Kinderkriege

Die Herrschaft der Lego- Männchen beginnt zu wanken. Betrachtungen über den Desilijic-Clan, galaktische Sklavinnen und das Stereotyp des bösen Stereotyps.

Den Protest der Türkischen Kulturgemeinde Österreich gegen den Lego-Bausatz „Jabbas Palast“ (Nr. 9516) haben Sie sicher mitbekommen: Der den „Star Wars“-Filmen nachgebaute, waffenstrotzende Palast sei als Moschee erkennbar und der Bösewicht Jabba als Orientale mit Wasserpfeife. Dadurch stelle Lego eine pädagogisch untragbare Verbindung von Religion und Gewalt her und bediene rassistische Vorurteile.

Natürlich entspricht Jabba schon im Film dem Stereotyp „orientalischer Despot“, auch wenn sein Clan-Name Desilijic eher an die kroatische Mafia denken lässt. Die von ihm gefangene Prinzessin Leia im Sklavinnen-Kupferbikini, am Halsring angekettet, bringt unversehens in die sexlose „Star Wars“-Filmwelt einen Schuss Sadomaso-Haremsatmosphäre. Oder was sich halt ein Europäer so unter Harem vorstellt.

Im Nachhinein bleiben zwei interessante Fragen. Die erste: Darf man – bei Kinderspielzeug schon gar – Stereotype verwenden? Und fördert das Rassismus? Macht der Typus kolumbianischer Drogenbaron alle Latinos schlecht? Ein intriganter Mandarin alle Chinesen? Und genug, um sie aus dem Kinderzimmer zu verbannen? Die zweite Frage: Wie konnte 30 Jahre lang die Provokation von Jabba, dem Orientalen, unentdeckt bleiben? Nicht einmal der schwüle Unterton der berühmten Filmszene war ja bisher irgendwem eine Bemerkung wert (außer mir, was meine Kinder aber bis heute nicht verstehen).

Der andere Vorwurf hingegen, hier werde Gewalt ins Kinderzimmer getragen, ist etwas bemüht. Dort ist sie schon längst. Lego ist eine Fundgrube politischer Unkorrektheit, und viele Sets könnten von der Waffenlobby gesponsert sein: Ninja, Ritter (der böse hat einen schwarzen Helm, der gute einen weißen!), Monsterjäger, „Herr der Ringe“-Figuren, Gestalten aus der Vampirwelt, Piraten der Karibik, böse Außerirdische („Alien Conquest“), Saurierjäger – alle haben ganze Arsenale von Gewehren, Laserkanonen, Schwertern, Pistolen, Lanzen . . .

Das ist auch dem Lego-Vorstand aufgefallen, dem vier Lego-Männchen angehören, aber keine einzige Frau: Fast alle Produkte richten sich an Buben! (Was nicht immer stimmt – meine Töchter haben sich mit ihren Brüdern um jedes Plastikschwert gestritten, aber egal.) So entstand die Produktlinie Lego Friends: fünf junge Damen in Hartplastik, auf dem Reiterhof, im Musikstudio und beim Backen im Garten. Dadurch hat sich der Umsatzanteil von Mädchen-Sets bei Lego verdreifacht. Aber locker auch die Angriffe: Lego verfestige im Kinderzimmer – richtig geraten! – Stereotype.

Dabei produzieren die doch nur, was ganz normalen Kindern Spaß macht. Ich lieb's.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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