26.05.2013 05:45 Merkliste 0

"Paradies: Glaube"

von Michael Prüller (Die Presse)

Was Ulrich Seidls neuer Film mit den Simpsons gemein hat, und warum es sich dabei womöglich wirklich um einen Skandal handelt.

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Die Simpsons sind derzeit die einzige US-Fernsehfamilie, die jeden Sonntag in die Kirche geht, und zwar zur „Western Branch of American Reform Presbylutheranism“. Katholiken kommen aber gelegentlich vor, etwa eine Klosterschwester, die mit Waisenkindern das fröhliche Lied singt: „If you're happy and you know it, it's – a sin! ...“ Daran musste ich bei den Berichten über den neuen Film von Ulrich Seidl denken, dem Meister kinematografischer Freudlosigkeit.

In „Paradies: Glaube“ zeigt Seidl eine auf ziemlich neurotische Art fromme Frau. Ich bin leider unfähig, in Porträts psychisch beeinträchtigter Menschen Metaphern für Größeres zu sehen. Das ging mir schon bei Jelineks/Hanekes schwer gestörter „Klavierspielerin“ oder bei Seidls „Hundstagen“ lebensuntüchtiger Vorstädter so. Dysfunktionale Menschen sind nun einmal für kein halbwegs funktionierendes System typisch.

Laut einem Interview will Seidl die „Scheinmoral der Kirche“ aufzeigen, indem er den verqueren Sex der Protagonistin darstellt: Die Kirche habe Sexualität lange unterdrückt und würde Wasser predigen und Wein trinken. Ich vermute, dass ich auch in „Paradies: Gaube“ unfähig sein werde, mehr zu sehen als eine Frau, die halt auch in Glaubensdingen ein bisschen spinnt. Aber ich bin eben jemand, der in der Institution immer eher das Gute sieht und im individuellen Verhalten das Böse. Darum würde ich auch sagen, dass die Kirche Wasser predigt – und alle Katholiken Wein trinken, manche leider sehr viel.

Die Simpsons-Autoren haben dasselbe Bild der lustfeindlichen Kirche nur lustiger ausgedrückt als Seidl, der ja nicht gerade als Komödiant gilt. Ich könnte jetzt in der Sache darüber sinnieren, dass etwa das viktorianische Zeitalter keine katholische Veranstaltung war. Aber mich stimmt als Katholik nachdenklich, dass die Kirche auf so viele Menschen den ihrer barocken Sinnenfreudigkeit und ihrer Erlösungseuphorie ganz entgegengesetzten Eindruck einer Schlafzimmer-Gestapo macht. Da ist etwas in der Verkündigungsarbeit gewaltig schiefgelaufen.

Wer die Kirche vor allem in ihrer Weite und Freiheit erlebt hat, wird sie mögen, wenn er auch ihren einzelnen Vertretern durchaus Böses zutraut. Wer vor allem Enge und Bedrückung erlebt, wird die Kirche verachten, auch wenn er einzelnen Vertretern Gutes konzediert. Wenn jemand mit der Biografie Seidls – frommes Milieu, beinahe Priester, hartnäckiger Gottsucher – so deutlich zur zweiten Kategorie gehört, sollten katholische „Skandal, Skandal!“-Rufer sich fragen, ob der größere Skandal vielleicht in den eigenen Reihen zu finden ist.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)

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12 Kommentare
Gast: Kirchenfeind
04.09.2012 12:20
1 0

Bitte mehr Prüller !!!


15 0

@ „ich bin eben jemand, der in der Institution immer eher das Gute sieht und im individuellen Verhalten das Böse“






praktisch…






Re: @ „ich bin eben jemand, der in der Institution immer eher das Gute sieht und im individuellen Verhalten das Böse“

Praktisch?
Ist es nicht eher viel komplizierter, als eine Idee, ohne sie näher anzuschauen, zu verurteilen, statt dessen sich die Mühe zu machen, die Einzelnen, die Vertreter zu betrachten?
Und das möglichst ohne Verurteilung?
Nein, praktisch ist das nicht.
Es ist der eher kompliziertere Weg zu einer differenzierteren Wahrheit.

Antworten Antworten Gast: _gast_
03.09.2012 17:34
3 1

Re: Re: @ „ich bin eben jemand, der in der Institution immer eher das Gute sieht und im individuellen Verhalten das Böse“


Man könnte auch sagen, das ist wie bei den Missbrauchsfällen. Alles immer nur „Einzeltäter“, das hat ja gar nichts mit der Institution zu tun, von der sich manche Leute besonders angezogen fühlen :o(


Antworten Antworten Gast: widersprecher
03.09.2012 12:14
5 3

Re: Re: @ „ich bin eben jemand, der in der Institution immer eher das Gute sieht und im individuellen Verhalten das Böse“

Ach ja. Genauso wie bei der Waffen SS. Nicht die Waffen SS als Institution war böse, sondern nur die Einzeltäter.

Sparen Sie sich ihr Geschwurbel!

15 1

@ „Wer die Kirche vor allem in ihrer Weite und Freiheit erlebt hat, wird sie mögen, wenn er auch ihren einzelnen Vertretern durchaus Böses zutraut. Wer vor allem Enge und Bedrückung erlebt, wird die Kirche verachten, auch wenn er einzelnen Vertretern Gutes konzediert.“






wenn man sich die lehren Kirchen anschaut erleben die meisten Menschen wohl letzteres…






Re: ... oh Gott Kyniker!


und Deine lehren Kirchen

15 1

@ „Dysfunktionale Menschen sind nun einmal für kein halbwegs funktionierendes System typisch.“






was wohl den Zustand der Kirche verständlich macht…






Antworten Gast: _gast_
03.09.2012 17:36
3 1

Re: @ „Dysfunktionale Menschen sind nun einmal für kein halbwegs funktionierendes System typisch.“


Bischof Küng, Bischof Fischer, Gerhard Maria Wagner, Gerhard Swierzek, Joseph Ratzinger und seine Piusbrüder, das Opus Dei… - die Liste an „dysfunktionalen“ Menschen in der Kirche ist lang :o(


Osservatore Romano

Ich danke meiner Schwesterzeitung, dass sie dem Propagandachef der Erzdiözese Wien ein Forum für seine Arbeit läßt, was bei Qualitätszeitungen, die nicht im Eigentum der Kirche sind, nicht der Fall ist.

Re: Osservatore Romano


Die Presse ist im Besitz der römisch-katholischen Kirche:

„98,33 % der Anteile sind im Besitz der Katholischer Medien Verein Privatstiftung (vormals Katholischer Preßverein Privatstiftung) und zu 1,67 % im Besitz des Katholischen Medien Vereins (vormals Katholischer Preßverein)“

„…Meilensteine der Unternehmensentwicklung waren … die schrittweise Übernahme der österreichischen Traditionszeitung Die Presse ab 1991.“

vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Styria-Verlag

vgl. http://diepresse.com/unternehmen/sales/online/532662/Offenlegung-fuer-Die-Presse-Digital



Antworten Gast: Begeisterter Leser
02.09.2012 02:09
3 3

Re: Osservatore Romano

Ich danke dem Osservatore Romano für seine große Treue zu diesen Kommentaren, was umso bemerkenswerter ist, als dass er anscheinend nie etwas zum Inhalt der Kommentaren beisteuern kann. Wer mit so viel Ausdauer immer das gleiche schreibt, muss einfach großartig sein! Vivat!

(Und erst die feine Spitze: Propagandachef statt Pressesprecher - einfach köstlich! Man merkt, hier ist ein Meister der Ironie am Werk.)

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