Ich möchte hier noch schnell meine Österreicherin des Jahres ehren: Angelina Kellner aus dem Pinzgau. Sie haben ja vielleicht auch die kleine Meldung im Juni übersehen. Die Zehnjährige war mit Freundinnen am Niedersiller Badesee schwimmen, als dort ein siebenjähriger Bub ins Wasser fiel oder, wie es auch heißt, hineingestoßen wurde. Jedenfalls ist Angelina ihm, als ihn die Kräfte verließen und er Wasser zu schlucken begann, nachgesprungen und hat ihn expert mit dem Achselschleppgriff (beide in Rückenlage, der Retter greift von unten durch die Achseln des Ertrinkenden) geborgen.
Angelina ist nämlich, schon seit sie sechs Jahre alt ist, Mitglied der Jugendgruppe „Wild Frogs“ der Mittersiller Wasserrettung. Ihre Mutter ist dort Ortsstellenleiterin. Sie werden jetzt vielleicht eine Reihe von Einwänden gegen die Ernennung zur Österreicherin des Jahres im „Culture Clash“ haben: Wer weiß, wie dramatisch das Ganze wirklich gewesen ist? (Der Achselgriff ist nur anzuwenden, wenn der andere nicht in Panik ist.) Und hätte nicht jedes der 13 Kinder aus der „Wild Frogs“-Gruppe dasselbe getan?
Aber nicht mit mir. Erstens habe ich selbst einen Sohn, der im Schwimmbad – von uns unbemerkt – ins tiefe Becken gefallen und von anderen Kindern herausgezogen worden ist, und mir ist ziemlich egal, ob das dramatisch gewesen ist oder nicht. Und zweitens: Gerade die Tatsache, dass Angelina Kellner Vereinsrettungsschwimmerin ist, als solche sogar schon 2010 Landesmeisterin gewesen ist, macht sie doppelt erwähnenswert. Denn sie steht damit nicht nur für sich, sondern für das in Österreich heimische System, Einsatz für andere und Geselligkeit zu kombinieren.
Über Vereinsmeierei wird gern gelächelt. Aber unser Vereinswesen ist im Kern eine ungeheuer wertvolle Institutionalisierung der Selbsthilfe. Nicht nur, weil es für den Einsatzfall Mut kultiviert und Kompetenz aufbaut. Sondern auch, weil es in den Menschen von klein auf die Bereitschaft und die Fähigkeit zur zivilen Kooperation stärkt. Jedes erfolgreiche politische System baut darauf auf, auch jedes wirtschaftliche, und besonders die Marktwirtschaft. Im Gegensatz zur landläufigen Anschauung ist Kooperation nämlich nicht der Gegenentwurf zum Wettbewerb, sondern dessen entscheidende Grundlage. Angelina Kellners Landesmeistertitel ist der beste Beleg dafür.
Die Alternative dazu ist natürlich auch reizvoll: Am Wochenende lieber Rettungsschwimmer 3.0 auf der Konsole spielen, und dort vor allem in der Rolle des Haifischs. Aber eine Erwähnung in dieser Kolumne bekommt man dafür nicht. Und damit alles Gute für 2013!
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)















