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Kinderei

07.12.2012 | 18:23 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Ein türkischer Privatsender, der die Untaten eines frommen Serienmörders ausgestrahlt hat, muss dafür Strafe zahlen. Wir lachen darüber – zu Recht?

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Ein Mann täuscht die Stimme Gottes vor und befiehlt seinem frommen Nachbarn, alle Sünder zu töten. Als Erstes ist ein gebrechlicher, hochbetagter Unternehmer dran, danach ein Nachwuchs-Entertainer, dann zwei alleinstehende ältere Schwestern. Als der Mörder schließlich Hand an seinen Manipulator legen will, sagt dieser: „Wach auf! Es gibt keinen Gott! Würde er mich sonst das machen lassen?“, und zündet eine Bibel an. Ab da wird es, äh, schräg: Eine riesige Gestalt in weißem Flatterhemd greift von oben ins Haus und erwürgt den Bibelanzünder mit zwei Fingern. Doch dieser Gott in Weiß ist dem ebenfalls erscheinenden Teufel untertan, der ihn Kaffee holen schickt.

Das lief im türkischen Privatfernsehen. Der Sender bekam nun von der TV-Aufsichtsbehörde eine Geldstrafe, weil die Sendung sich über Gott lustig mache, junge Leute zu Gewalt verführen und religiöse Überzeugungen beleidigen könne. Tags darauf präzisierte der Behördenchef: Man wolle mit der Strafe nicht Gott schützen, sondern die Kinder. Man habe geahndet, dass die Sendung zu einer Zeit gelaufen sei, zu der Kinder zuschauen. Es werde ja gezeigt, wie Kehlen durchgeschnitten und Körper zerstückelt werden und zum religiös begründeten Mord angestachelt wird.

Es handelt sich um die sogenannte Halloween-Folge der 23. Staffel der Zeichentrickserie „The Simpsons“. Auch in den früheren Jahren gab es solche Specials, die ich meine kleineren Kinder nicht anschauen lassen würde – ab der Spätpubertät ist die nicht unbrutale Serie jedenfalls ein Genuss. In der Türkei läuft sie seit neun Jahren, und die Begründung mit den Kindern ist etwas lahm, da hätte man ja früher schon eingreifen müssen. Aber es ist trotzdem irgendwie seltsam. Meistens schilt man Muslime, weil sie Gewalt im Namen Gottes ausüben. Nun bestraft die Türkei die Darstellung von Gewalt im Namen Gottes – und wird wieder gescholten. Ich persönlich finde ja die Strafe unnötig – aber ich grüble darüber, warum die türkischen Behörden das anders sehen. Sind sie überempfindlich? Oder wir abgestumpft? Ist die Strafe Ausdruck einer fundamental anderen Sichtweise des Kinder- und Jugendschutzes oder nur einer anderen Gewichtung?

Oder ist es eine Frage des Humors, und die Türken nehmen die Simpsons einfach zu ernst? Dann sollten wir allerdings hoffen, dass wir hierzulande weiterhin Spaß verstehen. Wenn ein österreichisches Gericht einen Witz nicht lustig findet, sondern als Verächtlichmachung wertet, gibt es bis zu zwei Jahre Gefängnis. Für Türken wie Österreicher gilt gleichermaßen: Wer keinen Sinn für Humor hat, läuft Gefahr, Fundamentalist zu werden.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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3 Kommentare

Ich danke meiner Schwesterzeitung, dass sie dem Propagandachef der Erzdiözese Wien ein Forum für seine Arbeit läßt, was bei Qualitätszeitungen, die nicht im Eigentum der Kirche sind, nicht der Fall ist. Danke auch, dass die Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen Priester wegen Verhetzung und Wiederbetätigung geflissentlich verschwiegen werden.




http://www.spiegel.tv/?t=1108.473#/filme/magazin-25112012/





Re: Ich danke meiner Schwesterzeitung, dass sie dem Propagandachef der Erzdiözese Wien ein Forum für seine Arbeit läßt, was bei Qualitätszeitungen, die nicht im Eigentum der Kirche sind, nicht der Fall ist. Danke auch, dass die Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen Priester wegen Verhetzung und Wiederbetätigung geflissentlich verschwiegen werden.

Vielleicht ist es Ihnen ja nicht bewusst: aber die kath. Kirche hatte sich mehrfach und deutlich von kreuz.net distanziert.
Und auch die Presse berichtet über die jüngsten Entwicklungen:

ÖSTERREICH 02.12.2012 | Online 
Umstrittene Website kreuz.net ging vom Netz Zuletzt ermittelte der Verfassungsschutz wegen Verhetzung und Wiederbetätigung.

RELIGION 21.11.2012 | Online 
kreuz.net: Verfassungsschutz ermittelt wegen Verhetzung Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat Anzeige gegen unbekannt bei der Staatsanwaltschaft Wien eingebracht. Drei Mitarbeiter sollen in Österreich aktiv sein.

WELT 15.11.2012 | Online 
Hasstiraden im Portal Gottes : Die Spur führt nach Österreich

Re: Re: Ich danke meiner Schwesterzeitung, dass sie dem Propagandachef der Erzdiözese Wien ein Forum für seine Arbeit läßt, was bei Qualitätszeitungen, die nicht im Eigentum der Kirche sind, nicht der Fall ist. Danke auch, dass die Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen Priester wegen Verhetzung und Wiederbetätigung geflissentlich verschwiegen werden.



Mir kommen viele Fragen


- Wann hat sich die Kirche „deutlich“ von kreuz.net distanziert?

- Warum hat die Kirche nichts gegen diese Hetzer unternommen, obwohl man es ja seit langem vermutete?

„Kardinal Christoph Schönborn meinte nach der jüngsten Vollversammlung der Bischofskonferenz dazu: "Ich habe seit langem persönliche Vermutungen über Personen, die dahinter stecken könnten." ( http://diepresse.com/home/panorama/religion/1315256/kreuznet_Verfassungsschutz-ermittelt-wegen-Verhetzung- )

- Warum braucht es erst polizeiliche Ermittlungen wegen Verhetzung und Wiederbetätigung gegen Priester der Kirche, damit vielleicht etwas unternommen wird?

- Warum liest man nichts über Konsequenzen außer, dass die Seite nach Jahren (!) vom Netz ist?

- Was ist mit anderen katholischen Medien, über die Hass verbreitet wird (gloria.tv, Radio Marija…)?




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