"Ich bin eine schlechte Verkäuferin"

Sissy Mayerhoffer ist die oberste Spendensammlerin des ORF. Der "Presse" erklärte sie, warum man sich in jedem Jahr neu um Financiers bemühen muss und nicht jeder dafür geeignet ist, anderen zu helfen.

Sissy Mayerhoffer
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Sissy Mayerhoffer
Sissy Mayerhoffer – (c) Clemens Fabry

Die Presse: Sie sind für die sozialen Aktivitäten des ORF verantwortlich. In dieser Funktion koordinieren Sie zahlreiche Hilfsaktionen. Werden Sie gern als oberste Spendensammlerin bezeichnet?

Sissy Mayerhoffer: Es ist mit einer hohen Erwartungshaltung verbunden. Der gute Spendensammler kann man aber nur sein, wenn man ein so großes Medienunternehmen hinter sich hat.

Ist das Einsammeln von Spenden ein Selbstläufer oder finden Sie sich stets in einer Bittstellerposition wieder?

Man muss den Leuten die Not erklären und darum bitten, eine Sache zu unterstützen. Wir haben zwar viele langjährige Partner für „Licht ins Dunkel“, aber man muss schon jedes Mal fragen, ob ein Unternehmen im nächsten Jahr wieder dabei sein wird. Es ist jedes Mal ein neue Bitte. Es beginnt immer bei null.

Sie zittern also jedes Jahr?

Es ist kein Zittern, aber man kann keine Gewissheit haben. Man tut jedoch sehr viel, um präsent zu bleiben.

Sie waren früher kaufmännische Direktorin des ORF, Spendensammeln war also nicht gerade Ihr Metier. Wie gewöhnungsbedürftig war das für Sie?

Es ist ein Produkt wie jedes andere, man muss es genauso verkaufen.

Würden Sie sich als geborene Verkäuferin bezeichnen?

Ich finde, ich bin eine schlechte Verkäuferin.

Würde man anhand der Summen, die Sie sammeln, aber nicht erkennen.

Ich bin ja nicht allein. Es gibt viele, die mitarbeiten.

Hat Sie das Thema Spenden schon früher beschäftigt?

Ich bin seit 15 Jahren Obfrau im Heilpädagogischen Zentrum in der Hinterbrühl, einer Einrichtung für Kinder.

Empfinden Sie es denn als gesellschaftliche Verantwortung, anderen Menschen zu helfen?

Ja, ich finde das absolut wichtig. Aber jeder muss das für sich entscheiden. Verständnis haben ist das eine, das andere ist, den Leuten Schicksale näher zu bringen.

Ist es leichter zu helfen, wenn man ein Einzelschicksal vor sich hat, im Gegensatz zu einer anonyme Masse, wie etwa beim Krieg in Syrien?

Es gibt Menschen, die spenden für „Licht ins Dunkel“, und es gibt eine Gruppe, die spendet für Syrien. Das muss sich nicht decken. Ich stelle am Heiligen Abend aber oft fest, dass viele Ältere anrufen, die allein sind. Wenn man ein bisschen Leid und Schicksal im Leben spürt, spendet man, glaube ich, leichter. Auch weil man weiß, was es heißt, wenn es einem anderen schlecht geht.

Es wird häufig kritisiert, dass Einzelschicksale zu plakativ dargestellt werden.

Einzelschicksale zeigen wir nur mit Zustimmung der Betroffenen. Wenn wir Schicksale beschreiben, machen wir das vorwiegend im Hörfunk und nicht im Fernsehen. Ich finde, es ist nicht zwingend notwendig, Schicksale zu zeigen.

Warum?

Menschen mit Sozialnöten wollen sich nicht vor anderen demaskieren. Viele sind unverschuldet in so eine Situation geraten, fühlen sich aber schuldig und genieren sich.

Oft sagt man, mit Spenden kauft man sich ein reines Gewissen bzw. befreit sich davon, selbst etwas tun zu müssen. Können Sie einen solchen Vorwurf nachvollziehen?

Nein, das kann ich nicht. Nicht jeder ist dafür geeignet, einem anderen zu helfen. Mit Geld kann man dafür eine Leistung erbringen, so wie sie von anderen gebraucht wird. Deshalb ist es kein Freikaufen, sondern eine Unterstützung. Wenn jemand 500 Euro spendet, um einen Rollstuhl zu finanzieren, ist dem Betroffenen mehr geholfen, als wenn man ihm als Freiwilliger mehrmals eine Geschichte vorliest. Für viele ist es zudem nicht so, dass sie das Geld einfach hergeben, sondern selbst auf etwas verzichten.

Wie oft pro Jahr wird denn gespendet?

Jemand, der spendet, spendet mehrmals. Mittlerweile gibt es ja auch 1400 Vereine, die Spenden sammeln.

Ist das zu viel?

Es wird jedenfalls mehr, der Kuchen bleibt aber gleich.

Wie wichtig ist es Ihnen, die Spendeneinnahmen jährlich zu steigern?

So ein Ziel darf man sich nicht setzen. Ansonsten ist man nur enttäuscht. Man muss schauen, dass die Botschaft transportiert wird. Das ist genau so wichtig wie das Spenden.

Und wie sieht es mit Ihrer Erwartungshaltung aus?

Natürlich hat man den Ehrgeiz, das zu toppen. Aber wenn es nicht möglich ist, dann können wir das den Leuten auch nicht vorwerfen. Hat jemand früher 15 Euro gespendet und sind es jetzt noch zehn, sind wir auch für diesen Betrag dankbar.

Der ORF wird für „Licht ins Dunkel“ von vielen Prominenten unterstützt. Welche Rolle spielen sie für das Spendenaufkommen?

Sie sind sehr wichtig. Auch am Heiligen Abend am Telefon. Die Leute hoffen nämlich darauf, wenn sie anrufen, mit einer bestimmten Person oder einem der Prominenten sprechen zu können.

Wäre das Spendenvolumen ohne Prominente denn geringer?

Am Heiligen Abend sicher. Wobei an dem Tag nicht der Großteil gespendet wird.

Charity-Veranstaltungen werden oft kritisiert, weil viel Aufwand betrieben wird, um Spenden einzuheben. Bekommt Spendensammeln durch solche Events einen fahlen Beigeschmack?

Bei großen Veranstaltungen bin ich geteilter Meinung, etwa wenn Tische verkauft werden und der Sitzplatz 1000 Euro kostet. Mit dem Geld deckt man zunächst die Kosten ab, der Rest wird gespendet. Umgekehrt gäbe es auch keine Spende, wenn es das Essen nicht gäbe. Und es lebt wiederum ein Unternehmen, Leute werden beschäftigt. Das belebt die Wirtschaft.

Wie hat Sie die Arbeit für „Licht ins Dunkel“ verändert?

Man wird dankbarer. Aber man braucht auch eine gewisse Distanz, sonst wird es furchtbar. Es gibt jedoch immer wieder Fälle, die einem nahegehen. Ich bin ein relativ disziplinierter Mensch, auf der anderen Seite auch sehr lustig und lebe gern. Maßlos bin ich auch in vielen Dingen.

Das heißt was?

Ich esse gern, trinke gern ein Glas Wein, rauche jeden Abend.

Haben Sie Verständnis für Luxusprobleme?

So etwas interessiert mich nicht. Aber solche Probleme muss es auch geben. Doch denke ich mir dann: Sei froh, dass du nur diese Probleme hast.

Wie oft spenden Sie selbst?

Ich spende immer zu Beginn unserer ORF-Aktion, weil ich schaue, ob es funktioniert. Sonst spende ich auch.

Müssen Sie spenden, weil man Sie in dieser Rolle kennt?

Ich war kürzlich bei einer Veranstaltung, bei der ich nicht gespendet habe. Das geht nämlich schon auch ins Geld.

Haben Sie das Spenden von zu Hause mitgekommen?

Ja, das war bei uns immer wichtig. Und meinem Vater war es ein Anliegen. Er hat, glaube ich, nicht ein einziges Mal daran gedacht, dass er sich damit freikauft. Bis ins hohe Alter war es sein größtes Vergnügen, die Erlagscheine auszufüllen. Als er starb, mussten wir unglaublich viele Briefe mit dem Vermerk „verstorben“ zurücksenden.

ZUR PERSON

Elisabeth (Sissy) Mayerhoffer (*1955) ist seit dem Jahr 2010 Leiterin des Humanitarian Broadcasting im öffentlichen-rechtlichen Rundfunk ORF. Hilfsaktionen wie „Licht ins Dunkel“ und „Nachbar in Not“ fallen in ihren Verantwortungsbereich. Zuvor war Mayerhoffer kaufmännische Direktorin des ORF und Marketinggeschäftsführerin der Verlagsgruppe News.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2016)

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