19.06.2013 08:30 Merkliste 0

Angelina

29.12.2012 | 18:04 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Zu Silvester mein Vorschlag für die Frau des Jahres. Und eine (platonische) Liebeserklärung an die österreichische Vereinsmeierei.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Ich möchte hier noch schnell meine Österreicherin des Jahres ehren: Angelina Kellner aus dem Pinzgau. Sie haben ja vielleicht auch die kleine Meldung im Juni übersehen. Die Zehnjährige war mit Freundinnen am Niedersiller Badesee schwimmen, als dort ein siebenjähriger Bub ins Wasser fiel oder, wie es auch heißt, hineingestoßen wurde. Jedenfalls ist Angelina ihm, als ihn die Kräfte verließen und er Wasser zu schlucken begann, nachgesprungen und hat ihn expert mit dem Achselschleppgriff (beide in Rückenlage, der Retter greift von unten durch die Achseln des Ertrinkenden) geborgen.

Angelina ist nämlich, schon seit sie sechs Jahre alt ist, Mitglied der Jugendgruppe „Wild Frogs“ der Mittersiller Wasserrettung. Ihre Mutter ist dort Ortsstellenleiterin. Sie werden jetzt vielleicht eine Reihe von Einwänden gegen die Ernennung zur Österreicherin des Jahres im „Culture Clash“ haben: Wer weiß, wie dramatisch das Ganze wirklich gewesen ist? (Der Achselgriff ist nur anzuwenden, wenn der andere nicht in Panik ist.) Und hätte nicht jedes der 13 Kinder aus der „Wild Frogs“-Gruppe dasselbe getan?

Aber nicht mit mir. Erstens habe ich selbst einen Sohn, der im Schwimmbad – von uns unbemerkt – ins tiefe Becken gefallen und von anderen Kindern herausgezogen worden ist, und mir ist ziemlich egal, ob das dramatisch gewesen ist oder nicht. Und zweitens: Gerade die Tatsache, dass Angelina Kellner Vereinsrettungsschwimmerin ist, als solche sogar schon 2010 Landesmeisterin gewesen ist, macht sie doppelt erwähnenswert. Denn sie steht damit nicht nur für sich, sondern für das in Österreich heimische System, Einsatz für andere und Geselligkeit zu kombinieren.

Über Vereinsmeierei wird gern gelächelt. Aber unser Vereinswesen ist im Kern eine ungeheuer wertvolle Institutionalisierung der Selbsthilfe. Nicht nur, weil es für den Einsatzfall Mut kultiviert und Kompetenz aufbaut. Sondern auch, weil es in den Menschen von klein auf die Bereitschaft und die Fähigkeit zur zivilen Kooperation stärkt. Jedes erfolgreiche politische System baut darauf auf, auch jedes wirtschaftliche, und besonders die Marktwirtschaft. Im Gegensatz zur landläufigen Anschauung ist Kooperation nämlich nicht der Gegenentwurf zum Wettbewerb, sondern dessen entscheidende Grundlage. Angelina Kellners Landesmeistertitel ist der beste Beleg dafür.

Die Alternative dazu ist natürlich auch reizvoll: Am Wochenende lieber Rettungsschwimmer 3.0 auf der Konsole spielen, und dort vor allem in der Rolle des Haifischs. Aber eine Erwähnung in dieser Kolumne bekommt man dafür nicht. Und damit alles Gute für 2013!
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

6 Kommentare

die geschmackfreien Kommentare von


"gelegentlicher Gast" und "aufmerksamer Leser" sind im Zusammenhang mit dem Beitrag von Michael Prüller an Einfalt nicht zu überbieten

Re: die geschmackfreien Kommentare von

Also den Beitrag von „aufmerksamer Leser“ finde ich treffend und gelungen. Und nix für ungut, die Bitte von „gelegentlicher Gast“ um Antwort an den Pressesprecher der Erzdiözese kann ich gut nachvollziehen, das interessiert mich nämlich auch.

Sehr geehrter Pressesprecher der ED Wien, lieber Herr Prüller,


vor einiger Zeit gab es Berichte über die Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen Priester (auch der ED-Wien) wegen Verhetzung und Wiederbetätigung.

http://www.spiegel.tv/?t=1108.473#/filme/magazin-25112012/

Nachdem die Ermittlungen publik wurden, wurde die gegenständliche Homepage „kreuz.net“ nach 8-jährigem Bestehen vom Netz genommen.

Mich würde wirklich interessieren, welche Konsequenzen es sonst noch gibt.

Danke im Voraus für Ihre Antwort!



Re: Sehr geehrter Pressesprecher der ED Wien, lieber Herr Prüller,

Sowohl die Bischöfe Deutschlands als auch jene Österreichs haben sich, seit Jahren immer wieder von kreuz.net und dessen Inhalten distanziert.

Was genau wollen Sie also jetzt hören?

Re: Sehr geehrter Pressesprecher der ED Wien, lieber Herr Prüller,

Schließe mich der Bitte um Antwort an.

„…unser Vereinswesen ist im Kern eine ungeheuer wertvolle Institutionalisierung der Selbsthilfe. Nicht nur, weil es für den Einsatzfall Mut kultiviert und Kompetenz aufbaut. Sondern auch, weil es in den Menschen von klein auf die Bereitschaft und die Fähigkeit zur zivilen Kooperation stärkt…“


http://www.betroffen.at/


http://www.kirchen-privilegien.at/



Mehr Culture Clash:

  • Staatskapitalismus neu
    Nicht, dass nun auch ein ÖVPler für Frauenquoten eintritt, lässt aufhorchen. Sondern, dass er Unternehmen per Gesetz zu höheren Gewinnen zwingen will.
    Culture Clash
    Beglückende Mühsal. Ein Werbespot sagt, Kinder machen glücklich. Die Sozialwissenschaft ist sich da nicht so sicher. Machen wir uns etwas vor? Mit Sicherheit - aber was?
    Frontnachrichten aus dem Kulturkampf
    Vatermutter. Ein Vorschlag für ein neues Adoptionsrecht wirft gewichtige Fragen auf, über die niemand redet.
  • Culture Clash
    Global und gut. Mal was anderes: Eine kleine Koreanerin, der ein schwedischer Italiener in den USA das Leben rettet. Und drei untapfere Frauen mit mächtiger Courage.
    Culture Clash
    Ein bisschen herumgefragt. Wieder legt eine EU-Agentur eine Umfrage vor, die Erkenntnisse vorgibt, wo gar keine sind. Ist das für die Union schon repräsentativ?
    Culture Clash
    Ob Kreuze in Klassen oder Gerichten hängen, hat wenig mit Religionsfreiheit zu tun. Aber sehr viel damit, dass es den »neutralen Staat« nicht gibt und nicht geben kann.
  • Culture Clash
    Das eine (n.). Im nächsten Frühling wird endlich eine Lücke geschlossen: Das erste Pornoheft für Wissenschaftler kommt auf den Markt.
    Culture Clash
    Leben und Tod. Was ist – ethisch gesehen – eigentlich der Unterschied zwischen Ungeborenen, Neugeborenen, mir und Regenwürmern? Die Antwort darauf kann unsere Freiheit gefährden.
    Culture Clash
    Radikalinskis. Gehören Abtreibungsgegner in dieselbe Kategorie wie Islamisten oder Rechtsradikale – und soll man mit ihnen überhaupt noch diskutieren?

Top-News