Propst Fürnsinn: „Ich bin Chef und bekomme am wenigsten“

12.10.2012 | 18:34 |  MATTHIAS AUER UND ALEXANDER WEBER (Die Presse)

Propst Maximilian Fürnsinn über Gott und das Geld, den Weg der Reichen in den Himmel und die Finanznöte der Kirche.

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Die Presse: Sie waren sechs Jahre Fleischhauer bevor Sie Ordensbruder wurden. Haben Sie mit Ihrem Gang ins Kloster auch mit dem Kapitel irdische Besitztümer abgeschlossen?

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Maximilian Fürnsinn: Ich war von 14 bis 20 Fleischerlehrling und -geselle – der Drittbeste in Niederösterreich. Ich bin also nicht aus Untüchtigkeit aus dem Beruf ausgeschieden. Mit 32 wurde ich Priester, mit 39 Propst. Eines blieb: Besitz braucht jeder Mensch. Davon kann man sich nicht lösen. Wir im Kloster haben auch mit Geld zu tun. Die Frage ist: Welchen Stellenwert hat Besitz und wie gehe ich damit um?

Hat sich der Stellenwert des Geldes für Sie verändert?

Ich konnte schon als Geselle nicht mit Geld um mich werfen und habe sparen gelernt. In meinem Schlafzimmer stehen noch heute die Möbel, die ich aus den Ersparnissen der Lehr- und Gesellenzeit gekauft habe. Ich weiß noch genau, wie ich mir den ersten Anzug gekauft habe. Darum war der Umstieg für mich nicht so schwierig. Ich leite meinen Selbstwert nicht von Geld ab. Wenn ich an meine Mitbrüder denke, bin ich einer von denen, die am wenigsten Geld im Monat erhalten.

Wie viel, wenn ich fragen darf?

Das dürfen Sie nicht, aber es ist nicht viel. Denn bei uns bekommt nicht der am meisten, der am längsten im Geschäft ist. Am meisten bekommen jene Mitbrüder, die in einer Pfarre wohnen und einen Haushalt führen. Wer im Stift wohnt und keine Pfarre betreut, bekommt am wenigsten.

Sie sind Chef und verdienen am wenigsten?

Wir verdienen nicht, wir bekommen Geld, um die persönlichen Dinge zu bestreiten, um Zahnpasta zu kaufen etc. Aber ja, obwohl ich Chef bin, bekomme ich am wenigsten. Dafür ist natürlich für Essen und Wohnen immer gesorgt. Für das Auto allerdings üblicherweise nicht. Augustinus sagt: Jeder soll das bekommen, was er braucht. Man soll sich aber nicht glücklich schätzen, wenn man viel braucht, sondern dann, wenn man mit wenig auskommt. Und alles, was man nicht braucht, kommt der Gemeinschaft zugute.

Gibt es Urlaub für Klosterbrüder?

Ja, im Schnitt drei Wochen im Jahr. 14 Tage im Sommer und eine Woche im Winter.

Jeder soll bekommen, was er braucht. Ist das auch ein Modell für die Welt außerhalb der Klostermauern?

Damit werden die Menschen nicht zufrieden sein. Wichtig ist aber, dass das nicht heißt, dass jeder das Gleiche bekommen soll. Diese Systeme hatten wir schon. Und es hat sich herausgestellt, dass in der Nomenklatura dann doch ein paar etwas gleicher waren als die anderen. Alle diese Systeme sind zusammengebrochen. Der Mensch hat ein gewisses Bedürfnis nach Geld.

Liegt das in der Natur des Menschen?

Es liegt in der Natur des Menschen, dass er Besitz haben will. Das ist auch nichts Schlechtes, sondern sogar positiv. Denn damit arbeitet die Menschheit, das gibt den Menschen die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten.

In der Bibel steht: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Wann wird Reichtum zum Mammon, zur Hürde am Weg zu Gott?

Wenn man davon abhängig wird, ist es ein Problem. Aber dass der Mensch nach einem soliden Wohlstand strebt, ist nicht negativ. Es kommt immer auf die Relationen zur Umwelt an. Erst wenn Menschen das Maß nicht mehr kennen, wird das Streben nach Reichtum verwerflich.

Das heißt, es ist gar nicht so schwer für Reiche, in den Himmel zu kommen?

Natürlich kann der Reichtum zum Problem werden. Denn wer viel besitzt, muss viel verteidigen. Wer viel besitzt, ist schnell in Versuchung zu expandieren. Wer viel besitzt, muss schon eine sehr gute Einstellung haben, um zu teilen. Ich kenne viele reiche Menschen, die sehr großzügig geben. Aber es gibt eben auch viele Reiche, die diese Notwendigkeit gar nicht erkennen. Da wird das Nadelöhr schon zum Verhängnis.

Sind diese Nebeneffekte des Reichtums, Gier und Maßlosigkeit, in Ihren Augen die Gründe für die Finanzkrise?

Man muss ehrlich sagen: Alle haben an dem System verdient. Die Zinsen waren gut, also haben wir alle das Spiel von unten her mitgespielt. Man war versucht, in die gute Rendite hineinzugehen und hat das Risiko nicht mehr so besonders eingeschätzt.

Sie sind ja auch für die Finanzen des Stifts zuständig. Wie legen Sie denn das Geld des Klosters an, und wurden Sie von der Krise getroffen?

Wir müssen natürlich ein gewisses Kapital anlegen. Schließlich haben wir keine Pensionsversicherung, sondern können nur anlegen, was wir uns ersparen. Davon leben die Brüder, die keinen Verdienst von außen haben. Keine Rücklagen zu schaffen wäre unverantwortlich. Aber ich lege nicht an, um unseren Besitz zu vermehren. Ich war da immer konservativ: lieber weniger Rendite, die dafür aber sicher. Also eher Sparbücher. Aber wir haben auch Anleihen gehabt.

Wie hat sich die Krise im Kloster bemerkbar gemacht? Sind die Einnahmen gesunken?

Wir haben einen Forstbetrieb, eine Landwirtschaft, eine Kellerei, eine Schottergrube, Tourismus in Dürnstein und ein Haus in Wien. Damit erwirtschaften wir unsere Einnahmen. Wirtschaftlich sind wir eher ein Schlusslicht bei den Stiften. Nach unserer großen Renovierung haben wir jetzt finanziell ein gewisses Limit erreicht.

Mussten Sie auch schon einmal Stellen abbauen und Sparprogramme fahren wie ein klassisches Unternehmen?

Das musste ich schon ein paar Mal erleben. Wenn gewisse Bereiche in meiner Zuständigkeit negativ werden, muss ich handeln. Denn rote Zahlen sind auf Dauer unmoralisch.

Warum ist das eine Frage der Moral?

Weil es auch alles andere gefährdet. Auf lange Frist muss jeder Bereich gesund sein, sonst kommt auch der Rest in Gefahr.

Gilt das nur für Stifte oder auch für Staaten?

Das gilt auf Dauer auch für Staaten. Obwohl der Vergleich hinkt. Denn Staaten haben viel mehr Möglichkeiten, das wieder auszugleichen.

Haben Sie eigentlich eine Managementausbildung gemacht, bevor Sie die wirtschaftliche Leitung des Klosters übernommen haben?

Nein, aber man wächst auch langsam in solche Ämter hinein. Außerdem habe ich als Fleischhauer ein paar hilfreiche Dinge gelernt: Man kann nur das ausgeben, was in der Lade ist. Das muss man lernen, um Grenzen akzeptieren zu können. Ich habe nie Not gelitten, aber ich wusste schon in jungen Jahren, dass ich nicht auf großem Fuß leben muss.

Zuletzt sind aber immer wieder auch Mitglieder der Kirche in finanzielle Versuchung geraten – Stichwort Vatikanbank.

Da habe ich zu wenig Einblick und weiß nicht mehr, als ich in der Zeitung lese. Klar ist: Bei der Kirche hat Besitz immer auch eine andere Funktion. Die Kirche ist immer im wahrsten Sinn des Wortes gemeinnützig. In Österreich bleibt vom Budget der Kirche im Grunde nichts übrig. Natürlich haben wir Immobilien und Kunstwerke, aber die können wir ja nicht einfach verkaufen.

Trotzdem ist die Kirche auch hier nicht gerade arm. Viele fragen sich da: Warum will Gott mein Geld auch noch?

Es ist nicht die Frage, was du besitzt, sondern was du damit machst. Der Grundbesitz der Kirche in Österreich reicht nicht für das, was wir erhalten müssen. Ganz ehrlich: Wir raufen permanent. Die Kirche könnte in Österreich von ihrem Besitz nicht leben. Lassen Sie sich nicht von Gebäuden blenden. Die sind schön, aber bringen nichts.

Zur Person

Maximilian Fürnsinn, Jahrgang 1940, ist seit mittlerweile 33 Jahren Propst des Augustiner Chorherrenstiftes Herzogenburg in Niederösterreich. Vor seinem Gang in den Orden arbeitete der gebürtige Niederösterreicher sechs Jahre lang als Fleischhauerlehrling und -geselle im elterlichen Betrieb.

Als Propst des Stiftes ist der bodenständige Geistliche auch für die weltlichen Belange des Klosters zuständig. Für Einnahmen sorgen die stiftseigene Landwirtschaft, Kellerei und der Tourismusbetrieb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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6 Kommentare
0 1

ja lieber popst - wenn alle das bekommenwas sie brauchen

wären viele zufrieden, so wie sie.
leider ist es nicht so. Nicht zuletzt tragen die privilegien der kirche, damit auch die privilegien der klöster dazu bei, das eben nicht ein jeder bekomt was er braucht.


Gast: LuegenImNamenDesKreuzes
22.10.2012 19:26
0 0

Gottes Werk und unser Beitrag

Finanznöte der Kirche - das ich nicht lache.
Vorweg Glauben ist Privatsache, aber wenn es um das Finanzgebaren der Kirche geht würde ich einmal das Buch 'Gottes Werk und unser Beitrag' empfehlen!

Wenn alle Kirchenprivilegien zusammengezählt werden erhält sie eine Begünstigung von 3.8 MILLIARDEN Euro.

Nur die 15 größten kirchlichen Betriebe (allen voran Klosterneuburg) bekommen als EU-Agragförderung 4.063.564€.
Im Gegenzug dazu braucht die Kirche für alle Besitztümer die dem Gottesdienst, der Seelsorge, oder einfach nur ihrer Selbstverwaltung dienen keine Grundsteuer zahlen.
Zusätzlich ist sie auch noch vom Fonds- und Stiftunggesetz ausgenommen, damit sie hier auch keine Abgaben an den Staat zahlen braucht.
Dafür erhält sie vom Staat jährlich direkte Zahlungen aufgrund des Konkordates von mehreren Millionen Euro.

http://www.youtube.com/watch?v=3BuFpaLoKeg&feature=player_embedded
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http://www.kirchen-privilegien.at/#aktuell
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http://www.freidenker.at/
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Bitte für den Hinweis

Propst

Lieber User,
Sie haben mit Ihrer Anmerkung Recht. Das Wort wurde bereits korrigiert.

Danke für den Hinweis

Re: Propst

Ich danke Ihnen vielmals für die Korrektur. Das Problem liegt halt jetzt - wie immer - bei der Printausgabe. Zumindest den Abonnenten könnten Sie ja eine gedruckte Berichtigung zum Überkleben nachsenden *g*.

LG

0816

Liebe Presse-Redaktion

es heißt: der "PROPST", weil´s von "preapositus" kommt.

http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Propst

PROPST

Bitte, liebe Presseredaktion. Das Wort schreibt man mit zwei "p", also "PROPST". Das Wort hat seinen Ursprung im Lateinischen und stammt von "preapositus" oder "propostus" und bedeutet "Vorgesetzter".
Die Schreibweise "Probst", die sich von "probatus" (=erprobt) ableitet, wird gemeiniglich als falsch angesehen.

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