Alfred Heinzel: "Keine Freude mit einem dicken Konto"

Der Papierindustrielle Alfred Heinzel sprach mit der "Presse" über seine späte Berufung zum Unternehmertum, seine alten Jagdfreunde und seine Zeit als Chef der Staatsholding ÖIAG.

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(c) Clemens Fabry

Die Presse: Sie haben ein Leben lang als Manager in Konzernen gearbeitet und wurden erst sehr spät Unternehmer. War der Umstieg hart?

Alfred Heinzel: Nein. Aber wahrscheinlich war meine persönliche Einstellung auch schon vorher sehr unternehmerisch geprägt. Ich habe lange Jahre in der Papierfabrik meines Onkels gearbeitet – bis er plötzlich alles verkauft hat. Mich hat er damals quasi mitverkauft, was mich in dem Moment schon sehr enttäuscht hat. Heute bin ich froh darüber, dass ich mein Unternehmen danach selbst aufbauen durfte.

Sie haben viele Jahre später die alte Firma Ihres Onkels zurückgekauft. Warum?

Naiv wie ich war, habe ich ursprünglich geglaubt, dass ich einmal einen Teil der Firma meines Onkels bekomme. Mein Onkel war ein toller Unternehmer, aber ein harter Mann. Er hat immer gesagt: Ein geschenkter Gaul ist nichts wert. Im Nachhinein muss ich sagen, dass er recht hatte. Aber wie dieser Kauf zustande gekommen ist, das gäbe es heute nicht mehr.

Warum das?

Die Initiative ging damals von einem Bankvorstand aus, dem Dr. Ludwig aus der Girozentrale. Er hatte Sorge, dass die Schweden, die die Papierfabrik damals hielten, auch das Handelsgeschäft an sich ziehen könnten und er damit die letzten Kredite verlieren würde. Also hat er mit uns gemeinsam die Übernahme organisiert. Heute würde keine Bank dieses Risiko eingehen. Diese typischen Banker von früher, die dich ansehen und sagen „Ich borge dir Geld“, gibt es nicht mehr. Heute sind sie alle Compliance Manager und Juristen, die nach einer Matrix bestimmen, wer kreditwürdig ist und wer nicht. Dieser Dr. Ludwig, der hat die Strabag groß gemacht, der hat Metro groß gemacht, Spar. Das war ein Mann, der gewusst hat, wo man investieren kann.

Wer übernimmt diese Aufgabe jetzt?

Der letzte echte Banker war Karl Sevelda (früher Firmenkundenchef bei der Raiffeisen Zentralbank, heute Vorstandschef der Raiffeisenbank International, Anm.). Er hat damals noch wirklich persönlichen Kontakt zu seinen Großkunden gepflegt.

Ist das Verschwinden dieser Banker ein Fehler der Regulatoren oder der Bankhäuser selbst?

Die Banken haben in der Vergangenheit furchtbare Dummheiten gemacht, keine Frage. Aber das klassische Banking leidet unter den Schweinereien, die in anderen Teilen des Geschäfts passiert sind. Es gibt diese Manager von damals heute einfach nicht mehr, weil die Rechtsabteilung mehr zu reden hat als die Kreditabteilung.

Um welchen Betrag ging es damals?

Die Firma hat damals, in den 1990er-Jahren, 298 Millionen Schilling gekostet. Dr. Ludwig hat mich gefragt: „Wie viel Geld haben Sie?“ Ich habe gesagt „2,5 Millionen Schilling“, worauf er meinte: „Das ist aber nicht viel.“ Und die Sache war erledigt. Dann hat die Bank ein „Leveraged-Buy-out“ (eine fremdfinanzierte Übernahme, Anm.) gemacht. Ich bin gelernter Maschinenbauer und hatte damals keine Ahnung, was das ist. Aber ich wollte das Unternehmen unbedingt haben.

Offenbar hat sich der Schritt in die Selbstständigkeit ausgezahlt.

Man macht das nicht für Geld, sondern für die Freiheit, die man als Unternehmer hat. Das ist für mich das größte Gut, das es gibt. Man muss nicht erst hundert Leute fragen, sondern kann selbst entscheiden und die Verantwortung dafür tragen. Geld, das ich verdient habe, interessiert mich nicht mehr. Mit einem dicken Bankkonto habe ich keine Freude. Wir investieren praktisch alles, was wir verdienen, wieder in das Unternehmen. Ein Zinshaus oder eine neue Maschine sind mir lieber als Aktien und Wertpapiere.

War das Thema Geld und Unternehmertum in Ihrer Kindheit präsent?

Mein Großvater war Unternehmer, Grossist, und ist in den Zwanzigerjahren pleitegegangen. Mein Vater wurde Landwirt, weil der Großvater auch eine Landwirtschaft gehabt hat. Und mein Onkel war offensichtlich so geprägt von Sparsamkeit und Ehrgeiz, weil er sowohl die gute Zeit der Familie erlebt hat als auch die Pleite. Er hat Angst gehabt vor den Banken und hat immer gesagt: „Fredi, vertrau den Banken nicht.“ Keine Abhängigkeit von Banken war sein Credo. Und deshalb hat er auch nichts geteilt. Aber ich habe bei ihm eine Freiheit erlebt, die mich sicher auch geprägt hat.

Wirklich bekannt wurden Sie in den Nullerjahren als Aufsichtsratschef der Staatsholding ÖIAG. Im Nachhinein gab es viel Kritik. Auch daran, dass man sich dort gegenseitig Posten zugeschoben habe. Wie sehen Sie das heute?

Ich sehe das relativ nüchtern. Als wir im Jahr 2000 angefangen haben, war die Zinsenlast drei Mal so hoch wie die Dividendenerträge. Also musste etwas geschehen. Bis zu meinem Ausscheiden 2006 haben wir keine gravierenden Fehler gemacht. Mich stört nur, dass wir nicht erkannt haben, was in der Telekom an Bestechungen gelaufen ist. Aber als Minderheitsbeteiligter konnten wir auch nicht in alle Bücher hineinschauen. Dafür gab es ja in den Firmen Aufsichtsräte.

Und was sagen Sie zur Kritik an der „Selbsterneuerung“ der ÖIAG? Der Aufsichtsrat konnte selbst entscheiden, wer Mitglied wird, weshalb ihm Vetternwirtschaft vorgeworfen wurde.

Ich habe die Leute überhaupt nicht gekannt.

Wir dachten, es handelte sich um alte Jagdfreunde.

Gekannt habe ich von der Jagd genau einen in der ÖIAG, den Veit Sorger. Das wars. Das sind also nur dumme Gerüchte.

Aber Sie verdanken den Job doch Ihrem alten Freund Thomas Prinzhorn, oder?

Ich bin in Madrid gesessen und habe meinen Hochzeitstag gefeiert, als mich Thomas Prinzhorn, den ich seit 50 Jahren kenne, angerufen hat und gesagt hat: Du musst Aufsichtsrat der ÖIAG werden. Ich habe gesagt, ich habe dafür keine Zeit. Ich bin Vorstand in einem börsenotierten Konzern (dem schwedischen Papierunternehmen SCA, Anm.) und kann nicht Aufsichtsrat spielen. Es hat geregnet, die Familie war zerrissen, weil ich nur noch unterwegs war. Dann ist mit den Kindern eine Diskussion entstanden, und plötzlich ruft der Grasser (Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, Anm.) an und sagt: Herr Präsident, Sie müssen das machen, sonst wird es Hans-Peter Haselsteiner (ehemaliger Strabag-Chef, Anm.). Ich musste mich am selben Tag entscheiden und habe von einer Minute auf die andere Ja gesagt. Das war für mich auch der Startschuss, die Zellstofffabrik Pöls zu kaufen und damit Industrieller zu werden.

Wie groß war der politische Druck auf Sie als ÖIAG-Aufsichtsratspräsident?

Wilhelm Molterer (ehemaliger ÖVP-Klubobmann) und Prinzhorn haben geglaubt, sie können die ÖIAG führen. Daran ist meine alte Freundschaft mit Prinzhorn fast zerkracht. Sobald wir ein Postkastel abmontiert haben, hat es Molterer gewusst. Karl-Heinz Grasser war diesbezüglich sehr in Ordnung. Seine größte Schwäche war meiner Meinung nach, dass er keine Menschenkenntnis hatte.

Heute gehören Sie zu den 100 reichsten Österreichern. Sind Sie oft mit Neid konfrontiert?

Ich sage, ich bin ein reicher Mann, aber nicht, weil ich Geld habe, sondern weil ich eine Familie, gesunde Kinder und gesunde Enkelkinder habe. Alle arbeiten, sind fleißig und nicht abgehoben. Das ist ein Riesenglück. Ich habe eine tolle Firma und meine Landwirtschaften, in denen ich aufgehe. Das ist Reichtum. Ich wüsste nicht, was mir fehlt. [ Fabry]

ZUR PERSON

Alfred Heinzel (*1947) ist gelernter Maschinenbauer und einer der bekanntesten Papierindustriellen Österreichs. Heinzel arbeitete in der Papierfabrik seines Onkels, bevor dieser das Unternehmen an die schwedische SCA verkaufte. Heinzel war dort Topmanager. Von 2000 bis 2006 war er Präsident der Staatsholding ÖIAG. 2013 kaufte er die SCA Laakirchen zurück und formte mit der bestehenden Papierhandelsfirma die Heinzel Group.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2016)

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