Brenk Sinatra: "Ich sollte eigentlich in L.A. sein"

Direkt aus Kaisermühlen beliefert Musikproduzent Brenk Sinatra die Größen der amerikanischen Rap-Szene mit Beats. Ein Gespräch über Hip-Hop, Goldketten und den Traum, Österreich zu verlassen.

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(c) Fabry

Die Presse: Viele Leute reden nicht gern über ihr Geld. Beim Hip-Hop scheint das anders zu sein: Da wird gern geprotzt.

Brenk Sinatra: Das stimmt schon. Ich kann damit aber gar nichts anfangen. Rapper haben ganz andere Egos als wir Produzenten. Die stehen gern im Rampenlicht, und wir schauen, dass der Sound passt. Der Rest ist egal. Geld ist schon wichtig, Ruhm aber nicht so.

Kaum ein amerikanisches Rapvideo kommt ohne dicke Autos und schwere Goldketten aus. Ist das alles nur Show?

Nein. In den USA laufen die meisten in der Szene wirklich so herum. Understatement wie in Europa kennen die nicht. Es hat aber auch einen Grund, warum viele Rapper den Mund voller Goldzähne haben. Wenn jemand an einem Tag noch von Essensmarken lebt und am nächsten Tag 300.000 Dollar Vorschuss bekommt, passiert es eben, dass er sich um 200.000 ein Auto kauft, um 100.000 Ketten, und dann ist er wieder pleite. Mich kannst du mit Goldketten und Ringen aber jagen.

Aber Geld ist schon ein Thema, oder?

Klar, man muss ja auch Rechnungen bezahlen. Und irgendwann wird aus dem Hobby ein Beruf.

Sie sind mittlerweile ein gefragter Beat-Lieferant für die amerikanische Hip-Hop-Szene. Brauchen Sie noch einen Nebenjob?

Nein, seit einem halben Jahr nicht mehr. Vorher hatte ich einen Teilzeitjob in einem Sneaker-Store, um mich über Wasser zu halten. Heute bin ich Vollzeitmusiker.

Wie wurde das möglich?

Es haben sich ein paar Möglichkeiten eröffnet, ich war zum Beispiel eine Zeit lang auf Tour mit dem Soulsänger Miles Bonny, mit dem ich auch ein Album gemacht habe, und dann habe ich es einfach riskiert. Es ist auch so, dass ich in keinem Job der Welt einfach einmal ein oder zwei Monate frei bekomme für eine Tour. Den Job zu kündigen war die beste Entscheidung meines Lebens. Sonst bleibt der Horizont ewig im Lager hängen. Bis jetzt lohnt es sich.

Viele Produzenten verdienen sich ihr Geld mit Clubauftritten. Wäre das keine gute Geldquelle?

Ich mache das schon, aber es ist sicher nicht mein Hauptziel. Ich war ja ein Quereinsteiger. Die meisten Produzenten haben als DJ begonnen. Ich hab nie zwei Plattenspieler gehabt. Scratchen kann ich bis heute nicht. Ich sitze lieber im Studio und mache Musik.

Der internationale Durchbruch gelang nicht zuletzt mit der jüngsten Platte, an der auch der legendäre DJ Premier mitgearbeitet hat. Wie kam es dazu?

Ich habe einfach eine CD mit meiner Musik an einen bekannten Rapper der amerikanischen Westküste geschickt. Die hat dann irgendwie dort die Runde gemacht. Zuerst hat sie MC Eiht in die Finger bekommen, mit dem ich die Platte gemacht habe. Und er hat wiederum schon mit DJ Premier zu tun gehabt. Dass der mich jetzt fördern will, ist natürlich eine große Ehre. Er ist so etwas wie der Stanley Kubrick der Hip-Hop-Produzenten.

Wie funktioniert der Markt für Beats? Warten Sie, bis ein Rapper anruft und Beats von Brenk Sinatra kaufen will?

Nein. Ich veröffentliche auch Instrumentalplatten, um zu zeigen, was ich kann. Wenn ein Beat verkauft wird, gibt es entweder sofort recht viel Geld, aber keine Tantiemen. Oder ich bekomme vorab weniger und dafür mehr Tantiemen. Aber darum kümmert sich zum Glück mein Manager. Mit Zahlen bin ich nicht so gut. Ich habe teilweise den halben Tag mit E-Mails verplempert.

Wie viel kostet ein Beat?

Kommt immer darauf an. Österreichische Acts haben alle kein Geld – wie auch, sie verkaufen ja nichts. Hier denken viele, sie können mit Hip-Hop das schnelle Geld verdienen, weil sie das so aus dem Fernsehen kennen. Das funktioniert natürlich nicht. Es gibt meines Wissens in Österreich fast keinen Hip-Hopper, der ohne Nebenjob leben kann. In den USA ist das anders.

Orientieren Sie sich deshalb so stark in Richtung USA?

Ich war immer schon ein Ami-Fan, deutsche Rapmusik hat mich nie wirklich interessiert. Früher klang das alles ziemlich größenwahnsinnig. Aber man sieht, wenn man dranbleibt, wird es was. Ich bin auch noch lange nicht da, wo ich sein sollte.

Wo sollten Sie sein?

Ich sollte eigentlich in L.A. sein. Ich will nicht mit 40 dasitzen und denken, ich habe es nicht versucht. Ich werde nichts erzwingen und bettle sicher niemanden an. Aber solange ich jung bin, gebe ich Vollgas und probiere alles Menschenmögliche.

Wie leicht ist es heute für junge Beat-Produzenten, entdeckt zu werden? Das Internet bietet ja eine gute Bühne, gleichzeitig ist die internationale Konkurrenz dort auch enorm.

Würde ich jetzt beginnen, wäre es sehr, sehr schwer. Dass man sich von null an unter all den guten Beat-Produzenten behauptet, ist so gut wie unmöglich.

Ist das Netz mittlerweile eine ernsthafte Einnahmequelle für Musiker?

Na ja, das ist nebensächlich. Auch Raubkopien haben mir persönlich bisher eher nicht geschadet. Interessant ist aber, dass viele Künstler in Amerika zwei Mixtapes auf höchster Qualität im Jahr machen und gratis ins Netz stellen. Zum Geldverdienen gehen sie dann auf Tour. In Europa geht das bestenfalls noch in Frankreich.

Haben Sie sich je an ein Label gebunden oder immer alles selbst gemacht?

Meine Instrumentalmusik veröffentliche ich über Melting Pot Music, ein in diesem Bereich relativ renommiertes Label aus Köln. Wir reden hier aber von kleinen Auflagen, also zum Beispiel 1500 Vinylplatten. Aber wenn man bedenkt, dass man mit instrumentaler Musik so viel verkauft, ist das auch toll. Die Verträge sind Standard: Sobald die Kosten reingeholt sind, wird 50:50 geteilt. Mit der Zeit summiert sich das. Das Wichtigste ist, viel zu produzieren.

Und aus Österreich hinauszukommen?

Ja. Das ist eigentlich traurig, weil ich Wiener mit jeder einzelnen Faser bin. Aber musikalisch ist das Land für mich tot.

Woran liegt das?

Wenn man sich die Charts anschaut, sind das zu 90 Prozent die Charts aus Deutschland. Der Rest sind ein paar Kasperl mit Ziehharmonika. Die großen Labels haben alles verpasst in Österreich, der Zug ist komplett abgefahren. Jetzt denken sie sich: Was kann ich machen, das schnell viel Geld bringt? Und das ist Schlagermusik. So wird in Österreich nie etwas passieren.

Also ist es besser, international die Nische zu suchen, als hier in die Ö3-Charts zu kommen?

Bei uns ist das Problem, dass es neue Musiker kaum nach oben schaffen. Wenn es jemand doch schafft, dann sicher nicht in Österreich, sondern zuerst im Ausland. Dann kommen alle und sagen: „Hey, das war unser Wiener Bua. Wir wussten immer, dass der Talent hat.“ In Wahrheit hat sich vorher niemand für ihn interessiert.

Da sind wir bei Ihnen ja noch gerade rechtzeitig gekommen.

Das stimmt. Aber ich war selbst schuld. Ich war viel zu lange nur auf Österreich fokussiert.

Was müsste passieren, damit Sie sagen: Ich habe es geschafft?

Ich habe immer geträumt, dass ich nicht mehr arbeiten muss. Mal schauen, wie lange ich das durchhalte. Ich will einfach keine Sorgen haben, was ich morgen esse und ob die Miete bezahlt ist. Mein Kopf muss frei sein für Musik.

Zur Person

Brenk Sinatra (*1979) produziert seit Jahren Hip-Hop-Beats für die heimische Szene. Jetzt ist der Wiener auf dem Weg, die USA, das Mutterland des Raps, zu erobern. Seine Beats liefern die Basis für das jüngste Album der Rap-Legende MCEiht, das 2013 erscheinen soll.

Sonst schlägt sein Herz für Soul aus den 1960ern, 1970ern. Nachzuhören auf „Supa Soul Sh*t“ mit US-Soulsänger und Trompeter Miles Bonny.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2013)

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