Schretzmayer: "Nachdenken über die Krise ist ermüdend"

Schauspielerin Doris Schretzmayer spricht über finanzielle Unabhängigkeit als Haltung, Frauen mit handfesten Problemen und die Leere zwischen zwei Aufträgen und erklärt, warum sie ihr Geld nicht bei Gucci oder Prada lässt.

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Doris Schretzmayer – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Sie waren mit 25 Jahren bereits eine erfolgreiche Moderatorin. Diese Karriere haben Sie an den Nagel gehängt, um Schauspielerin zu werden. Eine gute Entscheidung?

Doris Schretzmayer: Ich habe damals gut verdient, Mitte der Neunzigerjahre haben alle gut verdient. Mit neunzehneinhalb war ich von den Eltern finanziell unabhängig. Aber ich habe bald gemerkt, dass ich beruflich nicht erfüllt war und mich verändern wollte. Ich habe mit privatem Schauspielunterricht begonnen und zwei kleine Rollen gespielt. Dann wurde ich für die Krimiserie „Die Neue“ gecastet. Als ich das bekommen habe, war mir klar: Ich will nur noch das machen.

War es ein finanzieller Abstieg, als Sie Schauspielerin wurden?

Nein, ich hatte ja gleich die Hauptrolle in dieser Serie und 160 Drehtage. Mein Weg war umgekehrt zu dem vieler Schauspieler: Ich hatte Erfolg als Moderatorin, dann sofort eine Hauptrolle, und habe erst im Lauf der Jahre gelernt, was es heißt, Schauspielerin zu sein und einen Stoff zu verstehen, bei dem ich nicht im Zentrum stehe. Es kamen dann auch dünnere Jahre mit kleineren Rollen. Und dazu kam, dass ich einen Autounfall hatte, bei dem ich leicht hätte sterben können. Ich spürte, ich musste mich auf die Suche begeben nach dem, was ich wirklich will. Ich habe gelernt, ein inneres Gefühl der Freiheit über alles andere zu stellen.

Hält das bis heute an?

Ja. Anfang 30 gab es noch eine Zäsur. Ich wollte komplexere Figuren spielen und habe ein paar TV-Produktionen abgelehnt. Da wurde mir aber etwas mulmig, weil ich Türen zugemacht habe, ohne dass sich sofort neue aufgetan hätten.

War das rückblickend richtig?

Ja, es kamen nach und nach spannendere Rollen. Es gibt Kollegen, deren Ziel ist es, finanziell unabhängig zu sein. Aber ich glaube, den Punkt gibt es nicht. Weil was heißt das? Dass man so viel Geld hat, dass man nichts mehr machen muss? Ich will immer etwas tun. Ich kenne Menschen, die haben Geld in fünf verschiedenen Immobilien investiert und fühlen sich immer noch nicht sicher. Weil sie das Gefühl haben, zu wenig Bargeld zu haben. Wie frei man sich fühlt, ist eine tägliche Entscheidung.

Sie haben viele Standbeine. Trägt das zu Ihrer Sicherheit bei?

Ach, es gibt auch immer wieder Phasen, wo sich scheinbar nichts tut, das gehört zu meinem Beruf. Da muss man lernen, mit Geld bewusst umzugehen. Wenn man sich überlegt, was man wirklich braucht, kann man sehr gut leben von gar nicht so wahnsinnig viel Geld. Ich fühle mich oft finanziell unabhängig. Für mich heißt das, im Moment genug zu haben und noch ein bisschen mehr. Aber ich komme aus bäuerlichen Verhältnissen und hatte nie das Gefühl, dass ich mein Geld bei Gucci oder Prada lassen möchte. Ich will in meine Weiterbildung und in Reisen investieren. Es ist die stete Veränderung, die mir Freiheit und Unabhängigkeit gibt.

Haben Sie sich in der Zeit, als Sie so gut verdient haben, einen finanziellen Polster aufgebaut?

Ja, und ich habe Teile davon schon verwendet. Ich habe das immer so gehandhabt: mir einen Polster aufgebaut, und wenn die Zeiten dünner wurden, darauf zurückgegriffen.

Woher kommt die Zuversicht, dass sich immer etwas ergibt?

Ich kenne Existenzangst, von Kollegen und mir selbst. Die Frage ist: Lasse ich mich davon einnehmen? Wenn ich drei Produktionen hintereinander gedreht habe, stellt sich eine Leere ein. Plötzlich ist das ganze Team um dich herum weg, du sitzt allein zu Hause, holst das Kind von der Schule ab und hast außer Kochen und Haushalt nichts zu tun. Und weißt nicht, wann der nächste Auftrag kommt. Diese Phasen kann ich mittlerweile ganz gut aushalten.

Sie sind schon einige Zeit im Geschäft. Wie haben sich die Gagen seither entwickelt?

Meiner Gage geht es gut, über andere kann ich es nicht sagen. Es gibt Low-Budget-Filme, weil die Filmproduktionen eben nicht mehr Budget aufstellen konnten. Da muss man abwägen, ob man es sich gerade leisten kann, für wenig Geld sehr viel Einsatz zu bringen. Ich versuche, eine gute Balance zu finden zwischen anspruchsvollen Filmen, die oft weniger Geld bringen, und lukrativeren Aufträgen.

Spürt man beim Film die Wirtschaftskrise?

Ich glaube, die spürt man überall. Aber ich finde dieses ständige Nachdenken über die Krise ermüdend. Wenn ich mir dauernd solche Gedanken mache, möchte ich doch morgens nicht aufstehen. Ich arbeite für den Verein Grow Together, der sich um Frauen aus sozial schwachen Schichten kümmert, die Mütter werden. Da komme ich mit Menschen zusammen, die handfeste Probleme haben. Seither frage ich mich oft: Worüber reden meine Kollegen eigentlich, wenn sie sagen, sie haben eine Krise?

Welche Rollen liegen Ihnen mehr, reiche oder arme Frauen?

Ich überlege mir bei jeder Rolle, wie die Person mit Geld umgeht. Im Film „Die dunkle Seite des Mondes“ spiele ich eine Frau, die viel Geld hat, ein Penthouse, einen Porsche, aber kaum Freunde, kaum gute Gespräche. Sie hat alles, aber eigentlich nichts, weil sie sich nur im Erfolg spürt. Ein anderes Mal spiele ich eine Frau Ende 30, deren Vater ihr Leben finanziert. Sie hat immer Geld, ohne zu arbeiten. Das konnte ich mir anfangs nur schwer vorstellen. Ich fand diese Rolle erst einmal unsympathisch. Erst mit der Zeit konnte ich mich einfühlen. In dem Film „Höhenstraße“ von David Schalko spiele ich eine Frau, die viel Mangel erlebt. Sie hat eine Ladung Vorwürfe, die sie mit sich herumschleppt. Es ist auch eine tolle Herausforderung, jemanden zu spielen, der sich so stark als Opfer fühlt.

Sie haben anfangs gesagt, Sie wollten vor allem Schauspielerin sein. Haben Sie jetzt das Gefühl, dass Sie angekommen sind?

Wenn mir eine Arbeit gut gelingt und ich das Gefühl habe, dass es wahrhaftig ist, habe ich in diesem Moment das Gefühl, ich bin angekommen. Aber insgesamt: nein.

Denken Sie an Ihre Pension?

Viele Menschen in meinem Freundeskreis sagen, sie wollen sich ein Haus finanzieren, in das sie sich später zurückziehen können. Ich habe aber noch nicht das Bedürfnis, mich irgendwo zur Ruhe zu setzen.

Sie sind also zuversichtlich, dass auch später etwas daherkommt?

Wenn ich komme, muss ja automatisch etwas kommen. (lacht) Ich meine das im Sinne von: Wenn ich meine Saatkörner klug in die Erde streue, wird etwas wachsen. Ich habe auch begonnen zu schreiben, habe Wege gelegt, von denen sich erst zeigen wird, wie sie sich entwickeln. Aber finanzielle Unabhängigkeit muss man umdefinieren. Sie hat nur bedingt etwas mit dem Kontostand zu tun. Geld zu haben, ist fantastisch, aber sich reich fühlen ist eine andere Sache und hat etwas mit Haltung zu tun.

Geld macht also Ihrer Ansicht nach nicht glücklich?

Das würde ich nicht sagen. Aber Reichsein existiert ja nur im Vergleich zu jemand anderem. Ich kann zwar sagen, dieses Jahr war erfolgreich. Aber wenn ich mich mit einer anderen Schauspielerin vergleiche, die doppelt so viele Drehtage hatte, war ich gar nicht so erfolgreich. Ich glaube, daran krankt auch die Welt: dass man beim anderen schaut und seine Kraft verliert. Einmal läuft es gut, dann nicht. Das kommt in Wellen.

Sie haben einen zehnjährigen Sohn. Will er auch Schauspieler werden?

Er möchte Angler werden. Das hat er gesagt: am Wörthersee leben, Angler sein, Geschichten schreiben und, wenn er Zeit hat, Theater spielen. Ich finde, das klingt nach einer guten Kombination. Heuer hat er erstmals mit mir Theater gespielt, „Odyssee“ bei den Melker Sommerspielen. Das war wunderschön.

ZUR PERSON

Doris Schretzmayer (*1972) startete ihre Karriere als Moderatorin bei Radio CD International und wechselte später zu Ö3. 1996 entschloss sie sich, primär Schauspielerin zu sein. Ein Jahr später erhielt sie die Hauptrolle in der Krimiserie „Die Neue“. Seitdem ist sie in Filmen, TV- und Theaterproduktionen zu sehen. Der Film „Was hat uns bloß so ruiniert“ läuft im Kino. Seit 4. November ist der Film „Höhenstraße“ von David Schalko auf DVD erhältlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2016)

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