Der Druck von unten und die Aufträge von oben

Von GEORG SPORSCHILL sj (DiePresse.com)

Es gibt Worte, die die eigenen Kräfte übersteigen, die größer sind als das eigene Leben. Woher nimmst du deine Kraft?

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Als letztes Jahr in Frankreich Roma nach Rumänien zurückgeschickt wurden, war das ein Offenbarungstest für viele. Die einen waren schockiert, wie in der EU mit Minderheiten umgegangen wird, andere liefen ins Lager von Politikern, die Vorurteile nutzten, um Wählerstimmen zu sammeln. Deren Rechnung ging auf.

In dieser Zeit dachte ich an einen alten Freund in Siebenbürgen, der als einziger Sachse bei den vielen „braunen Brüdern und Schwestern“, wie er sie nennt, geblieben ist. 800 Jahre lang lebten in seinem Dorf Siebenbürger Sachsen. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs gingen alle nach Deutschland. In ihre Häuser sind Rumänen eingezogen, unten am Bach stehen die Hütten der Roma. Meist ohne Wasser, ohne Strom, die Wege versinken im Schlamm – das Ghetto.

Ich redete nicht aus mir selbst, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir eine Weisung gegeben, was ich sagen und was ich reden soll.
Joh 12,49



Die Leute haben keine Arbeit, denn ihre früheren Arbeitgeber, die Sachsen, sind ausgewandert. Das Ghetto liegt mitten in Europa und nahe von Klein-Wien − so wurde Hermannstadt/Sibiu einmal genannt.
Empörung oder Zustimmung zur Ausweisung von Staatsbürgern der EU? Die Frage brennt: Wie gehen wir mit unseren Roma-Mitbürgern um? Wo liegt die Zukunft ihrer Kinder, die kaum Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem haben? Mein Freund, der evangelische Pfarrer, der jeden Sonntag vor leeren Bänken predigt, schrieb das Wort: Kommt! Obwohl uns kein Übermut plagte, begannen wir ein neues Projekt unter dem alten Motto „Für unsere Kinder“. Jetzt kommen sie aus den ärmsten Roma-Familien.

Woher kommt eure Motivation, etwas Neues zu beginnen, wollte ein 13-jähriger Gymnasiast wissen. Seine Frage führt zum letzten Wort, das Jesus vor der Passion an die Öffentlichkeit richtet: „Ich redete nicht aus mir selbst, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir eine Weisung gegeben, was ich sagen und was ich reden soll.“
Mose empfing auf dem Berg Sinai von Gott die Thora. Die Israeliten bekamen das Zehnwort als Auftrag, wie sie leben und der Welt dienen sollten. Ebenso empfängt Jesus von seinem Vater die Thora.

Die Weisung, die er seinen Schülern gibt, hat alle Völker als Adressaten. Sie sollen eine Ethik bekommen, die sie zum Frieden befähigt. Diese Grenzüberschreitung von Israel zu den Völkern, die zur Gründung der christlichen Kirche führte, kann Jesus gelingen, weil der Auftrag von Gott stammt.
Es gibt Worte, die meine Kräfte übersteigen. Der Anspruch kommt von außen, eine Not zwingt mich zu handeln, oder ein Auftrag verpflichtet mich. Daraus kann Überraschendes und Größeres entstehen, als ich es geplant habe. Woher nimmst du deine Kraft?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

E-Mails: debatte@diepresse.com

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