Bruno Schwebel, aus jüdisch-sozialdemokratischer Familie, hat ein berührendes Buch über seine Kindheit in Wien und Neulengbach geschrieben und die Flucht vor den Nazis nach Mexiko. Darin schildert er, wie lustig es war, einen mit ihnen wohnenden österreichischen Intellektuellen beim Feuermachen zu beobachten: Er schichtete einen Holzhaufen im Ofen auf, legte Papier darauf, und ganz oben kam dann das Zündholz hin. Auf die Idee, dass Feuer eher von unten nach oben brennt, ist der Intellektuelle nicht gekommen.
Ist es vielleicht genau das, was viele Intellektuelle von den Weisen unterscheidet – dass sie die Welt, wie sie ist, eben nicht erfassen können? Und sich daher eine andere basteln, deren Beschreibung dann so gescheit klingt, dass sie sogar Menschen fasziniert, die es eigentlich besser wüssten? Das notwendige Antidot sind Leute, die hinter ihnen aufräumen und die Welt wieder auf die Füße stellen. Ich bin daran vor Kurzem erinnert worden, als ich auf der Website der Frauenzeitschrift „Amica“ einen Artikel über den Trend des Casual-Datings las, also über zwanglose Rendezvous, die über das Internet mit Unbekannten vereinbart werden.
Dabei hat mich nicht nur der so passende Name des dort als „Seitensprungpapst“ zitierten Noel Bidermann amüsiert (so wie ja heute auch nichts mehr wild ist an einer „wilden Ehe“). Sondern ich fand auch folgende Passage, in der es darum geht, dass sich auch bei Online-Kontakten offenbar die „Sehnsucht nach emotionaler Nähe“ nicht immer ausschalten lässt. Dazu hat das Magazin sogar eine Expertin interviewt: „Viele Frauen neigen dazu, Sex mit der Aussicht auf Liebe und Beziehung zu verbinden“, weiß Sexualberaterin B.P. „So mancher Mann wiederum hat die Erfahrung gemacht, dass sich viele Frauen sexuell mehr öffnen, wenn er ihnen Hoffnungen auf ,mehr‘ macht, und wendet das sozusagen automatisch an“, erklärt die Expertin weiter. In diesem Fall führe das vermeintlich erotische Abenteuer zu Liebesfrust. Na sowas aber auch!
Wir sind offenbar so weit, dass Experten uns wieder sagen müssen, dass es im Sommer wärmer ist als im Winter und am Tag heller als in der Nacht. Mir bestätigt das meine schon lang gehegte Vermutung, dass gerade das Feld der zwischenmenschlichen Beziehungen seit Jahrzehnten eine der liebsten Spielwiesen der Intellektuellen der oben beschriebenen Sorte ist. Der Tenor heutiger Sexualerziehung: „Es ist gut, alles auszuprobieren (solange es mit Kondom passiert)!“ ist ja tatsächlich ungefähr so realitätsnahe wie eine Empfehlung, das Kaminfeuer von oben nach unten brennen zu lassen.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)















