„Wir brauchen mehr Geeks in dieser Welt“

Frank Thelen hat sich mit Start-up-Investments einen Namen gemacht. Warum seine Eltern eine andere Zukunft für ihn sahen und man sich als Gründer nie privat verschulden sollte, erzählte der Deutsche der „Presse“.

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Frank Thelen – (c) Sebastian Husche

Die Presse: Sie haben mit 18 Jahren Ihr erstes Unternehmen gegründet. Woher kommt Ihr Unternehmergeist?

Frank Thelen: Ich glaube, wenn man einmal verstanden hat, dass man die Welt verändern kann, dann trägt man ein Virus in sich. Sobald man sich mit diesem infiziert hat, wird man es nicht mehr los. Am Anfang erlebt man nämlich im kleinen Rahmen, dass man Dinge ändern kann. Danach hat man automatisch einen anderen Blick auf die Welt. Mit der Erfahrung und mehr Kapital kann man später größere Dinge ändern.

Also sollte jeder ein Unternehmer werden?

Nein, das ist totaler Blödsinn. Man muss definitiv der Typ dafür sein. Meistens sind Unternehmer – so wie ich auch – nicht die einfachsten Menschen. Das würden auch meine Freunde und mein Umfeld bestätigen. Aber dafür bewege ich etwas und bin immer wieder bereit, mit dem Kopf durch die Wand zu laufen.

Welchen Einfluss hatten Ihre Eltern auf Ihren Wunsch, Unternehmer zu werden?

Meine Eltern hatten darauf keinen Einfluss. Meine Mutter ist Kosmetikerin, mein Vater Vertriebsmann. Beide waren nie selbstständig tätig. Es ist bei uns stabil und bodenständig abgelaufen. Einzig mein Opa väterlicherseits war Unternehmer. Er hat sehr große Immo-Projekte in den USA realisiert, dort selbst Grundstücke gekauft, was zu dieser Zeit unvorstellbar war.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als klar war, dass Sie mit Software-Programmierung und Internet Geld verdienen wollen?

Die wollten das nicht. Für eine sichere Zukunft gehörte in ihren Augen eine feste Anstellung einfach dazu. Ihre Ansage war: Arbeite hart, studiere etwas, dann kannst du irgendwann mal zur Telekom gehen. Die ist hier in Bonn ein sehr großer und stabiler Arbeitgeber. Zu Hause hatte ich damals wirklich einen schweren Stand, und selbst heute noch ist meine Welt für meine Eltern schwer zu begreifen.

Trotz Ihres Erfolges?

Es ist immer noch eine Mischung aus Skepsis und Stolz. So langsam realisieren meine Eltern aber, dass das keine Blase ist. Die Start-up-Welt zu verstehen, kann man nicht von jedem verlangen. Nicht zuletzt deshalb mache ich die Sendung „Die Höhle der Löwen“, (Start-up-Show im deutschen Fernsehen, Anm.). Ich will so bei einem Massenpublikum das Verständnis dafür wecken. Und auch sagen: Gründen ist eine Alternative!

Sie bezeichnen sich selbst als Geek. Warum?

Ich liebe Technik. Jeder, der erfolgreich gründen will, muss ein Stück weit ein Hacker sein. Im Grunde geht es darum, das System zu übergehen. Diese Mischung aus Spieltrieb und Hacking ist mir geblieben. Ich muss die Drohnen fliegen und die neueste Virtual-Reality-Brille aufsetzen – ich möchte das einfach erleben. Das ist auch ein Grund dafür, dass mich der US-Autobauer Tesla so begeistert und ich mir das neueste Modell bestellt habe.

Braucht es mehr Geeks?

Ja, es braucht mehr Geeks in dieser Welt. Ich glaube, die Vorstände großer Konzerne müssen das auch werden. Wenn man nicht auf dem neuesten Stand der Technik ist, hat man kein Verständnis für Innovationen. Nur mit dieser Neugier können wir das in unsere Welt übertragen und auch in Europa selbstfahrende Autos bauen.

Was war Ihr erster Computer? C64 oder Amiga 500?

Ich bin erst sehr spät eingestiegen. Es war ein 386SX mit 50 MB Festplatte und 4 MB-RAM.

Sie haben schon viele Firmen gegründet und in viele investiert. Was sind die aus Ihrer Sicht erfolgreichsten Projekte?

Mein erster großer Erfolg war eine Fotoserviceplattform, bei der man Bilder von der Digitalkamera online mit der Familie teilen kann. Happy-Foto in Österreich ist etwa einer der großen Kunden. Unsere Firma ip.labs hat das Unternehmen ohne einen Euro Investment zum Weltmarktführer mit über hundert Millionen Kunden aufgebaut. Wir haben die Firma dann an Fujifilm in Tokio verkauft. Das war mein erster wirtschaftlicher Erfolg, von dem aus alle anderen Dinge erst möglich wurden. Von der Investmentseite her war der größte Erfolg sicher die App „Wunderlist“, die wir für mehrere Millionen Euro an Microsoft verkauft haben. Mein derzeit größtes Projekt ist „Lilium Aviation“. In München bauen wir den ersten hundertprozentigen Elektrojet der vertikal starten und landen kann. Er fliegt 400 km/h schnell und 500 km weit und ist dabei extrem leise im Vergleich zu bestehenden Lösungen.

Erfolgsgeschichten sind motivierend. Aber Sie gehen auch offen mit dem Thema Scheitern um. Im Zuge der Dotcom-Blase mussten Sie Insolvenz anmelden. Was haben Sie daraus gelernt?

Scheitern gehört dazu. Jeder, der nicht bereit dazu ist, wird es nicht schaffen, exzellente Sachen zu bauen. Mit 20 Jahren habe ich privat mit einer Million gebürgt. Dann ist die Firma pleite gegangen. Das ist genau das, was man nicht tut. Als Gründer kann man kein Gehalt haben, man kann auch von Cornflakes leben und wieder bei den Eltern einziehen. Aber man darf sich nicht privat verschulden. Da hört der Spaß auf. Genau da ist die Grenze zwischen Mut und Dummheit. Und ich war damals dumm.

Gibt es Dinge, die Sie aus heutiger Sicht bereuen?

Was ich heute machen darf, empfinde ich als großes Geschenk. Habe ich in falsche Dinge investiert? Ja. Bin ich falsch abgebogen? Sehr oft. Das Wichtige ist aber, dass ich immer wieder aufgestanden bin. Deshalb würde ich sagen, dass ich nichts bereue. Vielleicht nur, dass ich zu wenig gefeiert habe.

Wie lang hat es schlussendlich gedauert, bis Sie Ihre erste Million auf dem Konto hatten?

Es hat relativ lang gedauert und ist mir erst mit dem Verkauf der Fotoservice-Software an Fujifilm im Jahr 2008 gelungen. Die Firma wurde zu einem zweistelligen Millionenbetrag verkauft, und ich habe zu diesem Zeitpunkt noch 75 Prozent der Anteile gehalten.

Was ist das wichtigste Kriterium für Sie, wenn Sie sich dazu entscheiden, in ein Unternehmen zu investieren?

Das Team und die Gründer. Ich muss spüren, dass die Leute bereit sind, mit mir durch die Hölle zu gehen. Ich muss spüren, dass sie echte Unternehmer sind und dass sie wachsen wollen. Und: Das Produkt, das sie präsentieren, muss das Potenzial haben, sehr, sehr schnell zu wachsen.

Haben Sie ein paar Tipps für Gründer?

Gründet wenn ihr etwas bauen und verändern wollt. Wenn ihr sagt: “Ich will dieses Produkt auf den Markt bringen, damit ein spezieller Bereich besser wird.“ Dann ist das die richtige Einstellung. Wer diesen inneren Antrieb nicht hat, wird scheitern.

Investieren Sie Ihr Vermögen ausschließlich in Start-ups oder sind auch Immobilien oder Gold ein Thema?

Ich investiere auch in klassische Anlageklassen. Ich habe in Gold investiert und ich habe in die Digitalwährung Bitcoin investiert. Ich bin aus beiden ausgestiegen, bei Bitcoin mit einem extrem hohen Gewinn und bei Gold mit plus minus null. Was ich heute mache, sind hochwertige Mischfonds, bei denen ich die Manager persönlich kenne.

Sie bezeichnen sich ja selbst als Multimillionär. Hat Sie das Geld verändert?

Ich selbst würde sagen, nein. Ich hoffe, meine alten Freunde würden sagen, „der ist so geblieben, wie er ist“. Aber ich sehe sie sehr selten, selbst meine Eltern sehe ich brutal wenig. Mein Terminkalender ist immer voll, und ich bin in ein Leben hineingerutscht, bei dem man auch aufpassen muss, wie lang man das alles noch mitmachen kann. Heute in der Früh habe ich eine Telefonkonferenz mit einem Prinzen gehabt, am Abend sitze ich mit zehn Milliardären am Tisch. Mein Leben ist schon irgendwie verrückt, aber ich hoffe, ich bleibe bodenständig und vor allem aufgeschlossen und freundlich allen Menschen gegenüber.

Früher haben Sie Ihren Ausgleich beim Skaten gefunden, welche Tricks können Sie noch?

Ich skate viel zu wenig. Einen „Kickflip“ kriege ich noch hin. Vier Stufen rauf oder runter springen kann ich auch noch. Und einen „360 Kickflip barrier“ würde ich nach einigen Stunden Training auch hinkriegen, aber auf keinen Fall auf Anhieb.

Haben Sie ein Lieblingsspiel auf der Konsole?

Ich spiele sehr sehr wenig. Wenn dann Assassins Creed.

ZUR PERSON

Frank Thelen (*1975 in Bonn, Deutschland) gründete mehrere Softwarefirmen und investierte in Start-ups wie Mytaxi, Kaufda und 6 Wunderkinder. Letzteres wurde für mehr als 100 Mio. Dollar an den US-Softwarekonzern Microsoft verkauft. Thelen gilt als einer der führenden europäischen Risikokapitalgeber. In der deutschen Start-up-Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ tritt er als einer von fünf Juroren auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2016)

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