Stille Nacht?

Glöckchen und duftende Kerzen sind ja ganz nett, aber noch besser zu Weihnachten passen vollgemachte Windeln. Eine Reflexion über die Menschennatur.

Eigentlich ist es ja nur ein schlichtes Lied, mit seiner Idylle im Stall, das in diesen Tagen viel zu hören ist. Fast ein Kinderlied, auch wenn viele Kleinen nur die ersten paar Worte können. Und doch ein Erfolg, der nun schon lange Zeit um die Welt geht. Ich spreche von „Gangam Style“, dem Hit aus Südkorea.

Heuer im Juli lanciert, wurde das Video zu „Gangam Style“ schon über eine Milliarde Mal in YouTube angeklickt, mehr als jedes andere im Internet. Ein kulturhistorischer Wendepunkt, obwohl man nicht versteht, warum: ganz nett, kein Mensch außer den Koreanern versteht es, und sein Reiz liegt vor allem im lustigen Tanzschritt des Sängers Psy, der durch die Gegend hoppelt, als säße er auf einem Pferd.

Und doch hat es hunderte Millionen in seinen Bann gezogen. Tausende Menschen haben Parodien auf Video aufgenommen, vom „Gandalf Style“ bis zum „Klingon Style“ – auf Klingonisch, einer Sprache von Aliens aus „Star Trek“.

Manchen ist das ein Beweis, dass die Welt tatsächlich bald untergeht. Aber ich finde das – ohne jede Ironie – herrlich. Dass wir Menschen uns so gern mit Nonsens unterhalten und immer wieder völlig überraschend interagieren, dass es bei uns nicht nur Spaß, sondern eine Spaßkultur, sogar eine Spaßkulturindustrie gibt – das macht, finde ich, einen Teil unseres Charmes als Spezies aus.

Sie werden mich jetzt vielleicht fragen, ob zu Weihnachten nicht etwas Heimeligeres angebracht wäre. Warum eigentlich? Die Grundidee von Weihnachten ist, dass Gott Mensch geworden ist im Stall von Bethlehem. Das ist nicht heimelig, weder in den Umständen – eine Geburt, im Stall! –, noch in der Substanz: Die Menschwerdung Gottes ist nichts Nettes, sondern der ultimative Culture Clash.

Ich kann mir vorstellen, dass „Gangam Style“ nicht ganz der Stil des lieben Gottes ist. Gott ist zärtlich und zurückhaltend – daher singen wir mit Recht unterm Christbaum „Stille Nacht“. Und wir sollten nicht (und werden ja auch nicht) beim Korea-Pop stehen bleiben. Aber das ist nun einmal unsere Menschennatur, dieselbe, die Gott laut den Berichten der Evangelien angenommen hat.

Der Evangelist Lukas erwähnt es sogar extra zweimal: Jesus liegt in Windeln. Nicht einmal in Pampers, sondern in kaum saugfähigen Stoffwindeln. Gott nimmt nicht nur die hehren, noblen, sublimen Aspekte des Menschen an, sondern seine ganze Natur. Abraham Lincoln hat gesagt: „Gott liebt den kleinen Mann. Sonst hätte er nicht so viel von seiner Sorte erschaffen.“ Ich denke, Gott hat ausschließlich kleine Leute erschaffen – aber weil er unsere Kleinheit teilt, sind wir groß.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2012)

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