Ute Bock: „Mein letzter Urlaub war im Jahr 1976“

Die Flüchtlingshelferin Ute Bock lebt seit Jahrzehnten mit Geldsorgen. Der „Presse“ erzählt sie, warum sie sich selbst nichts gönnt und wie Strabag-Chef Haselsteiner zu einem ihrer großzügigsten Spender wurde.

Ute Bock
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Ute Bock
Ute Bock – APA/ROLAND SCHLAGER

Die Presse: Frau Bock, müssen Sie sich viele Sorgen ums Geld machen?

Ute Bock: Ja, natürlich. Dadurch, dass ich so bekannt geworden bin, kommen viel mehr Leute von überallher. Die können ihre Miete nicht zahlen, erhalten keine Unterstützung. Es ist halt schwer, jemandem, der mit Kindern kommt, zu sagen, dass er sich das Essen abgewöhnen soll.

Aber mit steigender Bekanntheit bekommen Sie doch bestimmt auch mehr Spenden, oder?

Das hat sich schon verbessert, aber genauso hat sich das andere auch „verbessert“.

Sie sagen von sich, Sie können mit Geld nicht umgehen. Wann haben Sie gelernt, dass ohne Geld nichts geht?

Das weiß ich schon lange. Geld allein genügt zwar nicht, aber ohne Geld geht gar nichts. Was soll ich machen, wenn ein Ehepaar mit drei Kindern ohne einen Groschen Geld auf der Straße steht? Um denen zu helfen, brauche ich Geld.

Müssen Sie viele Leute abweisen?

Ganz abweisen tue ich niemanden. Im schlimmsten Fall lasse ich die Leute hier bei mir im Saal schlafen oder woanders im Haus.

Die Leute, die hier im Heim wohnen, erhalten von Ihnen Taschengeld. Von welchen Beträgen sprechen wir da?

Alleinstehende erhalten 20 Euro pro Woche. Familien je nach Größe, 40, 60 oder 80 Euro. Wir verteilen auch Sachen, die wir von der Wiener Tafel bekommen und verbilligte Gutscheine vom Billa.

Muss man den Leuten den Umgang mit Geld beibringen?

Manchmal schon. Manche raunzen mich an, dass sie kein Geld haben und dann kaufen sie sich eine Kiste Eis. Klar bereitet ihnen das Freude. Aber Eis ist nicht gerade das Wichtigste.

Sagen Sie dann etwas zu den Leuten?

Ich sage: Hallo, was soll das? Wenn es Menschen so schlecht geht, dann ticken sie manchmal nicht mehr ganz richtig. Einer hat mich einmal um Fahrgeld nach Schärding gebeten. Dann gebe ich ihm hundert Euro und kaum drehe ich mich um, stiehlt er mir eine Packung Taschentücher. Leute, die wenig haben, raffen alles an sich, nach dem Motto: Wer weiß, wann ich wieder etwas bekomme. Wenn mir heute einer Geld stiehlt, denke ich: selbst schuld.

Wie anstrengend ist es, ständig aufs Geld zu schauen?

Das ist mühsam, aber es gehört halt dazu.

Wie viel Geld brauchen Sie selbst zum Leben?

Nicht viel. Am Abend kaufe ich mir zwei Wurstsemmeln, das reicht.

Wann haben Sie sich das letzte Mal etwas gegönnt?

Das weiß ich nicht. Auf Urlaub fahre ich nicht, mein letzter war 1976. Kaufen tu ich mir ja auch nichts. Wenn mich hier mal der Schlag trifft, was sicher passieren wird, dann können Sie meine Sachen in ein Sackerl geben und in den Mist hauen.

Warum ist Ihnen Besitz nicht wichtig?

Früher hatte ich mal einen Stapel schöne Bücher, die stehen in der Wohnung meiner Eltern, wo jetzt mein Bruder wohnt. Die schaue ich aber gar nicht mehr an. Mir sind andere Dinge wichtiger geworden.

Liegt es auch daran, dass Sie immer mit Leuten zu tun haben, die gar nichts haben?

Klar, das auch. Früher habe ich das erste Mal am Tag um 18 Uhr etwas gegessen. Ich kann ja nicht vor jemandem meine Wurstsemmeln auspacken, der sagt, er habe schon seit drei Tagen nichts mehr gegessen.

Sie halten sich nicht nur durch Spenden über Wasser, sondern auch durch Leute, die hier ehrenamtlich arbeiten. Haben Sie viele solche Helfer?

Ja, schon. Ich habe einen für jede Sprache. Einen, der die Polen versteht, einen, der alle indischen Dialekte kann, einen Afghanen. Die sind nicht immer da, aber man kann sie anrufen. Dann habe ich noch ein paar Zivildiener.

Den Satz aus der Bibel – „Gib und dir wird gegeben“ – können Sie also unterschreiben?

Ja, sicher. Ich bekomme wahnsinnig viele Spenden. Interessanterweise auch von vielen ehemaligen Zöglingen, obwohl ich angeblich so eine grauslige Heimleiterin war. Es gibt auch viele Leute, die an ihrem Geburtstag auf Geschenke verzichten und sich lieber Spenden an die Frau Bock wünschen.

Was für Beträge werden gespendet?

Das ist unterschiedlich. Manche zahlen monatlich zwischen fünf und 50 Euro. Dann gibt es welche, die viel Geld auf einmal spenden. Einmal habe ich auf meinem Konto 30.000 Euro gefunden, von so einem Immobilienmenschen. Den habe ich angerufen, um zu fragen, ob das sein Ernst ist – ich dachte, er hat sich geirrt. Ich kann sie ja nicht verhungern lassen, hat er gesagt. In dem Jahr hat er mir noch zweimal 20.000 Euro gespendet. Als es mir einmal dreckig gegangen ist, habe ich ihn gefragt, ob er noch ein bisschen was hat. Da hat er mir nochmal 20.000 geschickt.

Würde es auch ohne solche Großspender gehen?

Nein. Dass nur die Armen spenden und die Reichen alles für sich behalten, ist meiner Meinung nach Unsinn. Es gibt überall solche und solche.

Das Haus, in dem wir sitzen, verdanken Sie Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner. Wie kam es dazu?

In der Zeitung stand, dass es uns schlecht geht. Kurz darauf bekam ich einen Anruf, dass ich zu einer Steuerberatungskanzlei gehen soll. Dort warteten drei Herren, die mich zwei Stunden lang ausfragten. Als ich wieder zu Hause war, rief mich der Haselsteiner an und fragte: ,Wie viel brauchen Sie, damit Sie gut schlafen können?‘ Nach oben gibt es keine Grenze, habe ich ihm geantwortet. Dann hat er mir 100.000 Euro überwiesen und von da an 20.000 Euro pro Monat.

Was machen Sie, wenn Sie so viel Geld auf einmal bekommen?

Dann zahle ich erst mal alle offenen Rechnungen. Ich muss ja am Anfang jedes Monats eine Unmenge von Monatstickets der Wiener Linien bezahlen. Ich kann ja niemanden zum Deutschkurs schicken und ihm dann sagen, er soll schwarzfahren.

Steht hier manchmal auch das Inkassobüro vor der Tür?

Ja, aber die kennen mich schon. Der Gerichtsvollzieher kennt mich schon von früher. Wirklich etwas mitnehmen können sie aber nicht, das gehört alles dem Verein.

Zur Person

Ute Bock, Jahrgang 1942, hat ihr Leben lang als Erzieherin gearbeitet, seit 2002 ist sie offiziell in Pension. Seit Mai betreibt Bock in der Zohmanngasse im zehnten Wiener Gemeindebezirk eine Zufluchtstätte für Flüchtlinge, die auch Asylwerbern als Unterkunft dient. Schon einmal kam Bock mit dieser Adresse in Berührung: 1969 arbeitete sie dort als Angestellte der Gemeinde Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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