Heinz Lichtenegger: "Was ich produziere, braucht kein Mensch"

Die Liebe zu Plattenspielern hat Heinz Lichtenegger zum Weltmarktführer in dieser Nische gemacht. Der "Presse" erzählte er von seinem Weinviertler Charakter und wie er jeden Zweiten aus seinem Ort zum Hi-Fi-Freak machte.

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„Classic“-Plattenspieler mit dem EISA Award ausgezeichnet – (c) Audio Tuning Vertriebs GmbH

Die Presse: Herr Lichtenegger, zu einer Zeit, als die CD ihren Höhepunkt erreichte, haben Sie sich auf den Verkauf von Plattenspielern konzentriert. Warum?

Heinz Lichtenegger: Als die CD aufkam, war sie mir suspekt. Selbst der teuerste CD-Spieler hatte damals keine Chance gegen einen Plattenspieler, weil die Platte klanglich überlegen war. Abgesehen davon konnte ich mir damals keinen CD-Spieler leisten, die Platten waren dafür gratis, weil sie von allen weggeschmissen wurden.

Heute ist Ihr Unternehmen Weltmarktführer bei Hi-Fi-Plattenspielern. Wie kam es dazu?

Das war reiner Zufall. Ende der 80er-Jahre ist die gesamte Plattenspielerproduktion zusammengekracht, gleichzeitig fiel der Eiserne Vorhang. In Tschechien gab es damals ein Tesla-Werk, das Plattenspieler produzierte. Die Fabrik sperrte gerade zu, als ich zufällig ein Mädchen aus Tschechien kennenlernte. Sie brachte mir einen Plattenspieler aus besagtem Werk mit, ein tolles Gerät. Dann bin ich in die Fabrik gefahren und habe gesagt: Genau das Produkt hätte ich gern.

 

Wie haben sie denn reagiert?

Sie haben mich natürlich gefragt, was ich hier mache. Letztendlich konnte ich die Direktoren der Fabrik aber überzeugen, mithilfe ein paar alter Techniker eine kleine Produktion aufzubauen. Ich habe den Plattenspieler nur modifiziert, ihn mit modernen Materialien besser und günstiger gemacht. Mit 50 Leuten haben wir angefangen, heute sind wir knapp 500 Leute und bauen aus.

Woher hatten Sie das Geld für die Produktion?

Das war das Geld, das ich mit dem Handel für Hi-Fi-Geräte verdient hatte. Ich habe mit dem Geschäft schon früh begonnen. Als ich noch bei meinen Eltern gelebt habe, verkaufte ich Hi-Fi-Anlagen, indem ich den Gewerbeschein der Tankstelle meiner Mutter nutzte. Später habe ich das Ganze von meiner Wohnung aus gemacht. Mein Glück war, dass ich ein guter Verkäufer war und durch meinen Handel viele Leute kannte. Für vieles, das ich eingekauft habe, hatte ich schon vorher einen Käufer. Als Plattenspielerproduzent musste ich zu Beginn also auch nicht viel verdienen, da ich bereits ein Einkommen hatte.

 

Und wer kaufte Hi-Fi-Anlagen an einer Tankstelle?

Freunde. Ich komme aus einem kleinen Ort. Dort habe ich jeden Zweiten zum Hi-Fi-Freak gemacht. Ich hatte selbst eine Anlage und habe sie den anderen vorgespielt. Ich war immer berühmt dafür, eine gute Anlage für 10.000 Schilling (rund 730 Euro) zusammenstellen zu können.

 

War es Ihnen immer wichtig, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen?

Mir ist gar nichts anderes übrig geblieben. Wir hatten kein Geld, meine Eltern haben ihren sechs Kindern aber trotzdem die Möglichkeit gegeben, zu studieren oder zumindest die Matura zu machen. Das war damals fast eine Unmöglichkeit, die Ausbildungsverhältnisse waren wesentlich elitärer als heute. Und so haben wir uns alle durchgekämpft. Wenn ich von der Schule nach Hause gekommen bin, habe ich Tankstellendienst gemacht. Darüber wurde gar nicht diskutiert, das war einfach so. Über Selbstständigkeit habe ich mir dann auch nie Gedanken gemacht, weil ich immer selbstständig war.

 

Hatten Sie nie Angst, auf die Nase zu fallen? Den Sicherheitspuffer Eltern hatten Sie ja nicht.

Nein. Aber genau darin sehe ich ein Problem, dass das heute alles anders ist. Jeder, der heute anfängt zu arbeiten, will ein gutes Fixum haben, aber kein Risiko eingehen. Man bekommt auch keine Außendienstmitarbeiter mehr. Früher hat ein klassischer Außendienstmitarbeiter eine Provision bekommen, mit der er sein Auto und sein Telefon bezahlt hat. Heute will man ein festes Gehalt, eine kleine Provision und zusätzlich ein Auto. Der ganze Staat ist nur auf das Thema Sicherheit konzentriert. So wird man aber keine Unternehmer erziehen.

 

In den vergangenen Jahren ist die Schallplatte wieder populär geworden. Wie haben Sie von diesem Trend profitiert?

Den Boom haben wir erzeugt. Wir waren eine der treibenden Firmen auf dem Weltmarkt. Unsere Produkte sind von hoher Qualität und trotzdem für jeden leistbar. Früher war der Konsument gezwungen zu entscheiden, ob er sich Plastikschrott aus Hinterchina um 100 Euro zulegt oder einen Plattenspieler für 5000 Euro.

 

Dazwischen gab es nichts?

Nein. Die guten Plattenspielerhersteller aus den 90er-Jahren sind alle in Konkurs gegangen. Unser meistverkauftes Modell haben wir 1998 entwickelt, es war auf junges Publikum ausgerichtet und hat viele Leute begeistert, was die Rückkehr der analogen Welt eigentlich erst ermöglichte. Heute hat fast jeder analoge Plattenspieler im Angebot. Abgesehen davon können die Künstler mit Platten wesentlich mehr verdienen. Bill Gates hat einmal gesagt: Da der Kunde erwarte, dass alles gratis sei, werde er nur für Qualität und Haptik bezahlen.

 

Würden Sie dem zustimmen?

Heute kann man nur gewinnen, wenn man die Emotionen des Kunden weckt. Das, was ich produziere, braucht kein Mensch, daher braucht man auch die Liebe dazu. Die Leute sind aber bereit, den Sachen Liebe entgegenzubringen. Abgesehen davon, wenn jemand für ein Erlebnis im Musikverein mehrere Hundert Euro zahlen will, wieso sollte er dann zuhause aus einem Kofferradio Musik hören?

 

Wer kauft Ihre Plattenspieler?

Genussmenschen, die sich etwas Gutes tun wollen, das sind auch die Hauptkunden, auf die wir abzielen. Von denen haben wir immer gelebt. Natürlich haben wir auch Freaks, so wie sie es etwa in der Weinbranche gibt. Die machen aber nur die Butter aufs Brot.

Sie verkaufen ja auch Plattenspieler für mehrere Tausend Euro. Wer kauft diese? Angeber?

Die typischen Freaks oder jene, deren finanzielle Möglichkeiten im Laufe der Jahre gewachsen sind. Wir sehen in der Preisklasse 1000 bis 2000 Euro unglaubliche Anstiege. Das heißt, die Kunden kommen nach zehn Jahren wieder zurück, weil sie mehr wollen. Anders als in den 80er-Jahren ist Hi-Fi heute nichts mehr zum Angeben. Früher gab es in jedem „Playboy“-Magazin drei Seiten über das Thema.

Was leisten Sie sich heute, da es Ihnen finanziell besser geht?

Ich habe nie über Geld nachgedacht und mache das auch heute noch nicht. Aber natürlich leistet man sich mehr, wobei ich einen Weinviertler Charakter habe.

 

Soll heißen?

Ich tu mir schwer beim Geldausgeben. Privat lebe ich im Weinviertel auf einem renovierten Bauernhof. Das war mir lieber als irgendeine 200-Quadratmeter-Wohnung in Wien. Für mich ist es vor allem wichtig, Visionen für meine Firma zu haben. Ich bekäme für die Marke Pro-Ject auf dem Weltmarkt so viel Kohle, dass ich nichts mehr arbeiten müsste.

 

Und würden Sie verkaufen?

Nein, sicher nicht, ich habe ja Spaß und brauche keine Insel. Österreich ist wunderbar, die Leute wissen nicht, in welchem Schlaraffenland sie leben. [ Michèle Pauty ]

ZUR PERSON

Heinz Lichtenegger (*1961) betreibt mit der Firma Audio Tuning einen Großhandel für Hi-Fi-Geräte. Sein zweites Standbein ist die Eigenmarke Pro-Ject Audio Systems, die er im Jahr 1990 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gegründet hat. Das Unternehmen ist heute Weltmarktführer bei Hi-Fi-Plattenspielern. Lichtenegger baut derzeit ein neues Headquarter im Bezirk Mistelbach (Niederösterreich).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2016)

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