Mehr Auswahl und weniger Kosten

29.06.2012 | 18:45 |  von Alexander Weber (Die Presse)

Nicht alle Finanzinnovationen sind eine Gefahr für die Weltwirtschaft. Viele von ihnen haben das Leben der Sparer erleichtert und günstiger gemacht.

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Wien. Das berühmteste Zitat zum Thema Innovationen in der Finanzbranche stammt von Paul Volcker, dem ehemaligen Chef der amerikanischen Notenbank. „Die einzig brauchbare Weiterentwicklung der vergangenen 25 Jahre ist der Bankomat“, beschwerte er sich im Jahr 2009, ein Jahr nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. Damit brachte er vor allem seinen Missmut darüber zum Ausdruck, dass komplizierte Finanzprodukte mit Abkürzungen wie MBS und CDS kurz zuvor die Weltwirtschaft an den Abgrund getrieben hatten.

Abseits dessen hat es in den vergangenen Jahren jedoch zahlreiche große und kleine Innovationen gegeben, die Anlegern und Sparern das Leben spürbar erleichtert haben. Zum Beispiel das Onlinebanking: Vor allem jüngere Bankkunden dürften schon bald nicht mehr wissen, wie ein Erlagschein überhaupt aussieht. Drei Viertel aller Internetnutzer erledigen ihre Geldgeschäfte mittlerweile online, ergab eine aktuelle Umfrage des Linzer Market-Instituts. Zwar lauern hier einige Gefahren wie das „Phishing“, bei dem sich Betrüger die Zugangsdaten von Bankkunden beschaffen. Mit Weiterentwicklungen wie den TAN-Codes am Handy und Kartenlesegeräten für zu Hause wird das Angebot jedoch immer sicherer.

 

Keine Filialen, dafür höhere Zinsen

Konsequenterweise haben sich einige Institute gleich ganz ins Internet verabschiedet. Direktbanken verzichten gänzlich oder zumindest großteils auf Filialen, zahlen dafür aber höhere Zinsen oder bieten günstige Konten. So zahlt die ING-Diba, eine Direktbanktochter der niederländischen ING, Neukunden für sechs Monate immerhin noch 2,25 Prozent Zinsen. Abzüglich Steuern (25 Prozent) reicht das zwar kaum, um die Inflation zu schlagen, ist aber immerhin mehr, als die klassischen Filialbanken bieten.

Von ihnen haben mittlerweile viele eine Internettochter eröffnet. So können Kunden ihr Geld bei der Easybank (Bawag), der Livebank (Volksbanken) oder der Bankdirekt (Raiffeisen Landesbank Oberösterreich) parken. Das soll nicht heißen, dass Filialen und persönlicher Kontakt überflüssig sind. Jedoch findet heutzutage jeder, der auch ohne diese Dinge leben kann, das passende Angebot.

Gleiches gilt für Aktieninvestoren. Lief früher jede Order über den Bankberater, reichen dafür heute wenige Mausklicks. Bei Onlinebrokern wie Flatex, Direktanlage oder Brokerjet fallen die Spesen meist deutlich geringer aus als bei der Hausbank. Und darauf sollten Anleger in Zeiten, in denen satte Gewinne eher eine Seltenheit sind, ganz besonders achten. Zudem bieten Onlinebroker die Möglichkeit, das Depot jederzeit zu überwachen. Auch hier hat der Wettbewerb das Geschäft belebt: Viele Banken haben eine Wertpapier-Funktion in ihre Onlinebanking-Systeme integriert. Die Spesen liegen jedoch oft noch über denen der Konkurrenz aus dem Internet.

Apropos Kosten: Diese stellen vor allem bei der langfristigen Geldanlage eines der größten Hindernisse dar. Lebensversicherer lassen sich ihre Dienste ebenso fürstlich bezahlen wie viele Fondsgesellschaften. Das schmälert die Rendite mitunter beträchtlich.

Umso erfreulicher, dass sich auch hier etwas getan hat. Börsenotierte Indexfonds erfreuen sich seit Jahren wachsender Beliebtheit. Verwalteten diese Finanzinstrumente, auch ETFs genannt (für Exchange Traded Funds), im Jahr 2002 noch 142 Mrd. US-Dollar weltweit, sind es heute über 1,4 Billionen (siehe Grafik).

 

Die Welt der günstigen Fonds

Die Fonds unterscheiden sich wesentlich von herkömmlichen Investmentfonds. Anstatt auf das aktive Management eines Experten zu setzen, bilden sie einen Index wie den ATX oder den amerikanischen S&P 500 stur nach. Weil keine hohen Gehälter für Analyse und Fondsmanagement gezahlt werden müssen, verlangen sie nur einen Bruchteil der Gebühren. Ein Beispiel: iShares, die ETF-Tochter des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, verlangt für einen Indexfonds auf den heimischen ATX 0,32 Prozent Gebühren im Jahr. Bei der Erste Sparinvest kostet das aktiv verwaltete Pendant (Espa Stock Vienna) 1,8 Prozent pro Jahr.

Freilich können sich die Gebühren auch lohnen, nämlich dann, wenn der Fondsmanager es schafft, den Markt (also den Index) deutlich zu schlagen. Das ist aber nicht sehr oft der Fall und vor allem ist es schwer vorherzusagen. „Die beste Prognosekraft für die Wertentwicklung haben die Kosten“, sagt Andreas Beck vom Münchner Institut für Vermögensaufbau.

Grafik: Die Presse

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Mittlerweile gibt es derartige Fonds nicht mehr nur auf bekannte Indizes, sondern auf alle möglichen Märkte. Im Hintergrund arbeitet die Finanzindustrie nämlich hart daran, ihrem Ruf, Dinge unnötig kompliziert zu machen, gerecht zu werden. So gibt es umgekehrte Fonds, mit denen man auf fallende Kurse spekuliert, solche mit „Hebel“ und auch solche, die gar nicht mehr nur einen Index abbilden, sondern aktiv verwaltet werden. Wo genau da noch die Grenze zu normalen Investmentfonds verläuft, ist schwer zu sagen.

Daneben wurden die Fonds schon von mehreren Seiten kritisiert, weil sie durch die mitunter komplizierte Abbildung des Index neue, unberechenbare Risken für Anleger und die gesamte Finanzwelt schaffen. Es ist eben nichts mehr so einfach wie bei der Erfindung des Bankomaten vor einem Vierteljahrhundert. Vielleicht lässt ein ebensolcher Publikumsrenner auch deshalb schon so lange auf sich warten. Vielleicht sollte man sich daher auch mit kleineren Fortschritten zufriedengeben. Zum Beispiel mit den Möglichkeiten, die das Smartphone bietet. Bald wird man mit ihm nämlich nicht nur das Konto überwachen, sondern auch an jeder Kassa bezahlen können. [istockphoto.com]

Was Sie beachten sollten bei... Finanzinnovationen

Tipp 1

Vergleichen. Im Internet finden sich mittlerweile zahlreiche Vergleichsportale, zum Beispiel für Versicherungen (durchblicker.at, versichern, versichern24.at). Diese haben zwar ihre eigenen Tücken, denn die Konditionen sind mitunter (absichtlich) schwer zu vergleichen. Dennoch ist es bedeutend leichter als früher, sich selbst einen Überblick zu verschaffen.

Tipp 2

Direktbanken. Beim Sparen lohnt sich erst recht, die Konditionen zu vergleichen. Möglich ist das zum Beispiel im Internet unter bankenrechner.at. Direktbanken zahlen oft am meisten. Dafür fällt die Betreuung dürftig aus. Wer auf Filiale und Berater verzichten kann, ist hier jedoch gut aufgehoben. Auch als Zusatz zur Hausbank sind sie gut geeignet.

Tipp 3

Indexfonds. Bei Fonds, vor allem bei Anleihefonds, ist es wichtig, die Kosten so niedrig wie möglich zu halten. Ein Möglichkeit, dies zu tun, sind börsenotierte Indexfonds (ETFs). Sie bieten kein aktives Management, sondern bilden einen Index nach. Das ist nur dann ein Nachteil, wenn der Fondsmanager den Index schlägt. Das ist bei Weitem nicht immer der Fall.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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