Soeben lese ich, dass der Sizilianer Don Vito Lombardo beim Gottesdienst angekündigt hat, aus dem Priesteramt auszuscheiden, um seine schwangere Freundin zu heiraten. Das steht in „La Repubblica“, auf der Website der „Neuen Zürcher“, des „Figaro“? Woher kommt der News-Wert einer Meldung, dass einer von 1,2 Millionen katholischen Priestern und Ordensleuten die Ehelosigkeit aufkündigt? Das hat wohl vor allem mit dem aufmerksamen Interesse der Menschen an der erotischen Betätigung anderer zu tun, aber vielleicht auch mit Erleichterung bezüglich des Einzigen, das dem Sex Konkurrenz machen kann: die Heiligkeit. Wenn der Priester weniger heilig ist, als er tut, muss auch ich mich nicht so schuldig fühlen.
Dahinter steht ein nicht unspannendes Missverständnis, das Heiligkeit mit Sündenlosigkeit verwechselt. Oder mit Regelkonformität. So hat mir eine Frau einmal über ihre Großeltern erzählt: „Die woan sehr heulich: Die Kinder hom miaßn jedn Sunntog in d'Mess gehen.“ Wobei da sogar etwas von der ursprünglichen Bedeutung durchklingt: Heilig (hebräisch: kaddosch) ist, was ganz Gott gehört und deswegen anders, besonders ist: das Heilige Land, die Heilige Schrift, der Sabbat als heiliger Tag, die heilige Messe.
Auch mit der Heiligen Nacht ist das so: Das „traute, hochheilige Paar“ heißt nicht hochheilig, weil es sich entsagungsvoll an jedes Gebot hält, sondern weil es ganz zu Gott gehört. Und es ist die Nacht, die ganz Gott gehört. So könnte man sogar vom heiligen Ochs und Esel im heiligen Stall sprechen. Die ersten Christen hatten keine Scheu, einander als Heilige anzureden: Sie haben damit nicht Fehlerlosigkeit geheuchelt, sondern ihre besondere Zugehörigkeit zu Gott ausgedrückt. Nicht weil sie Gottes Gebote halten, sind sie heilig, sondern umgekehrt: Weil sie heilig sind, wollen (und können) sie die Gebote halten.
Wenn man freilich dem populären Missverständnis unterliegt, dass jener heilig ist, der brav alle Gebote einhält (die außerdem Spaßkiller sind), wird der Rest unlogisch. Etwa, dass der Papst („Seine Heiligkeit!“) jemanden, von dem doch Sünden bekannt sind, trotzdem heiligspricht. So gesehen ist Heiligkeit unerreichbar; und wer sagt, dass er heilig sein will, ist bestenfalls scheinheilig.
Womit wir wieder beim Zölibat sind: Er ist auch als starkes Zeichen dafür gedacht, dass es möglich ist, ganz Gott zu gehören. Was einen Menschen nicht besser macht, aber anders. Das freilich ist keine sehr populäre Ausgangsbasis in einer Kultur der Veralltäglichung, der das Besondere – das, was über sie hinausweist – zunehmend suspekt wird.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2012)















