Weihnachtsbäckerei

01.12.2012 | 18:26 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Warum Weihnachtsbäckerei im Advent nicht nur ein Symptom für den Glaubensverlust der Gesellschaft ist, sondern auch zu dessen Ursachen zählt.

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Einmal war ich auf einer Pressekonferenz eines Einzelhandelsexperten und fragte, ob sich das Weihnachtsgeschäft verbessere, wenn Weihnachten weiter hinten in der Woche nach dem vierten Adventsonntag liege. Nein, sagte der Experte: Bei vier Wochen Grunddauer des Advents machten ein paar Tage mehr keinen Unterschied.

Das gab mir zu denken. Da beschäftigt sich jemand viele Jahre mit dem Weihnachtsgeschäft – und hat nie gemerkt, dass zwischen erstem und viertem Adventsonntag (bzw. Einkaufssamstag) nicht vier, sondern nur drei Wochen liegen. Manches Wichtige entgeht uns Menschen lange. Mir ist etwa, obwohl ich mich intensiv mit dem modernen Glaubensverlust beschäftige, erst kürzlich aufgegangen, was das Essen dabei für eine Rolle spielt.

Der Advent war ja früher einmal eine Fastenzeit (Weihnachtsbäckerei kam erst danach auf den Tisch!). Essen ist eine probate Reaktion auf die bohrenden Fragen des Lebens. Ein guter Bissen beantwortet sie zwar nicht, aber lässt sie für eine Weile verstummen. Natürlich kann man auch mampfend über Gott, Leben und Tod nachdenken, aber man muss sich ihnen nicht stellen. Das ist nicht neu; schon die Sitte des Leichenschmauses beruht darauf. Aber zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind wir so gut organisiert, dass fast alle im Land nicht nur nicht hungern, sondern jederzeit Zugang zur Nascherei haben – die nicht Schokolade sein muss, sondern auch der Kauf eines Paars Schuhe sein kann. Wir haben erstmals flächendeckend die Mittel, auf leichte Gemütserschütterungen nicht mit Reflexion oder Gebet zu antworten, sondern mit materiellen Einverleibungen.

Früher hat man mit Fastenzeiten die Verfügbarkeit materieller Tröster bewusst durchbrochen. Der Schriftsteller Martin Walser erzählte in der „Zeit“ über die Beichte in seiner Kindheit: „Nicht das Schlechteste, was man als Zehnjähriger absolvieren konnte. Denn wenn man heimging – und man durfte ja auch vor der Beichte nichts gegessen haben –, schuf das einen Innenraum, da wurdest du ein Dialogpartner für dich selbst.“

Martin Walser sagt auch: „Der Glaube ist eine andauernd schöpferische Empfindungstätigkeit. Glaube ist Seelenarbeit.“ Eine Gottesbeziehung erfordert das eigene, aktive Sich-Ausstrecken zu Gott. Noch nie war es so leicht, dieser Arbeit auszuweichen. Es ist halt nur so, dass wir dann bei wirklichen Erschütterungen, etwa im Angesicht des Todes, feststellen, dass unsere geistigen Muskeln verkümmert sind und wir uns nicht mehr ausstrecken können.

Und weil wir nicht mehr fasten wollen, ist aus dem Advent so etwas wie der kollektive Frustkauf des Jahres geworden.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

 
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1 Kommentare
Osservatore Romano
02.12.2012 19:38
4

Gott sei Dank lässt meine Schwesterzeitung den Pressesprescher der ED Wien über Weihnachtsbäckerei schreiben, während die Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen eines Priesters der ED Wien im Zusammenhang mit einer Internet Hass-Seite keine Erwähnung findet.



http://www.spiegel.tv/?t=1108.473#/filme/magazin-25112012/



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