Sepp Eisenriegler: "Ich war für viele ein rotes Tuch"

Sepp Eisenriegler hat sich der Reparatur alter Haushaltsgeräte verschrieben. Er erzählt, wie er knapp an der Insolvenz vorbeischrammte und warum billige Waschmaschinen teuer sind.

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(c) Clemens Fabry

Die Presse: Sie sind ein vehementer Gegner der „geplanten Obsoleszenz“, kritisieren also, dass bei Elektrogeräten die Lebensdauer absichtlich begrenzt wird. Werden Ihre Haushaltsgeräte tatsächlich so schnell kaputt?

Sepp Eisenriegler: Bei mir privat nicht, denn ich bin gescheit: Wenn ich ein Gerät brauche, kaufe ich ein gebrauchtes, runderneuertes bei uns im Reparatur- und Servicezentrum R.U.S.Z. Aus ökologischer Sicht ist das die zweitbeste Lösung. Die beste Art ist, sein Gerät reparieren zu lassen. Die Preise für Neugeräte beruhen auf Ausbeutung – der Rohstoffe in den Ländern des Südens und der Arbeitskräfte in den Schwellenländern. Wir, mit der Reparatur, tun uns da schwer, mit den Preisen für billige Neugeräte mitzuhalten.

Sie bieten im R.U.S.Z. auch die Reparatur von Altgeräten an. Bei Ihnen kostet die Stunde allerdings 120 Euro.

Sie müssen aber berücksichtigen: Wenn einer meiner Techniker monatlich 1800 Euro überwiesen bekommt, dann liegen seine wahren Kosten bei 3500 Euro. Im Gegensatz dazu hat der umsatzstarke Elektrohandel relativ geringe Personalkosten und kann billig anbieten. Da überlegen sich Kunden: Soll ich das wirklich reparieren lassen, wenn ich ein Neugerät darum bekomme? Aber auch Neugeräte sind nur vermeintlich billig. Wir haben festgestellt, dass Waschmaschinen so designt werden, dass sie pro 100 Euro ein Jahr laufen, und dann sind sie wirtschaftlich nicht reparierbar.

Meine Waschmaschine war nicht teuer und hält schon länger.

Ich spreche von Neugeräten. Das ist eine Geschichte der letzten fünf Jahre. Was macht ein Vorstand, um den Umsatz zu steigern, wenn bereits jeder eine Waschmaschine hat? So ist die Idee der geplanten Obsoleszenz zum Einsatz gekommen. Auch die Geschichte mit der Energieeffizienz ist PR-Aktion. Mit einer „A+++“-Waschmaschine verbraucht man genauso viel Strom wie mit einer alten ohne Plus nach dem A, außer bei einem einzigen Programm. Der Energieeffizienzvorteil für Umwelt und Geldbörsel ist enden wollend. Studien zufolge sind Millionen Waschmaschinen allein in Deutschland weggeschmissen worden, weil die Leute so auf das Energielabel abfahren.

Sind Ihre Kunden eher umwelt- oder preisbewusst?

Es hat sich stark gewandelt. Als wir vor 20 Jahren aufgesperrt haben, hatten wir die Nachkriegsgeschädigten, die nichts wegschmeißen konnten. Das waren weitgehend Pensionisten. Aber da ich einen Drang zur Verbesserung der Welt verspüre, mache ich Projekte mit Unis. Da habe ich mich bemüht, ein jüngeres Publikum zu überzeugen.

Und womit haben Sie Jüngere angesprochen – mit dem Öko-Argument oder der Preisersparnis?

Eher mit dem Öko-Argument, wobei das eine das andere nicht ausschließt. Wenn ein Student drei Jahre in Wien ist, dann denkt er nicht darüber nach, wie er 20 Jahre billig wäscht.

Und wer kauft dann 1000-Euro-Waschmaschinen?

Ich habe den Spruch geboren: Nur Reiche waschen billig. Wenn eine Waschmaschine eingeht, muss man 800 bis 1200 Euro verfügbar haben. Wenn jemand schon überfordert ist, die Schulsachen für sein Kind zu kaufen, wie soll sich der eine teure Waschmaschine kaufen?

Bei einem Elektrohändler einen Kredit aufzunehmen, empfehlen Sie wohl nicht.

Nein, ich empfehle überhaupt nicht, Kredite aufzunehmen. Ich habe zwei. Und wäre ich noch einmal vor die Wahl gestellt, würde ich sie nicht aufnehmen.

Warum?

Wir haben für unser Haus einen Kredit aufgenommen. Den zweiten Kredit musste ich aufnehmen, um mit der Firma nicht in die Insolvenz zu rutschen. Dafür musste ich persönlich haften. Und wenn jetzt ein Sommerloch eintritt und ein Kredit fällig gestellt wird, und die Bank versteigert unser zu drei Vierteln abbezahltes Reihenhaus, dann bin ich der Sozialfall und stehe auf der Straße. Das letzte Mal wurden 30.000 Euro fällig gestellt. Das klingt lächerlich, nur blöderweise hatte ich nichts mehr. Ich hatte schon alle Verwandten mit dem Hut in der Hand besucht. Mein Privatvermögen, rund 100.000 Euro, hatte ich längst in die Firma gesteckt.

Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, einen Reparaturservice zu gründen?

Es war die Gefahr von Burn-out. Ich hatte die Umweltberatung Wien gegründet und mich da ganz tief hineingekniet. Das ist vielleicht mit ein Grund dafür, dass ich schon das dritte Mal verheiratet bin, weil ich ein Workaholic bin. Ich habe versucht, die österreichischen Haushalte zu indoktrinieren, möglichst abfallarm einzukaufen. Ich hatte drei Auftritte pro Woche in Volksschulen und Kindergärten.

Das war Ihnen dann zu viel?

Nicht die Arbeit, aber der Erfolg war schlecht messbar, und der, der messbar war, war auch nicht gerade eine Belohnung für meine Hyperaktivität. Ich habe mich darum bemüht, dass die Abfallmengen pro Kopf sinken, sie sind allerdings gestiegen. Aber ich habe von sozialen Unternehmen in Deutschland und Frankreich gehört, die etwas Ähnliches wie das R.U.S.Z gemacht haben. Da ging es endlich nicht mehr nur um Verpackungen, sondern um Elektrogeräte mit vielen gefährlichen Bestandteilen. Und ich wollte auch etwas tun, das Langzeitarbeitslosen hilft. Wir haben es geschafft, 71 Prozent nach einem Jahr wieder in Dienstverhältnisse zu vermitteln.

Damit haben Sie aber aufgehört. Warum?

Das AMS, das uns die Leute zugebucht hat, hat sein Konzept geändert und die maximale Verweildauer bei uns von zwölf auf sechs Monate reduziert. Und es hat weniger Geld pro Person gegeben. Sie haben uns auch nicht mehr beauftragt, weil wir zu wählerisch waren. Dabei haben wir Schmieden, Schweißern und Fotografen das Reparieren von Waschmaschinen übertragen.

Das AMS hätte gewollt, dass Sie jeden nehmen?

Genau. Aber wenn ich jemanden weder entschulden noch ihm entsprechend Deutsch beibringen kann, dann kann ich ihn auch nicht vermitteln.

Aber Sie wollen künftig auch Flüchtlinge ausbilden.

Mit meiner Erfahrung fühle ich mich fähig, da etwas beizutragen. Wir haben in den vergangenen Jahren Curricula entwickelt für die Zielgruppe benachteiligter Jugendlicher, um sie zu Elektroaltgeräte-Fachkräften auszubilden. Diese Curricula wollen wir jetzt auch Flüchtlingen anbieten, die schon eine Vorerfahrung im Heimatland haben oder handwerklich nicht ganz ungeschickt sind. Parallel dazu finden Deutschkurse statt.

Ärgern sich die Gerätehersteller über Sie?

Das ist auch im Wandel begriffen. Am Anfang war ich für viele ein rotes Tuch. Aber da sich die EU endlich entschlossen hat, das Konzept der Circular Economy in Angriff zu nehmen, muss die Industrie das schlucken, und deswegen werden aus Intimfeinden Kooperationspartner. Jetzt wollen viele Hersteller mit mir kooperieren. Jetzt treffen sich die Leute von Bosch Siemens Hausgeräte mit mir. Mit der Firma Miele werde ich einen Servicevertrag abschließen. Die klassischen Hersteller von Wegwerfprodukten sitzen aber zumeist in China und Umgebung und gehen mich nicht an.

Das sind ja gute Aussichten für Ihr Geschäft.

Durchaus, unser Modell ist zukunftsfähig. Heuer werden wir wahrscheinlich erstmals seit Langem wieder Rücklagen bilden. Und spätestens 2020 wird sich beim Konsum etwas ändern. Das müssen wir halt noch erleben. [ Fabry ]

ZUR PERSON

Sepp Eisenriegler (*1953) hat 1998 das R.U.S.Z. als sozialökonomischen Betrieb gegründet und 2007 privatisiert. Das Unternehmen repariert Elektroaltgeräte und verkauft Second-Hand-Geräte. Von 1988 bis 2007 war Eisenriegler Umweltberater in Wien. Er tritt auch als Lobbyist für Nachhaltigkeit in Brüssel auf und ist Mitinitiator des EU-Dachverbands RReuse, der darauf drängte, Reparatur und Wiederverwendung in der Elektroaltgeräte-Richtlinie prominent zu platzieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2016)

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