat, dass für dieses Geschäftsjahr „erhebliche Verluste“ (in wahrscheinlich dreistelliger Millionenhöhe) zu erwarten seien, sind Lieferanten und finanzierende Banken nervös geworden.

Noch für diese Woche sei ein weiteres Krisentreffen mit den Banken geplant, wie es gestern, Montag, hieß. Dabei solle in groben Zügen eine Rettungsstrategie festgelegt werden, wobei unter anderem ein größerer Eigenmitteleinschuss durch den spanischen Eigentümer und Eigenleistungen in Form des Verkaufs von Unternehmensteilen zur Diskussion stehen werden. Dann könne darüber geredet werden, wie viel Geld die Banken noch lockermachen können und ob und wie Zahlungsfristen erstreckt werden.

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(c) DiePresse

Verständliche Nervosität

Die Nervosität der Banken ist verständlich: Alpine steht bei den großen österreichischen Instituten mit 660 Mio. Euro in der Kreide.

Etwas unrund wird sich jetzt aber auch eine Reihe von kleinen Privatanlegern fühlen. Denn die Alpine hat im vorigen Jahr und heuer insgesamt drei Unternehmensanleihen mit einem Gesamtvolumen von 290 Mio. Euro emittiert. Gut verzinst (die Coupons lagen zwischen 5,25 und sechs Prozent) und kleinanlegerfreundlich mit 1000 Euro gestückelt. Tatsächlich wurden den Salzburgern die Papiere überwiegend von Kleinanlegern aus der Hand gerissen. Die letzte Sechs-Prozent-Anleihe im vergangenen Sommer war dramatisch überzeichnet, obwohl das Volumen von 70 auf 100 Mio. Euro angehoben worden war. Diese Anleihen stehen jetzt natürlich an der Kippe: Schafft das Unternehmen die Sanierung nicht, dann ist das Geld weg.

Wie dramatisch die Lage ist, sieht man an den Kursen: Wer seine Papiere wegen der schlechten Lage des Konzerns jetzt verkaufen will, bekommt nur etwas mehr als die Hälfte des eingesetzten Betrags. Denn die Kurse der drei Anleihen sind nach Bekanntwerden der finanziellen Probleme auf rund 50 % abgestürzt und haben sich seither nur leicht auf Werte um die 60 Prozent erholt. Wer sein Kapital zurückhaben will, muss also wohl die drei bis fünf Jahre verbleibender Restlaufzeit „aussitzen“ und hoffen, dass es die Alpine dann noch gibt.

Boomende Anlageklasse

Das rückt jetzt eine Anlageklasse in den Mittelpunkt, die heuer boomt wie noch nie: die Unternehmensanleihen. Allein bis zum Sommer war das Volumen der emittierten „Corporate Bonds“ schon größer als im gesamten Vorjahr. Und die Welle ebbt bis zum Jahresende nicht ab. Mit einem erwarteten Volumen von mehr als fünf Mrd. Euro werden heuer alle Rekorde fallen.Seit Ende September haben etwa die Voestalpine, die Cross Industries, Spar, die Kärntner Kelag und die OMV Anleihen emittiert. Die Zinscoupons lagen zwischen 2,6 und 4,6 Prozent. Mit Ausnahme der OMV, deren 100.000-Euro-Stückelung eindeutig auf institutionelle Investoren zugeschnitten war, gingen alle Emittenten (mit Stückelungen von 500 und 1000 Euro) eindeutig auf Privatanleger los. Und fanden dort auch geöffnete Geldbörsen vor.

Denn so wie große Institutionelle befinden sich auch Privatanleger derzeit im „Investitionsnotstand“: Wer Geld hat, muss entweder auf dem Aktienmarkt viel riskieren oder auf reale Renditen verzichten. Denn Sparprodukte oder sichere Staatsanleihen rentieren abzüglich Kapitalertragssteuer und Inflationsrate meist unter null. Da erscheinen Coupons von drei, vier oder, wie bei der letzten Alpine-Anleihe, sechs Prozent lukrativ.

Beliebte Finanzierungsform

Auf der anderen Seite ist die Bereitschaft der Unternehmen, Anleihen zu emittieren, stark gestiegen: Wenn Banken mit Krediten geizen, bietet sich der Kapitalmarkt als Ausweichgelegenheit geradezu an. Wobei Anleihen, im Gegensatz zu Aktien, den Vorteil haben, dass die Anleger keine Miteigentümerschaft erwerben – und deshalb auch keine Mitwirkungsrechte kaufen.

In der allgemeinen Euphorie ist allerdings das Kleingedruckte in den Emissionsprospekten ein wenig in Vergessenheit geraten: Dass nämlich Unternehmensanleihen Risikopapiere sind und im Extremfall – der Insolvenz des emittierenden Unternehmens – zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen können. Und dass man während der Laufzeit nur mit großen Verlusten herauskommt, wenn das emittierende Unternehmen in Probleme schlittert und damit der Kurs verfällt.

Für sehr risikobereite, hartgesottene Spekulanten sieht die Sache natürlich anders aus: Wer die Alpine-Anleihe in der Vorwoche zum Tiefstkurs erworben hatte (und das ist, wie man an den Umsatzstatistiken ablesen kann, durchaus geschehen), der hat zusätzlich zur Sechs-Prozent-Verzinsung sozusagen einen Hunderter um 50 Euro bekommen. Falls das Unternehmen überlebt, natürlich. Sicherheitsorientierten Privatanlegern kann man das zur Nachahmung also eher nicht empfehlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2012)

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