Neujahrsvorsatz

05.01.2013 | 18:12 |  Michael Prüller (Die Presse)

Von sexueller Unterforderung bis zur Ablehnung des Beschneidungsgesetzes – prüfen Sie Umfragemeldungen nach, bevor Sie daran glauben!

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Ich habe einen Neujahrsvorsatz für Sie: Trauen Sie keiner Meldung über irgendeine Studie, die Sie nicht selber nachgeprüft haben!

Ich lese etwa am 28.Dezember den Titel „Männer wünschen sich für 2013 mehr Sex, Frauen mehr Zuwendung“. (Laut einer Umfrage wünschen sich 23 Prozent der Männer mehr Sex. 77 Prozent haben diesen Wunsch also nicht geäußert. Man hätte auch schreiben können: „Frauen wünschen 2013 mehr Sex“ - 14 Prozent von ihnen sagen das.)

Oder: „Bundesbürger fürchten Inflation“ (42Prozent fürchten). Oder: „Eltern wünschen sich in der Schule weniger Leistungsdruck“ (31 Prozent wünschen). Mit ähnlicher Berechtigung könnte man titeln: „Wiener kommen aus dem Ausland“ (21Prozent der Wiener tun das).

Am faszinierendsten finde ich den öffentlichen Glauben an Umfragen. Ein Beispiel: Im Dezember wurde veröffentlicht, dass laut einer Befragung des Instituts Infratest Dimap 70 Prozent der Deutschen ihr neues Beschneidungsgesetz ablehnen. Die Meldung ging offenbar von der FAS über DPA und Spiegel Online in die Welt und wurde von mehreren tausend Webseiten übernommen. Mich hat interessiert, was genau die Deutschen am neuen Gesetz stört, das regelt, wer wen wie und wann beschneiden darf. Immerhin ist der Auftraggeber der Umfrage der „Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im Verein Mogis e.V. – Eine Stimme für Betroffene“, also parteilich. Und es ist ja auch ein relativ komplizierter Sachverhalt. Es wäre also zweckmäßig, zumindest den Wortlaut der Fragen zu kennen. Meinungsforscher wissen, dass die Verlässlichkeit von Antworten vom Fragenumfeld abhängt.

Doch es findet sich im Internet immer nur dieser eine Satz: 70 Prozent sind dagegen, 24 dafür. Meine Vermutung ist, dass Infratest Dimap bloß an eine andere Umfrage ein oder zwei Fragen zum Beschneidungsgesetz angehängt hat. Aber ich weiß es nicht, denn selbst auf der Homepage des Instituts ist alles, was man zum Stichwort findet, dass die Bundesbürger eine Beschneidung der Kompetenzen des Bundesrates ablehnen. (Wer kennt eigentlich die Kompetenzen des Bundesrates?) Mein Mail an die Pressereferentin des Instituts blieb unbeantwortet.

Das Spannende daran ist nun nicht die nebensächliche Frage, ob 70 Prozent das Beschneidungsgesetz nun wirklich kennen und ablehnen. Kann ja stimmen. Sondern, dass eine Aussage wie „70 Prozent sind dagegen“ hundertfach – auch auf seriösen Websites – als Faktum verbreitet wird, ohne dass irgendjemand nachfragt.

Denken Sie das nächste Mal daran, wenn Sie lesen: „Österreicher wollen...“, „Experten raten zu...“, „Marsmenschen möchten...“


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2013)

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4 Kommentare

Sehr geehrter Pressesprecher der ED Wien, lieber Herr Prüller,



vor einiger Zeit gab es Berichte über die Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen Priester (auch der ED-Wien) wegen Verhetzung und Wiederbetätigung.

http://www.spiegel.tv/?t=1108.473#/filme/magazin-25112012/

Erst nachdem die Ermittlungen gegen die Priester publik wurden, wurde die gegenständliche Homepage „kreuz.net“ nach 8-jährigem Bestehen (!) vom Netz genommen.

Mich würde wirklich interessieren, welche Konsequenzen es gegeben hat, da sogar der Wiener Kardinal seit langem Vermutungen zu den Personen hatte.

http://diepresse.com/home/panorama/religion/1315256/kreuznet_Verfassungsschutz-ermittelt-wegen-Verhetzung-

Vor allem deshalb, weil seit kurzem wieder solche „Katholischen Nachrichten“ unter einer neuen Adresse „kreuz-net.info“ verbreitet werden.

Diesmal sogar unverblühmt mit einem Impressum, das schnurstraks nach Wien führt.

Braucht es wirklich wieder die Polizei, oder gibt es irgendwelche Konsequenzen innerhalb der Kirche?

Danke im Voraus für Ihre Antwort!



Re: Sehr geehrter Pressesprecher der ED Wien, lieber Herr Prüller,

Ob Ihnen schon einmal aufgefallen ist, dass kreuz.net ebenso wie kreuz.net.info unter anderem die österr. Vertreter der kath. Kirche angreifen?
Vor allem den Erzbischof von Wien?
Wieso soll dessen Pressesprecher diesen oder sich also jetzt für diese Seiten rechtfertigen?

Re: Re: Sehr geehrter Pressesprecher der ED Wien, lieber Herr Prüller,


Haben Sie die Spiegel-Reportage gesehen? Es sind auch Priester der ED Wien, gegen die der Verfassungsschutz ermittelt!

Mich interessiert wirklich welche Konsequenzen es für Priester der ED Wien gibt, die Verhetzung und Wiederbetätigung betreiben!



worüber Die Presse nicht schreibt



http://derstandard.at/1356426829595/kreuznet-Nachfolgeseite-vom-Netz


Anmerkung: Die Presse ist im Besitz der römisch-katholischen Kirche



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